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Alzheimerheim in Thailand : Lebensabend in der Fremde

  • -Aktualisiert am

Sie sprechen nicht die gleiche Sprache und verstehen sich doch: Eine Alzheimerpatientin mit ihrer thailändischen Pflegerin Bild: Zeitenspiegel, Kathrin Harms

Das Heim liegt in Thailand. Die Patienten kommen aus Deutschland und der Schweiz. Nichts an ihrer neuen Heimat ist ihnen vertraut. Dennoch finden sie sich darin besser zurecht, als in ihrem eigenen Leben. Über eine Auswanderung ohne Wiederkehr.

          9 Min.

          Als Martin Woodtli seine Mutter schließlich nach Thailand brachte, war sie dreiundsiebzig Jahre alt. Sie war noch nie zuvor in diesem Land gewesen, sie beherrschte dessen Sprache nicht und kannte sich mit dessen Sitten nicht aus. Nichts von dem, was sie in Chiang Mai, einer Stadt im bergigen Norden, erwartete, würde sie an ihre Kindheit erinnern können, die sie in der Schweiz verlebt hatte, in einem Haus in Münsingen nahe Bern. Dabei waren es vor allem die Kindheit und die Jugend, in der sich Margrit Woodtli aufhielt, seit Alzheimer bei ihr diagnostiziert worden war.

          Ärzte und Freunde hatten Martin Woodtli von dieser Reise abgeraten. Man bringt keinen Menschen, der sich in seinem vertrauten Umfeld schon nicht mehr zurechtfindet, in eines, das er überhaupt nicht kennt, hatten sie gesagt. Man entwurzelt ihn nicht aus dem beständig kleiner werdenden Garten seiner Erinnerung. Doch nach einiger Zeit lief Martin Woodtlis Mutter über den Marktplatz von Chiang Mai, als sei es der von Münsingen, prüfte Mangos und Wasserspinat, als seien es Äpfel und Kartoffeln. Sie war in den Tempeln der Stadt ebenso beliebt wie in der Kirche zu Hause, und einmal, als sie mit ihren Sohn zusammen durch die Straßen spazierte, deutete sie scheinbar willkürlich auf ein Haus und sagte, dort sei sie als Kind zu Schule gegangen.

          Sie bleiben nicht, weil es billig ist

          Martin Woodtli steht, das Telefon in der Hand, in der Einfahrt des Anwesens „Baan Kamlangchay", was so viel wie „Begleitung des Herzens" bedeutet. Der Weg war schwer zu finden gewesen, die Hausnummern in der ruhigen Vorstadt von Chiang Mai schienen freihändig vergeben worden zu sein. Immer wieder hatte der Taxifahrer aussteigen und fragen müssen und das Haus dennoch erst gefunden, als er Martin Woodtli anrief und dieser ihm in fließendem Thai den Weg beschrieb.

          Jeder Gast hat drei feste Pflegerinnen, die abwechselnd rund um die Uhr für ihn da sind

          Es ist Mittag und in dem überdachten Vorhof des Haupthauses geht gerade das gemeinsame Essen zu Ende. Angestellte räumen die Reste von Hühnchen und Salat weg und bringen Früchte. Ein Mann mit dicker Brille und weißem Haar sitzt am Tisch und lächelt in einen rosa Plastikbecher hinein. Eine Frau mit eingefallenen Augen wird von einer Thailänderin mit einer Banane gefüttert. Ein Mann in grauem Poloshirt spricht mit seiner Betreuerin Französisch, obwohl sie gar kein Französisch spricht. Ein Mann im Rollstuhl blickt ins Leere, während seine Betreuerin ihm den Arm streichelt. Eine ältere Frau hakt sich bei ihrem Pfleger unter und geht mit ihm die Straße entlang. Ein leuchtender Hut schützt sie vor der Sonne, die alles hier als frisch verkauft. Der Mann mit der Brille hält immer noch den Plastikbecher vor das Gesicht.

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