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Alzheimerheim in Thailand : Lebensabend in der Fremde

  • -Aktualisiert am

Zehn Menschen leben in dem Heim, das Martin Woodtli aufgebaut hat, zwei Deutsche und acht Schweizer, er nennt sie Gäste, aber es sind eigentlich Patienten. Jeder von ihnen hat irgendeine Form von Demenz. Sie wohnen in Häusern, die sich um jenes zweistöckige Gebäude in der Mitte des Viertel gruppieren, in das Martin Woodtli mit seiner Mutter zog, als er nach Chiang Mai kam. Neben dem Vorhof gibt es eine Bar, über deren Tresen eine Schweizer Flagge hängt. Auf der Terrasse steht eine Hollywoodschaukel. Dahinter liegen die Gärten der Nachbarn, in denen es riesige Farne gibt und goldene Tempel für die Hausgeister. Jeder der Gäste wird rund um die Uhr von drei Pflegern betreut, die einander in Schichten abwechseln. Der Aufenthalt in dem Heim kostet zweitausend Euro im Monat, und natürlich ist das weniger, als ein solcher Platz in der Schweiz oder in Deutschland gekostet hätte. Das war ja auch der Grund dafür, weshalb Martin Woodtli seine Mutter vor sieben Jahren nach Thailand brachte. Es ist aber nicht der Grund dafür, weshalb sie dann geblieben sind.

Er spricht mit seiner Pflegerin Französisch, sie versteht kein Wort

Chiang Mai ist die größte Stadt im Norden Thailands. Sie hat einhundertfünfzigtausend Einwohner und ist für die vielen buddhistischen Tempel und ihr angenehmes Klima bekannt. In den kältesten Monaten ist es noch immer mehr als zwanzig Grad warm, in den heißesten steigt die Temperatur nicht über dreißig. Eine der Leibspeisen der Region ist Khao Soi Gai, ein mildes Curry mit Huhn und Eiernudeln. Bis auf die Tatsache, dass es hinter der Stadt bergig ansteigt, und das sie ebenso aus Straßen und Häusern besteht, hat sie nichts von Münsingen.

Martin Woodtli führt zu dem Haus, das dem Haupthaus gegenüber liegt. Hier wohnt Bernard. Er ist dreiundsiebzig Jahre alt und Schweizer. Sein Zimmer ist aufgeräumt und sauber, das Bett frisch gemacht. Auf dem kleinen Schreibtisch liegen neben einem Brettspiel, einer rosa Lampe, bunten Bauklötzen und einer Haarbürste mehrere thailändische Illustrierte, von denen er kein einziges Wort versteht, in denen er aber jede Zeile jeder Seite säuberlich mit Kugelschreiber unterstrichen hat. Es muss ihn und seine Pflegerin ganze Nächte gekostet haben. „Der junge Mann ist Journalist, so wie Sie früher", stellt Martin Woodtli den Besucher vor. Aber Bernard spricht an diesem Tag kein Deutsch. Dafür spricht er mit seiner Pflegerin Französisch, was wiederum sie nicht versteht, ihnen beiden allerdings nichts auszumachen scheint. Bernard ist einer der lebhaften Gäste. Manchmal lässt er sich nicht aufhalten und marschiert durch die Vorstadt. Dann ruft die Pflegerin Martin Woodtli an, damit er ins Auto steigt und zu ihnen kommt. „Was ein Zufall, dass ich dich hier treffe", sagt er dann zu Bernard. „Bei mir daheim ist gerade ein Fest. Komm, steig ein!" Und nimmt ihn wieder mit nach Hause.

„Ich musste mich selber erst wieder integrieren“

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