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Brexit-Debatte : Helft den Alten!

Nach dem Brexit wollen Internetkommentatoren der älteren Bevölkerung das Wahlrecht streitig machen. Kein nobler Plan.

          Süßer Vogel Jugend, dachte sich das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, als es sein Forever-Young-Magazin „Bento“ aus der Taufe hob. Und Jugend ist kaufkräftig. Jung sind auch die Kommentatoren, und wenn das Urteil mal nicht ganz wetterfest ist, macht das nur sympathischer. Meinung entsteht durch Mut. Die Alten haben der Jugend ihre Zukunft gestohlen, erbost sich ein „Bento“-Autor im Post-Brexit-Blues. Die Stimme einer Neunzigjährigen habe doch tatsächlich genauso viel gezählt wie die einer Einundzwanzigjährigen. Skandal! Und nicht einmal Siebzehn- und Achtzehnjährige hätten abstimmen dürfen. Auch die Elf- und Zwölfjährigen nicht, möchte man hinzufügen. Und darunter sieht’s gleichermaßen düster aus. Da wächst eine verlorene Generation von Zukunftsbestohlenen heran. Solchen Ausrutschern könnte „Bento“ leicht vorbeugen, indem es das Mindestalter der Kommentatoren um zwanzig Jahre anhebt. Denn auch das gehört zur britischen Wahlwirklichkeit: Nur ein Drittel der Jungen ging wählen. Und von den Alten? 83 Prozent.

          Selbstsüchtige Zukunftssorgen

          Die politische Spaltung geht durch die medialen Bühnen. Beim zukunftsorientierten Internet-Volk kommt das Greisen-Mobbing gut an. Die vom ZDF bezahlte traditionsmedienkritische Online-Plaudertasche Mario Sixtus trug die Botschaft vom böswilligen Rollator-Piloten mit zusätzlicher Würze in die neue Medienwelt: Alte sollten bei Zukunftsfragen gar nicht abstimmen! Der Blogger Michael Seemann differenzierte das um den Vorschlag, das Wahlrecht nach der Restlebenszeit zu gewichten. Glänzender Einfall! Es werden dann Viertel- und Elftel-Stimmen vergeben. Der Wähler geht vor dem Urnengang zum medizinischen Restlebenszeitcheck, und das Ergebnis steht noch vor Ende der nächsten Legislaturperiode fest. Statistiker müssen die Frage lösen, um wie viel Prozent mehr die Alten dann wählen müssten, um die gerontokratische Vertrauenskrise auszugleichen. Man weiß jetzt, warum man Leuten nicht traut, die ein schönes Restwochenende wünschen.

          Auch ästhetisch ist das Lager gespalten. Politisch blieb es auf dem Popfestival in Glastonbury ruhig. Ihre Wut verpackten die Sänger nicht in Songs, sondern schrieben sie sich via Twitter von der Seele. Wie anders nimmt sich das milde Plädoyer für Alterssolidarität aus, das die Art-Rock-Band Pulp noch in den Neunzigern anstimmte: „Help the aged, one time they were just like you ... Give them hope & give them comfort ’cos they’re running out of time.“ Und die Caritas-Rocker The Ramones erkannten bereits 1984 in ihrem Song „I’m Not Afraid of Life“, dass der Blick auf das Alter von der durchaus selbstsüchtigen Sorge um die eigene Zukunft bestimmt ist: „But I see a street crazy shivering with cold. Is it a crime to be old?“ „Bento“-Autoren, gedenkt eurer Sterblichkeit!

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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