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Amazon Deutschland : Alle seine trockenen Schäfchen

  • -Aktualisiert am

Auch die Hardware gehört zum Programm: Kindle nennt das Unternehmen seinen E-Book-Reader Bild: REUTERS

Mancher Buchhändler mag diese Firma verteufeln, doch wer die Zentrale von Amazon Deutschland besucht, reist nach München und nicht in die Unterwelt: ein Klick in die Zukunft des Lesens.

          Unter den Raubtierfirmen des Internet gibt sich dieses als der Teddybär. Dabei weiß Amazon nicht viel weniger über seine Kunden als Google oder Facebook, kennt ihre Bedürfnisse, Geschmäcker und Neigungen, weiß überdies, wofür sie wie viel auszugeben bereit sind. Wie sich das Verhalten der Menschen im Netz verändert und welche Rolle etwa die demographische Entwicklung dabei spielt, das sind Informationen, aus denen Zukunft entsteht. Aber auf die Frage, was das Unternehmen, das längst vom Onlinebuchhändler zum größten Internet-Kaufhaus geworden ist, mit seinem Wissen macht, lächelt Ralf Kleber nur. Sicher, alle möglichen gesellschaftlich interessanten Daten wären vielleicht erhebbar aus den Kundendaten von Amazon – „aber das Spannende ist, dass wir es nicht tun“. Es liege Stärke darin, sich als Unternehmen zu disziplinieren. Das Wort „Disziplin“ wird an diesem Nachmittag noch einige Male fallen.

          Ein Herbsttag wie gemalt. Am Münchner Bahnhof erscheinen die Nicht-Trachtenträger wie seriös Verkleidete in der ausgelassen bunten Menge der Wies’n-Dirndl und Janker. Die Parkstadt Schwabing, das im Beton und Stahl internationaler Büroarchitektur erstandene Gewerbeareal der Stadt, sieht aus wie eine Werbepostkarte für moderne Arbeitswelt mit Wohlfühlprogramm. Vor dem „Sunshine Place“, wie das Hauptquartier von Amazon Deutschland heißt, parkt eine Horde geländegängiger Fahrräder; auf den Stahlbändern, die rings um den Gebäudekomplex laufen, steht „Schmetterlinge im Bauch“, „Trockene Schäfchen“, „Göttlicher Beistand“ oder „Schöne Wochenenden“ zu lesen.

          Die Schlagworte sind das einzige Indiz dafür, dass man sich in Deutschland und nicht auf einem amerikanischen Campus befindet. Junge Menschen kommen, fröhliche Lautstärke verbreitend, von der Mittagspause. Im Flur hängt eine riesige Fotocollage: „Sommerparty 2009“. Nur auf dem „Visitor’s Pass“ für Besucher steht „Escort Required At All Times“: deutlicher Hinweis darauf, dass Blicke hinter die sonnige Fassade nicht erwünscht sind.

          Ralf Kleber, seit bald zehn Jahren Geschäftsführer von Amazon Deutschland, trägt Jeans und offenes Hemd. Am Garderobenständer in der Ecke seines lichten Büros hängen Karohemd und Janker; am Abend soll es aufs Oktoberfest gehen, in einigen Tagen auch mit dem „Team“. Vierzigtausend Menschen beschäftigt Amazon allein in Deutschland, zur Weihnachtssaison sollen mindestens temporär nochmal zehntausend dazukommen. Doch über Zahlen will Ralf Kleber nicht reden, obwohl oder gerade weil sie gut sind. Welchen Platz Amazon Deutschland innerhalb der Unternehmensfamilie einnimmt, etwa im Vergleich zu Großbritannien, Frankreich und Italien, Japan oder China? „Das ist doch unerheblich.“ Auch wie viele Exemplare des E-Reader Kindle Amazon.de seit dessen Einführung im April verkauft hat, verrät er nicht, nur soviel: Der Kindle stehe seit Erscheinen ständig auf einem der vordersten Verkaufsränge. Und Rankings sind Amazon heilig.

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