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Alternde Gesellschaft : Die Kinder der anderen

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Handeln bevor es zu spät ist: die alternde Gesellschaft braucht eine neue Gerechtigkeit zwischen den Generationen Bild: ZB

Eine Gesellschaft, in der bald jeder Dritte älter als sechzig ist, muss über die Lastenverteilung in Pflege und Rente neu nachdenken. Wir denken, es sei noch Zeit. Doch das stimmt nicht. Ein Plädoyer des CDU-Bundestagsabgeordneten Jens Spahn.

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          Zum Einstieg einer Fernsehsendung fragte mich einmal der Moderator, ob ich bereit wäre, meinen Beruf in Berlin aufzugeben und mich um meine Eltern zu kümmern, falls sie pflegebedürftig würden. Diese Frage traf mich völlig unvorbereitet. Schließlich sagte ich: „Die ehrliche Antwort ist: nein. Das würde ich nicht tun.“ Nach der Sendung rief ich schnellstens zu Hause an, um zu retten, was zu retten war. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass wir in unserer Familie noch nie darüber gesprochen hatten, was wir eigentlich voneinander erwarteten. Gingen unsere Eltern davon aus, dass mindestens eines ihrer drei Kinder sie schon pflegen würde? Hatte sich einer von uns dreien vielleicht diese Aufgabe sogar schon gedanklich vorgenommen? Oder wollten unsere Eltern uns gar nicht „zur Last fallen“? Und was, wenn unsere Vorstellungen denen unserer Eltern diametral gegenüberstünden? Streit, Enttäuschung, Zorn nicht ausgeschlossen.

          Das war der Anlass für uns, über diese Fragen zu sprechen und sie nicht wie bisher nach dem Motto „ist ja noch lange hin“ wegzuschieben - um sich dann plötzlich und unvorbereitet zu wundern, wie schnell es auf einmal gehen kann.

          Aufgeregter Stillstand

          Niemand redet gern übers Altern, übers Kranksein und Hilfloswerden. Und niemand stellt sich gern konkret der Frage, was passiert, wenn die eigenen Eltern nicht mehr allein können - wie wäre es, den eigenen Vater zu wickeln oder zu füttern? Nicht nur auf der familiären Ebene bleiben wir bei diesen Themen gern im Abstrakten. Wir hauen uns in Talkshows, Sonntagsreden und Experten-Debatten zwar die Statistiken um die Ohren und beschwören die Folgen der „demographischen Entwicklung“ - was als stehender Begriff schon euphemistisches Synonym für die vergreisende Gesellschaft geworden ist -, aber immer, wenn es um konkrete Antworten geht, ducken wir uns weg. Oder aber schon Erreichtes wird populistisch wieder in Frage gestellt. Egal, ob es um die Rente mit 67, steigende Gesundheits- und Pflegekosten oder auch den drohenden Fachkräftemangel geht.

          Sollten wir wirklich in Wahlkämpfen Rentenerhöhungen versprechen, weil die Senioren die größte Wählergruppe sind? Wie viele tausend Schulen müssen geschlossen werden, weil die Kinder, die sie besuchen sollen, vor sechs Jahren nicht geboren wurden? Teuerste Gerätemedizin für Intensivpatienten in den letzten Lebenswochen - notwendig, bezahlbar, ethisch vertretbar? Verpflichtender sozialer Dienst für über Fünfundsechzigjährige anstatt für Achtzehnjährige - dummes Zeug, unzumutbar oder vielleicht doch eine Bereicherung für beide Seiten?

          Und dennoch werden solche Diskussionen jedes Mal nach wenigen Tagen medialer Erregung notfalls per Machtwort beendet, ohne dass man zum eigentlichen Kern vorgedrungen wäre. Aber größtmögliche Aufregung bei maximaler Folgenlosigkeit können wir uns nicht mehr lange leisten. Wir müssen endlich lernen, Debatten über das Kinderkriegen, das Jungsein und Altwerden, über Gebrechlichkeit und Tod nicht nur auszuhalten, sondern sie auch aktiv und gelassen zu führen.

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