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Alzheimerheim in Thailand : Lebensabend in der Fremde

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Die Patienten können nicht geheilt werden, aber sie sind auch nicht todkrank. Den größten Fortschritt, den Martin Woodtli mit ihnen erreichen kann, ist eine heitere Form von Stillstand. Jahrelang schaffte er es, seine Mutter in Chiang Mai bei Laune zu halten, sie stetig mit Reizen zu versorgen, auf dass sie aktiv und verspielt blieb. Aber so vertraut ihr in Chiang Mai das Neue erschien, so fremd wurde ihre das vermeintlich einzig Bekannte, ihr Sohn. Immer öfter passierte es nun, dass sie ihn nicht mehr erkannte, so wie sie einst ihren Mann, mit dem sie vierzig Jahre verheiratet war, nicht mehr erkannt hatte und ihn abwehrte, wenn er sie umarmen wollte, bis er sich schließlich wegen der Krankheit seiner Frau das Leben nahm. Danach war der Sohn mit ihr nach Thailand gegangen, wo sie vor vier Jahren schließlich an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben ist.

Jeder Gast, den Martin Woodtli in den Jahren, in denen er das Heim schon führt, begrüßt hat, war von der Krankheit bereits unkenntlich gemacht worden und wirkte oft fast unerreichbar. Zwar verspricht ein neuer Patient aus der Schweiz, auch für Martin Woodtli ein Stück seiner alten Heimat in das „Baan Kamlangchay" zu tragen. Aber da sind oft nur Fotos und Geschichten ohne Anfang, ohne Ende. An die Welt, die seine Gäste einmal mit Martin Woodtli geteilt haben, kann nur er sich noch erinnern.

Manfred ist einer seiner jünsgten Gäste. Er leidet unter Frontallappendemenz. Sein vorderes Gehirn schrumpft und schrumpft. Zu den ersten Symptomen dieser eher seltenen Art von Demenz zählen etwa Extrovertiertheit, wenn die Person, wie in Manfreds Fall, vorher eher introvertiert war, Verflachung der Gefühlsäußerungen, Störung der Urteilsfähigkeit, Vernachlässigung der persönlichen Hygiene, Zerstreutheit, Impulsivität sowie eine Verarmung der Sprache. Als Martin Woodtli Manfred das erste Mal sah, war der schon jenseits dieses Stadiums. Deshalb bat er die Angehörigen bei ihrem nächsten Besuch, ein Video mitzubringen, das Manfred so zeigt, wie sie ihn kannten. Martin Woodtli wollte etwas, das seine thailändischen Pfleger nie versuchen, weshalb sie dann auch nicht enttäuscht sind, wenn es nicht gelingt. Er wollte den Menschen kennenlernen, der sein Gast einmal gewesen war. Aber dann hat Manfreds Frau das Video zu Hause gelassen.

„Von da an hatte ich einen ganz anderen Mann“

Es ist jetzt später Nachmittag. Ein paar Meter neben dem Haupthaus wird ein hagerer, apathischer Mann von seiner Frau vorsichtig auf eine Bank gesetzt. Die Frau heißt Lorli und lebt in der Schweiz, sie ist nur zu Besuch in Chiang Mai. Die Bilder im Zimmer ihres Mannes zeigen ihn zusammen mit ihr und seinen Pflegerinnen. Ein kleines grünes Stofftier sitzt neben dem Kissen auf dem Bett, daneben ein großer, weißer Teddybär. Im Regal liegen in den drei dicken Fotoalben die Erinnerungen, die Justin heute fehlen.

Justin und Lorli sind seit fünfundfünfzig Jahren miteinander verheiratet. Er sei ein guter Mann gewesen, sagt sie. Einer, der viel im Haushalt half. Früher seien sie oft in die Berge gegangen und hätten dabei viel diskutiert. „Wenn es mir nicht gut ging, konnte ich mit ihm reden. Er hat mich verstanden". Vor ein paar Jahren begann Justin, Symptome semantischer Demenz zu zeigen. Nach und nach vergaß er, was die Worte, die ihn umgaben, bedeuteten. Vor drei Jahren, es war ein Freitag, stürzte er auf den Kopf, da lebte er noch mit Lorli zusammen. Am Montag sagten ihr die Ärzte, dass ihr Mann ins Heim müsse. „Von da an hatte ich einen ganz anderen Mann", sagt Lorli.

Im Schweizer Heim saß Justin manchmal allein im Aufenthaltsraum und klopfte mit den Fingern gegen die Fensterscheibe. Wenn die Angehörigen ihn besuchten, mussten sie erst klingeln, weil die Einrichtung immer abgeschlossen war. Die Pflegerinnen seien sehr lieb gewesen, sagt Lorli, aber sie hätten zu wenig Zeit gehabt. Ihr Sohn erzählte ihr schließlich von einem Freund in Chiang Mai und dem Heim, das es dort gibt. So brachte sie ihren Mann hierher. Sie mache sich noch manchmal Vorwürfe, ihn weggegeben zu haben, sagt Lorli, Auch wenn sie wisse, dass es ihm hier besser gehe als daheim.

Seit drei Jahren lebt Justin nun im „Baan Kamlangchay". Lorli besuchte ihn in dieser Zeit, so oft es geht. Jedes Mal, wenn sie ihn wieder sah, hatte er wieder ein paar Worte seiner Sprache verloren. Seit kurzem spricht er gar nicht mehr. Lorli bleibt nur, in seinem Gesicht zu lesen. Natürlich wäre sie gern in der Nähe ihres Mannes. „Aber ich brauche einfach eine Heimat", sagt sie. Nach sieben Wochen in Chiang Mai wird sie abreisen. Zurück bleibt ihr Mann. Und Martin Woodtli.

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