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Alkoholismus in Russland : Das Teufelszeug des Lebens

  • -Aktualisiert am

Von wegen „Auf die Gesundheit“: Laut einer Studie sorgt Wodka für eine geringere Lebenserwartung in Russland Bild: AFP

Russland hat ein Alkoholproblem: Zu viel Wodka gilt laut einer Studie als die häufigste Todesursache unter Männern. Aber auch Enthaltsame leben gefährlich. Denn mit betrunkenen Russen ist nicht zu spaßen.

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          Wie unerlässlich Wein oder Schnaps bei der Wahrheitsfindung ist, weiß keine Kultur so gut wie die russische. Eine der schönsten Beschreibungen, wie der Rausch einem gleichsam die Staubschicht von der Netzhaut wischt, verdanken wir Alexander Blok, in dessen Gedicht „Die Unbekannte“, das jambische Strophen mit unnachahmlich stolpernden Daktylusreimen verklammert, ein Kneipenbesucher durch das „Medium“ einer Prostituierten hindurch in ferne Zauberreiche blickt. Das eigene Spiegelbild im fast leer getrunkenen Glas jedoch verläuft ihm dabei zur Fratze.

          Das erträgt nicht jeder, wie die Polizeistatistik zeigt. So wurde einem russischen Fotomodell aus dem Raum St.Petersburg beim feuchtfröhlichen letztjährigen Sommersonnwendfest schlagartig klar, dass ihre Freundin sie an Schönheit übertraf. Sie ertränkte diese kurzerhand. Die Mörderin fand sich in der Psychiatrie wieder.

          Ertränkt, erstochen, mit der Spitzhacke erschlagen

          Nicht lange zuvor hatte ein Klosternovize im zentralrussischen Mordowien, während er mit einem Glaubensbruder zechte, Teufelshörner bemerkt, die, wie ihm schien, aus dem Kopf seines Kumpans hervorwuchsen. Sie erwiesen sich gegen die Spitzhacke, womit er sie abzuschlagen versuchte, als resistent. Da brachte der Gottsucher den „Besessenen“ um – und kam alsbald auch in die geschlossene Anstalt.

          Die russische Regierung macht sich lange schon Sorgen um ihr Volk, dessen Lebenserwartung vom Alkohol insgesamt drastisch verkürzt wird. Wobei tragischerweise die Staatskasse von den Steuereinnahmen aus dem Schnapsverkauf geradezu abhängig ist. Allerdings hört man von Russen auch immer wieder, dass sie, hätten sie in Krisensituationen nicht ihre Nerven mit Hochprozentigem beruhigt, längst tot wären.

          Trägt das russische „Wässerchen“ Wodka, das als Desinfektions- und Allheilmittel nach Russland kam, seinen Urnamen „Lebenswasser“ (Aqua Vitae) vielleicht doch zu Recht? Jedenfalls fördert es den russischen Radikalismus. Wie bei jenem Mann in der Wolga-Stadt Tscheboksary, der Ende letzten Jahres im Suff die Entschlusskraft fand, sich aufzuhängen. Als seine Wohnungsmitbewohnerin ihn rettete, indem sie schnell entschlossen die Schlinge durchschnitt, erstach er sie aus Ärger. Doch seine Lebensmüdigkeit war weg. In der Strafkolonie wird er gut aufgehoben sein.

          Kerstin Holm
          (kho.), Feuilleton

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