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Die TV-Serie „Run“ : Alte Liebe rastet nicht

  • -Aktualisiert am

Auf großer Fahrt: Domhnall Gleeson und Merritt Wever in „Run“ Bild: HBO/Sky

Ruby rennt, Billy brennt: Vicky Jones und Phoebe Waller-Bridge schenken uns mit „Run“ die romantischste Serie des Jahres.

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          Kann eine Beziehung so ungestüm und erfüllend sein, dass man sie besser nicht fortsetzt? Dass der Abosender HBO wider allen Erwartungen sowohl der Zuschauer wie der Serienmacherinnen Vicky Jones und Phoebe Waller-Bridge – das renommierte „Fleabag“-Team, wobei diesmal Jones federführend ist und Waller-Bridge als Produzentin und drollige Nebendarstellerin fungiert – die erfolgreiche Serie „Run“ nach nur einer Staffel absetzt, wie Anfang Juli bekannt wurde, ist jedenfalls ein Glücksfall, und das nicht, weil „Run“ enttäuschend wäre, ganz im Gegenteil. Die sich vom ersten Augenblick an atemlos in ein romantisches Abenteuer verstrickende Geschichte ist nicht nur gut, sie ist geradezu perfekt so, wie sie ist: in einer einzigen Kurzstaffel und mit einem offenen Ende, das als „Cliffhanger“ gedacht gewesen sein mag, aber das einzig angemessene, würdige Finale für diese Amour fou darstellt. Nicht alles muss zuschanden geritten werden in Fortsetzungen: Lassen wir dieser einen Liebe den Zauber der Einmaligkeit.

          „Run“ ist vielleicht die romantischste Serie des Jahres, eben weil sie sich so beherzt gegen das Romantische wehrt, weil sie mit schrägem Humor, Ironie, Schlagfertigkeit, Genreanleihen und sogar halbwegs ernsthaften Einwänden gegen die bei allem Klischeeverdacht doch übermächtige Grundidee ankämpft, dass zwei Menschen in der Midlifekrise sich ihrer Jugendliebe erinnern und noch einmal miteinander jung und verantwortungslos sein dürfen.

          Dass die Serie zu großen Teilen in einem von New York quer durch Nordamerika nach Los Angeles ratternden Zug spielt, verleiht ihr nicht nur eine Aura der Rastlosigkeit und des Ungebundenen, sondern bringt neben etwas „Mord im Orientexpress“-Thrill auch viel Intimität mit sich, wie man sie sonst nur aus Kinosälen kennt.

          Per Codewort aus dem Alltag

          Eine ganze Woche verbringt unser Liebestraumpaar in diesem maximal verdichteten Raum, in dem sich selbst Fremde so aneinander vorbeischlängeln müssen, dass es einem Engtanz gleichkommt. Währenddessen rauscht vor den großen Fenstern wie auf einer Leinwand eine magische Landschaft an ihnen und uns vorbei, ganz so, wie vor dem inneren Auge der Protagonisten zwei uramerikanische Halb-Biographien vorüberziehen: als brav-biedere Ehefrau-Mutter respektive als erfolgreicher, aber substanzloser Lebens-Coach-Guru. Größeres wollten sie beide.

          Dass Ruby und Billy gemeinsam auf dieser Reise sind, hat mit einem Versprechen aus College-Tagen zu tun. Damals schlossen die Jungverliebten einen Pakt: Würde das ausgegebene Codewort „Run“ irgendwann in der Zukunft vom anderen mit dem Codewort „Run“ beantwortet, würden sie ohne zu zögern nach New York eilen, gemeinsam diesen Zug besteigen und nach einer Woche entscheiden, ob sie ein Paar bleiben wollen. Mit der „Run“-SMS, die Ruby erhält, beginnt die erste Episode, und schon bald stehen die Durchgebrannten vor der Frage, wie viel von ihrer Lebensrealität sie einander zumuten sollen, ohne die bis dahin so freie Anziehung zu gefährden. Natürlich bleiben Streits und Kränkungen nicht aus. Die alte Sache mit dem Fluss, in den man nicht zweimal steigen kann.

          Merritt Wever und Domhnall Gleeson spielen die beiden Ausreißer so charmant verloren und zugleich so entschieden, so hinreißend aufgeregt und doch voller Selbstzweifel, kurz: so aufrichtig verknallt in sich und das Leben, dass man sich dabei ertappt, diesem schönen Carpe-diem-Paar selig-blöde lächelnd zuzusehen wie zuletzt vielleicht Julie Delpy und Ethan Hawke in Richard Linklaters Zug-Romanze „Before Sunrise“. Und schon ist man Vicky Jones in die Falle gegangen, die uns Romantiker nicht nur mit anarchisch körperlicher „Fleabag“-Komik auf den Arm zu nehmen genießt, sondern auch mit groteskem Grusel, der wirkt, als wollten die Coen-Brüder sich einen Reim auf Alfred Hitchcock machen. Dass die Rolle der die beiden eifersüchtig verfolgenden Ex-Mitarbeiterin Billys (Archie Panjabi) nicht sonderlich subtil ausgestaltet wurde, wird unerheblich, sobald die Handlung durch ihr Auftauchen völlig entgleist, was der Ruby-Billy-Affäre noch ein wenig „Bonnie und Clyde“-Aroma verleiht. Auf irritierende Weise verschwenderisch wiederum scheint es, einem so kraftvollen Schauspieler wie Rich Sommer – der wunderbare Harry Crane aus „Mad Men“ – die ihn gnadenlos unterfordernde Rolle von Rubys in der Ferne wütendem Ehemann zuzuweisen. Vielleicht hatte man da schon für die nächste Staffel vorgecastet.

          Die Zwischenstopps eignen sich wunderbar, um in ironischer Brechung Klischees eines Roadmovies oder Gangsterfilms zu subvertieren: Kaufhausdiebstahl, ein Rucksack voller Geld, eine „Fargo“-Nebenhandlung rund um eine verpeilte lesbische Polizistin und eine versponnene Tierausstopferin. Es wird auch eine charmante Erklärung für das Spiel mit Stereotypien angeboten: Sie habe sich, gesteht Ruby, in ihrem Mittelklasse-Ennui vorgestellt, zwei Personen zu sein, die langweilige Hausfrau und eine wilde Version ihrer selbst, die allerlei Abenteuer erlebt. Die gesamte Serie lässt sich auch als Bebilderung dieses Traums verstehen, wobei dann hinter allen Spiegeln doch die Botschaft aufscheint, dass sich ein Leben umstülpen lässt. Freilich würde die charakterliche Oberflächlichkeit der Protagonisten irgendwann zum Problem, sieben kurze Folgen lang aber nicht. Hier geht es nur um die Wahrhaftigkeit des Moments, und die ist jederzeit gegeben. Nichts ist wirklich ernst gemeint auf dieser Zugfahrt zum Verlieben, aber alles zum Anfassen echt. Das exakte Gegenteil zur verkniffenen deutschen Humorromanze à la „Traumschiff“ also.

          Run läuft dienstags um 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic (und auf Abruf).

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