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Neuer E-Book-Reader : Amazons größter Konkurrent

Das ist zwar noch der alte Tolino, aber er hielt sich ja auch schon recht gut. Bild: Weltbild

Eine deutsche Erfolgsgeschichte: Am Samstag kommt die nächste Generation des Lesegeräts Tolino in den Handel. Das Gerät hat innerhalb kürzester Zeit den Marktführer in Bedrängnis gebracht - und ist ein Weckruf für die deutsche Buchbranche. 

          Gegen Amazon, wird oft achselzuckend behauptet, sei doch kein Kraut gewachsen. Dass diese Annahme nicht ganz richtig sein kann, zeigt die Entwicklungskurve des E-Book-Readers Tolino. Dessen bislang dreiköpfige Familie bekommt am kommenden Samstag Nachwuchs. Der „Tolino Vision“ geht mit E-Ink Carta Technologie direkt auf seinen Hauptkonkurrenten Kindle Paperwhite los, zum Preis von 129 Euro. Er ergänzt den preisgünstigeren Shine und die beiden Tablets mit 7- und 8,9 Zoll-Bildschirm.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der Erfolg war keineswegs vorherzusehen als vor einem Jahr ein Konsortium von Händlern antrat, das aus lauter Konkurrenten besteht. Der Club Bertelsmann, Thalia, Hugendubel, Weltbild und die Deutsche Telekom stellten gemeinsam den ersten „Tolino Shine“ vor. Das Gerät war ein Schnellschuss, in nur acht Monaten entwickelt, aber es traf ins Schwarze. Die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung bezifferte den Marktanteil des neuen Geräts im dritten Quartal 2013 auf 37 Prozent, den des Amazon Kindle auf 43 Prozent – das sind keine Welten mehr. Mittlerweile ist auch der Axel Springer Verlag über buecher.de im Boot, ebenso Buch.de und Otto.Media; grundsätzlich steht es auch kleineren Buchhändlern frei, in die Tolino-Welt einzusteigen.

          Ein offenes System

          Die tun sich aber häufig schwer, das heute als Nonplusultra geltende Multi-Channel-Konzept umzusetzen. Das Ausschöpfen aller Vertriebswege bei gleichzeitiger Kundenbindung – Bestellung rund um die Uhr, Auslieferung per Fahrradkurier in Großstädten, Newsletter für Kunden auf das Smartphone und sofort – ist für inhabergeführte Buchhandlungen, die am Rand der Selbstausbeutung operieren, oft kaum zu bewerkstelligen.

          Dabei hat der Tolino zwei entscheidende Vorteile gegenüber dem Kindle: Erstens ist er ein offenes System, das alle Formate und Anbieter zulässt und so die häufig kritisierte Gefangenschaft des Kunden im System Amazon vermeidet. Und zweitens kann man ihn in allen Filialen der beteiligten Firmen kaufen, das Gerät also ausprobieren und sich erklären lassen – was gerade ältere Kunden offenbar zu schätzen wissen. Und schließlich sind bereits an die 1,2 Millionen E-Books für Tolino-Nutzer erreichbar, rund die Hälfte davon sind deutsche Titel, den Großteil des Angebots machen belletristische Titel aus.

          Das laufende Insolvenzverfahren von Weltbild ist ein Signal, auf das man in diesem Augenblick gern verzichtet hätte. Kein Wunder, dass Thalia-Chef Michael Busch darauf pocht, es gehe jetzt darum die Marke zu stärken. Geholfen haben dem neuen Gerät zweifellos die anhaltenden Diskussionen und Streiks wegen der Arbeitsbedingungen in den Logistikzentren von Amazon, geholfen hat auch die dadurch beförderte Entscheidung vieler Kunden, sich dem Datenhunger amerikanischer Großkonzerne nicht vollständig ausliefern zu wollen. So kommt der Tolino wie ein später Weckruf für die deutsche Buchbranche, das Feld nicht kampflos zu räumen. Dass er gehört wird, ist ein gutes Zeichen.

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