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Kulturkritik : All die guten alten Formen

Ist es das, wovor sich Kulturkritiker fürchten: Sinnlichkeit, Gegenwart, Lärm? Rihanna bei einem Auftritt in Rio de Janeiro Bild: Picture-Alliance

Während in der Welt die realen Grenzen durchlässiger werden, zieht die Kulturkritik neue Mauern hoch und schottet das eigene Territorium ab. Verunsicherung wird mit Werktreue bekämpft.

          7 Min.

          Wir mussten Sicherheitsschuhe anziehen und eine neonhelle Weste und einen Helm aufsetzen, dann betraten wir die deutsche Kulturkritik von innen. Es war ein kalter, zugiger Ort, riesig groß und grau, aber handwerklich sauber gearbeitet, von der heutigen Generation für die nächste im Geist der Generationen, die vor ihnen kamen. Eine Kathedrale, eine Maschine der Referenzen und Zitate, gebaut auf den Säulen der Tradition, die Blickachse immer auf die alten Griechen gerichtet, und immer in Sichtweite auch die Reste der Diktaturen, die man nicht aus den Augen verlieren durfte. Es war kalt und zugig und riesig, und man kam sich klein und auch etwas verloren vor.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das mit den Schuhen, der Weste und dem Helm stimmt. Aber es war nicht die Kulturkritik, für die wir uns hier sicherheitshalber umziehen mussten, sondern die Baustelle des Berliner Stadtschlosses. Ein „führender Stadt- und Projektentwickler“ aus dem Premiumsegment, so nannte er sich selbst, hatte eingeladen, um ein neues Projekt vorzustellen, einen Wohn- und Geschäftskomplex in der sogenannten historischen Mitte Berlins, am Schinkelplatz gegenüber vom Schloss. Und als Höhepunkt war eine Führung über die Baustelle organisiert worden. Und weil man dabei aufpassen musste, wohin man tritt und worüber man stolpert und was einem so alles auf den Kopf fallen könnte, waren Sicherheitsschuhe, Helm und Weste Pflicht.

          Man klammert sich an Formen, Säulen, alte Pläne

          Und wie wir da durch das Schloss stiefelten, einem, nein: dem Premiumprojekt der Bundesrepublik Deutschland, und draußen der Berliner Abendverkehr romantisch funkelte, zeigte sich selbst im Rohbau schon: Woher wir kommen, wo wir stehen, wohin wir wollen – die Antwort gibt ein Formzitat von gestern. Wir füllen diese Form dann zwar noch mit unserem politisch korrekten Weltwissen von heute, das Schloss soll ja ein Ort werden, sagen die Verantwortlichen, an dem die Welt sich selbst auf höchstem Selbstreflexionsniveau betrachten kann – aber eben in einem Bau nach alten Plänen, gegossen in neuen Beton, mit einer sechzig Zentimeter dicken Fassade drum herum, original nachgeklinkert.

          Und das mitten in einer Stadt, in die jedes Jahr mehr Menschen aus aller Welt reisen, weil sie so lebendig und von heute ist. Man muss nur eine ausländische Zeitung aufschlagen, dann liest man genau das: Berlin wird gesehen als Repräsentanz eines Landes, das insgesamt auf ziemlich beneidenswerte Weise alle Tassen im Schrank hat. Bald stehen diese Besucher dann aber vor einem Neubau aus dem 18. Jahrhundert, für den mit einem konzeptionellen und rhetorischen Kraftakt eine Funktion gefunden wurde, die irgendwie Anschluss findet an das, was sonst so in dieser Welt los ist. Zum Beispiel daran, dass diese Welt nicht ein Zentrum hat, sondern viele. Der Hohenzollernbau selbst aber verleiht äußerlich nur dem großen Wunsch nach Herkunft und Erbe eine Form. Nach einem Zentrum, das auch schon früher ein Zentrum war, bis es gesprengt wurde von den Bösen.

          Man klammert sich an Formen, Säulen, alte Pläne. Und während die realen Grenzen geöffnet werden und Menschen aus anderen Gegenden der Welt zu uns kommen, zieht man andere Grenzen wieder hoch. Und zwar die, die wir um unsere Traditionen herum errichtet haben. Oder man verstärkt diese Grenzen noch.

          Gehorsam gegenüber Regeln

          Da ist Verunsicherung spürbar. Die wird mit Werktreue bekämpft. Gehorsam gegenüber Regeln wird eingefordert. Territorien werden verteidigt. Das ist nicht nur am Schloss ablesbar, auch in der Kulturkritik zeigt es sich. Für die wir im Rest der Welt übrigens auch ziemlich beneidet werden, für den Stellenwert der Kultur innerhalb der Gesellschaft überhaupt. So etwas wie das deutsche Feuilleton gibt es anderswo nicht. Aber vielleicht erklärt das auch den Drang zur Besitzstandswahrung.

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