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Amazons neues Geschäftsmodell : Welteneroberung

Von „Harry Potter“ bis „Star Wars“ schreiben Fans im Internet an Fortsetzungen ihrer Lieblingswerke. Amazon nimmt sie unter Vertrag - mit absehbaren Folgen für den Buchmarkt.

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          Im nächsten Monat wird die Welt der Literatur ein bisschen größer werden, die Konzentration auf dem Buchmarkt aber auch. Der Handelsriese Amazon, Meister aller Klassen, wenn es um die Ausnutzung kreativer Vorleistungen und merkantiler Vorteile geht, kündigt eine neue Publikationsmöglichkeit an: Kindle Worlds. Was steckt dahinter? Wie der Name schon sagt, einerseits medial ein Angebot auf dem amazoneigenen E-Book-Lesegerät Kindle (und den Amazon-Apps), andererseits inhaltlich die Fortschreibung von bereits existierenden Erzählwelten. Letzteres Phänomen gibt es, wie alles, was Amazon lanciert, schon länger, war aber bisher kaum kommerziell orientiert, weil hier Fans für Fans schrieben.

          Es ist im Internet längst üblich, dass populäre Erzählstoffe unterschiedlichster Provenienz (zum Beispiel „Star Wars“ als Kinoerfolg, „Harry Potter“ als literarisches Ereignis oder „Dr. Who“ als Fernsehphänomen) von Liebhabern der Originale als fanfiction weitergeschrieben werden - unter Verwendung der ursprünglichen Figuren und Handlungsrahmen. Bislang erfolgte das meist mit stillschweigender Billigung der Urheberrechtsinhaber an den Originalen, weil solche Spin-Offs die Bindung des Publikums an die Ausgangserzählungen verstärkten und in der Regel keine Gewinne einbrachten, weil sie von den Autoren im Netz gratis zur Verfügung gestellt wurden.

          Auf dem Weg zu einem Monopol?

          Das wird nun anders: Amazon erwirbt künftig von den Rechteinhabern populärer Stoffe pauschal die Erlaubnis, deren Grundkonstellationen und Figuren zu verwenden, und lädt dann alle Interessenten ein, sich an einer Fortschreibung zu versuchen. Bedingung: Das Ergebnis wird ausschließlich über Kindle Worlds vertrieben, so dass nur Nutzer eines Kindle oder der Amazon-Apps Zugriff auf die neuen Fortschreibungen haben. Dafür wird dann jeweils ein Kaufpreis zwischen einem und vier Dollar fällig. 35Prozent des Nettoertrags gehen an den Autor (im Falle eines umfangreichen Werks mit mehr als zehntausend Wörtern; bei geringerem Umfang gibt es nur zwanzig Prozent), ein individuell ausgehandelter Anteil entfällt auf den Rechtegeber. Amazon erhält den Rest sowie die weltweiten Verwertungsrechte an der Fortschreibung, so dass ein Monopol zu entstehen droht, das im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten Genres umfassen kann.

          Zum Start hat Amazon Verträge mit dem Warner-Medienkonzern über die erfolgreichen amerikanischen Fernseh- und Buchserien „Gossip Girl“ (Teenager), „Pretty Little Liars“ (Mystery) und „Vampire Diaries“ (Fantasy) abgeschlossen, so dass deren Fans nun bald Geschichten um ihre jeweiligen Lieblingsfiguren erzählen und per Kindle Worlds verkaufen können. Anfang Juni sollen mindestens fünfzig Bücher erhältlich sein.

          Nach Angaben von Amazon sind derzeit bereits die Hälfte aller Kindle-Bestseller selbstpublizierte Titel. Günstiger kommt man als Verleger nicht an Bücher heran. Vorschüsse werden natürlich nicht gezahlt, Lektorat und Gestaltung erfolgen durch die Autoren, und für die Werbung sorgen Leserkommentare und soziale Netzwerke. Druckkosten fallen ohnehin keine mehr an. Und einen bösen Nebeneffekt abseits des Buchmarkts gibt es auch noch: Die mit Amazon vertraglich verbundenen Urheberrechtsinhaber werden jede Copyright-Verletzung rigoros verfolgen, auch wenn es sich nur um Liebhaberprojekte handeln sollte. Die Rede von fanfiction ist fortan bloße Fiktion.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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