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Alkohol in Kunst und Kultur : Zum Abschied noch einen Drink

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Nach der Veröffentlichung seines Albums „Bone Machine“ hörte er auf zu trinken: Tom Waits 1992 Bild: www.fotex.de

Wer, wenn nicht der Sänger und Pianist selbst, soll bei Tom Waits betrunken sein? Was ließ sich Goethe seine Spirituosen kosten? Worauf brachte Picasso der Absinth? Weitere Ausflüge in Literatur, Musik, Kunst und Drama.

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          Trink mit mir, mein Klavier!

          Es gebe Songs, sagte Tom Waits einmal in einem Interview, Jahrzehnte nach der Veröffentlichung seines vierten Studio-Albums, die würden für eine Platte geschrieben, aufgenommen und kaum mehr gespielt. Andere hingegen begleiteten einen Musiker lange Zeit. Auf „Small Change“ aus dem Jahr 1976 fänden sich ein paar davon. „The Piano Has been Drinking“ gehört mit Sicherheit dazu.

          Rückblickend nannte Waits die Entstehungsphase des Albums eine harte Zeit: Er sei zu viel unterwegs gewesen, habe zu schlecht gegessen und zu viel, viel zu viel getrunken. Nach schlechten Erfahrungen bei Auftritten in Amerika war er ein erstes Mal nach Europa gegangen. In einem Hotelzimmer in London schrieb er in kürzester Zeit die Songs für „Small Change“. Den letzten auf der A-Seite, „The Piano Has Been Drinking“, nannte er ergänzend „An Evening With Pete King“, dem Betreiber des berühmten Londoner Jazz-Clubs Ronnie Scott’s, in dem Waits Anfang Juni 1976 aufgetreten ist. Im Song werden eine ganze Reihe von Auffälligkeiten registriert: Der Schlips des lyrischen Ichs schläft, der Teppich könnte einen Haarschnitt vertragen, im Telefon gibt es keine Zigaretten mehr, die Aschenbecher haben sich zur Ruhe gesetzt. Die Bedienung der Bar sei nicht einmal mit einem Geigerzähler mehr zu finden und der Besitzer ein mentaler Zwerg mit dem IQ eines Zaunpfahls. Zu einem immer wiederkehrenden, simplen Akkordschema wird das Klavier wiederholt der Trunkenheit bezichtigt, in entschiedener Abgrenzung zum Sänger und Pianisten, der damit zugleich jede Schuld an der musikalischen Darbietung von sich weist.

          Ein Kunstgriff von einiger Raffinesse, setzt der Song doch nicht nur die von Tom Waits sorgfältig gepflegte Bühnenfigur des ramponierten Poeten in einer Mischung aus Verzweiflung, Größe und Witz in Szene, sondern erlaubt noch dazu die glaubwürdige Aufführung selbst in desolatem Zustand. Das macht „The Piano Has Been Drinking“ zur gefährlichen Ausrede, die nicht nur innerhalb des Songs funktioniert – und damit zu einer Falle.

          Ohne den Suff ist diese Selbstinszenierung von Tom Waits kaum vorstellbar. Wie schwer muss es sein, das eigene künstlerische Schaffen aus einer solchen Abhängigkeit zu befreien? Wenn man trinke, könne man nie sicher sein, ob die Geister, die sich durch einen hindurchbewegten, die eigenen oder die der Flasche seien, sagte Tom Waits vor bald fünfzehn Jahren in einem Interview im „Guardian“. Von einem bestimmten Punkt an bekomme man Angst vor der Antwort. Das sei wohl einer der Hauptgründe, der die Leute davon abhalte, nüchtern zu werden: die Angst, herauszufinden, dass es die ganze Zeit der Alkohol war, der gesprochen hat. Er habe immer vom Leben fasziniert sein wollen, sagte Tom Waits 2011 in einem anderen Interview mit dem Sender NPR. „Ich glaube, wenn du trinkst, beraubst du dich vielleicht selbst dieser wahren Erfahrung, auch wenn es so wirkt, als hättest du mehr davon. Doch man bekommt weniger davon.“

          Schon Anfang der neunziger Jahre hat Tom Waits dem Trinken abgeschworen. Wie es dem Klavier seither geht, ist nicht überliefert. (kue)

          Wein, Wein, nur du allein

          „Jetzt trink’n ma noch a Flascherl Wein“, das Volkslied von Carl Lorens, ist in Österreich seit mehr als hundert Jahren der Soundtrack zur immerwährenden Neutralität einer Geißel der Menschheit gegenüber. Was früher die Weinseligkeit im Heurigen war, wird seit dem Glykolwein-Skandal von vor fünfunddreißig Jahren erfolgreich als kultivierte Lebensart eines hochpreisigen Qualitätsweinlandes vermarktet. Die österreichische Literatur hat das Thema Alkohol und Missbrauch desselben im zwanzigsten Jahrhundert als Kernthema begriffen, um dem „gemeinen Unglück“, als das Sigmund Freud eine krank machende Welt beschrieb, zu Leibe zu rücken.

          Schon der Wiener Expressionist Georg Trakl versank in „Meeren von Wein“, bevor mit Joseph Roth ein heiliger Trinker die Bühne betrat. Nur Karl Kraus hatte keine Zeit für Alkoholmissbrauch, er bevorzugte die Askese als Rauschmittel. Heimito von Doderer feierte den steirischen Sliwowitz im Roman „Die Strudelhofstiege“ im Jahr 1951 als Heiltrank. Bis heute entfaltet „Frost“, Thomas Bernhards Romandebüt von 1963, eine geradezu unheimliche Suggestivität, wenn er den Menschenschlag im salzburgischen Pongau schildert: „Man steckt den Säuglingen ,Schnapsfetzen‘ in den Mund, damit sie nicht schreien. Viele Missgeburten. Der Anenkephalos ist hier zu Hause ... Der Alkohol hat die Milch verdrängt. Alle haben sie hohe heisere Stimmen. Den meisten ist eine Verkrüppelung angeboren. Alle im Rausch erzeugt. Größtenteils kriminelle Naturen...Die schwere Körperverletzung und die Unzucht und die Unzucht wider die Natur sind an der Tagesordnung. Die Kindesmisshandlung, der Mord, Vorfälle für Sonntagnachmittage.“

          Noch radikaler, weil autobiographisch, geht Ingeborg Bachmann mit sich um. In ihrem postum veröffentlichten Gedicht „Alkohol“ heißt es: „ich sags nicht weil keiner es sagt / warum es trinkt, sich zu Tod säuft“. Sie ahnte, dass ihre künstlerische Verausgabung in die Agonie führen würde. Der früh verstorbene Gunter Falk, Mitglied der „Grazer Gruppe“, hat seine Suchterfahrung in Gedichte gefasst: „hans trinkt/hans trinkt weil franz trinkt/franz trinkt weil hans trinkt/hans trinkt weil er lustig ist/hans ist lustig weil franz lustig ist“. Werner Schwab, ebenfalls früh Opfer seiner Sucht geworden, zeigte die depravierenden Auswirkungen unter anderem 1991 in seinem Stück „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“. Heute steht etwa der Name Stefanie Sargnagel für ein Thema, das nie weggewesen ist, sondern allgegenwärtig ist: Die Volkslieddichter Sailer und Speer haben mit ihrem Trunkenheits-Video „Ham kumst“ schon mehr vierzig Millionen Aufrufe. Das Flascherl bleibt. (hhm.)

          Sei doch bloß kein Rüpel

          Das Autoren-Ich hat einen Plan: Nach dem Frühstück arbeiten, ein Bad nehmen, abends zum runden Geburtstag des Freundes, aber früh wieder aufbrechen. Auch der Kritiker will zur Geburtstagsfeier, aber vorher noch seine Rezension schreiben und nachher ins Theater.

          Doch der russische Satiriker Arkadi Awertschenko (1881 bis 1925) lässt in seiner Erzählung „Benebelt“ (auf Russisch: Tschad) beide den Jubilar schon im Frühstückslokal treffen, wo dieser mit einem „erfrischenden“ Wodka auf die Begegnung anstoßen will. Den Hinweis auf Nierenschwäche lässt das dünnhäutige Geburtstagskind ebenso wenig gelten wie den auf Schreibschulden, seine Mahnung an die Freunde, bloß „keine Rüpel“ zu sein, bringt das Trio dazu, sich am Gleichklang der Gemüter zu berauschen und alle Pläne – einschließlich der Geburtstagsfeier – über Bord zu werfen. Mit Huldigungen an die Herzensintelligenz der anderen reden sie einander nicht zuletzt ihre Termine aus, zumal das über eigene Versäumnisse hinwegtröstet.

          Als das Lokal spätabends schließt, finden sich die drei auf der Straße, völlig erschöpft vom Trinken, vom Zusammensein und vom verlorenen Tag. Aber aus Angst, die anderen zu verprellen, verabschiedet sich keiner. Zu seinem eigenen Entsetzen lädt das Autoren-Ich die anderen zu sich nach Hause ein, wo der Jubilar auch den Diener ermahnt, bloß kein Rüpel zu sein. Beim Katerfrühstück lesen die Freunde nur noch Verachtung und Hass in den Gesichtern der anderen. Doch unerbittlich schweißt der Wodka sie zusammen. (kho.)

          Gib mal her, die Kamera!

          Natürlich kann Alkohol Trost spenden, Halt geben und dem Leben einen Sinn. Vielleicht nicht jedem und vielleicht nicht überall auf der Welt, aber wer Ende der sechziger Jahre das Café Lehmitz besuchte, eine Kaschemme am Ende der Reeperbahn, hatte dort ein Zuhause, an dem man, ohne sich schämen zu müssen, morgens unter einem Tisch aufwachen durfte, und fand dort von Mitternacht an im fröhlichen Völkchen einer ausgelassenen Gesellschaft so etwas wie eine Familie. Menschen waren hier zusammengekommen, die man beschönigend „gestrandet“ nennt, obwohl sie in Wirklichkeit darum kämpfen, nicht unterzugehen. Es waren Penner, Stricher und Prostituierte, Zuhälter, Handlanger und Kleinkriminelle, von denen keiner den Eindruck vermittelte, es in seinem Beruf besonders weit gebracht zu haben, und die dort dann umso exzessiver tranken und ekstatischer tanzten. Die Frauen hoben keck das Unterhemdchen, manche Männer griffen beherzt zu. Und mittendrin ein schwedisches Bürschchen aus gutem Haus, achtzehn Jahre alt, nach Deutschland gekommen, um die Sprache zu lernen, im Kopf aber schon den Traum von der Karriere als Fotograf.

          Spiel mir das Lied der guten Laune!
          Spiel mir das Lied der guten Laune! : Bild: Anders Petersen 1978/Schirmer Mosel Verlag

          Ein Zufall hatte den jungen Mann ins Café Lehmitz geführt, und als er dort einigermaßen naiv seine Kamera unbeobachtet auf einem Tisch hat liegen lassen, so geht die Legende, wurde sie ihm keineswegs gestohlen, vielmehr nutzten die Gäste die Gelegenheit, sich wechselseitig zu fotografieren, bis der Schwarzweißfilm voll war. Das brachte Anders Petersen auf eine Idee – und machte ihn später weltberühmt. Denn fortan nahm er die Bilder selbst auf. Abend für Abend. Jahr für Jahr. Das Buch „Café Lehmitz“, 1978 erstmals erschienen und bis heute lieferbar, ist ein Klassiker der Fotobuchliteratur und so etwas wie das Vorzeigestück, wenn Beispiele gesucht werden für den Balanceakt zwischen Kunst und Sozialreportage. Und was wurde für Petersens hemmungslosen Einsatz nicht alles an Begriffen gestaltet, bis hin zum „konfrontativen Humanismus“. Denn nie wurde Petersen, den bis heute bei seiner Arbeit eine ungebändigte Neugierde auf das Leben im Extrem antreibt, zynisch. Er ist das, was die Sozialanthropologie den teilnehmenden Beobachter nennt. Zählt sich stets irgendwie dazu. Was ihn in ein Dilemma führte.

          Für gute Fotografien, erklärte er einmal, müsse man mit einem Fuß im Thema stehen, mit dem anderen draußen. Sein Problem sei es, dass er am Ende stets mit beiden Füßen drinstehe. Das Hinterland in den Abgründen der Gesellschaft wurde zu seiner Zweitheimat – die Anderswelt. Was das mit ihm anstellt, weiß nur er. (F.L.)

          Gefärbtes Leitungswasser

          Ein Drink auf der Bühne ist eine gefährliche Sache. Hinter der Bühne, in der Kantine, da wird gesoffen, vor und nach und manchmal auch zwischen den Auftritten. Aber wenn der Schauspieler die Bühne betritt und die Scheinwerfer ihn beleuchten, dann kriegt er nur gefärbtes Leitungswasser zu trinken. Dann muss er spielen. Seinen Rausch darstellen. Ohne den Typus des Trinkers zu karikieren deutlich machen, dass er nicht Herr seiner selbst ist. Nehmen wir James Tyrone, den trunksüchtigen Vater in Eugene O’Neills „Langen Tages Reise in die Nacht“.

          Weiße Nächte: Albert Bork, Klaus Herzog und Fabio Menéndez in einer Mühlheimer Inszenierung von „Eines langen Tages Reise in die Nacht“
          Weiße Nächte: Albert Bork, Klaus Herzog und Fabio Menéndez in einer Mühlheimer Inszenierung von „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ : Bild: Imago

          Die im Jahr 1956 bekanntermaßen nicht nur „mit Blut und Tränen“, sondern auch mit hohem Alkoholpegel geschriebene, durch und durch autobiographische Familientragödie stellt einen Vater dar, der mit seinen Söhnen um die Wette säuft. Nach seiner Erfahrung sei „ein anständiger Whiskey als Aperitif die beste Medizin“, ruft er seinem kränkelnden Sohn Edmund mit gespielter Herzlichkeit zu. Die bittere Gleichgültigkeit, mit der sich hier alle begegnen, findet im Alkohol ihr paradigmatisches Kennzeichen. Jeder berauscht sich allein, um das gemeinsame Leben irgendwie auszuhalten. Wie aber spielt man diesen Trinker-Vater, der im Laufe des Stücks zum immer schlechteren Beispiel wird und seine Gläser stetig voller macht? Als wankenden Betrunkenen, dem seine Zunge nicht mehr gehorcht? Der schwankt und stammelt und aus Versehen vielleicht noch sein Glas umschüttet?

          Das wäre die Klischeevorstellung. Wie diesen Tyrone aber Will Quadflieg spielte, 1975 in einer Inszenierung von Rudolf Noelte am Hamburger Schauspielhaus, lief das aufs ganze Gegenteil hinaus: Da trat, so berichten Augenzeugen, ein Mann auf, der sich im Laufe des Abends immer stärker darauf konzentrierte, dass man ihm seinen Rausch nicht anmerkte. Je mehr er trank, desto mehr achtete er darauf, dass seine Kleidung tadellos und die Bügelfalte korrekt saß, die Hemdknöpfe geschlossen waren. Der Rausch wurde von ihm als entschiedener Versuch des Ordnungshaltens dargestellt. Was der landläufigen Erwartung an einen Trinker widerspricht, hat die viel einleuchtendere Wirkung.

          Denn jemand, der gewohnt ist, die Beherrschung zu verlieren, wird bis zuletzt alles daransetzen, sie zu bewahren. Eugene O’Neill, dessen Bruder am Alkohol starb und dessen Vater so trunksüchtig war, dass er den Whiskey in einem Panzerschrank verschloss, hätte Quadfliegs Spiel sicher goutiert. Auch, weil dem Trinker so ein Stück seiner Würde bewahrt wurde. Denn das hat er verdient, der einsame Trinker, der durch die Stücke der (modernen) Dramengeschichte streift, dass man ihn nicht vorführt, karikiert und verlacht, sondern in seiner Traurigkeit ernst nimmt. Und also auf seine Hosenfalte achtet. (stra.)

          Der Elefant im Garten

          Betrunkene sind nur für andere Betrunkene erträglich; dem Nüchternen sind sie eine Zumutung und eine Belästigung – und deshalb, weil auch das Publikum im Allgemeinen nüchtern ist, kann das Kino von den Schrecken des Trinkens viel besser als von dessen Freuden erzählen. Genau das hat der große Filmregisseur Blake Edwards im Jahr 1962 getan: Sein Melodram „Die Tage des Weines und der Rosen“ inszenierte die Nächte eines Trinkerpaars als Höllenfahrt. Womit Edwards dann allerdings seine staatsbürgerliche Pflicht erfüllt hatte. Und seine filmischen Forschungen fortan auf die Frage konzentrierte, ob die Komödie und der Slapstick, die ja eigentlich seine liebsten Genres waren, mit dem Trinker vielleicht doch mehr anzufangen wüssten, als ihn bloß zu bedauern oder bestenfalls zu heilen.

          In „Skin Deep“ schreibt der Held, während er langsam ausnüchtert, „sobriety sucks!“ an die Wand. In „Blind Date“ warnt Kim Basinger ihren Verehrer, dass sie keinen Schluck Alkohol trinken dürfe, sonst verliere sie komplett die Kontrolle. Worauf der ihr ein Glas Champagner spendiert. Und sein Leben, ihr Leben und das mehrerer Unbeteiligter dann aus dem Ruder laufen. Edwards hatte ja den Kater längst inszeniert – und jetzt hatte er nicht mehr viel übrig für sogenannte Champagnerlaunen, für gepflegtes gemeinsames Bedudeltsein. Er inszenierte lieber den Vollrausch, und am schönsten ist ihm das im „Partyschreck“ gelungen, der ja insgesamt einer der lustigsten Filme der Filmgeschichte ist. Da gibt es, einerseits, Peter Sellers, der nichts trinken muss, weil er von Natur aus irre ist.

          Und dann gibt es einen Ober, der jedes Mal, wenn ein Gast einen Drink ablehnt, das Glas selbst austrinkt. Den ganzen Abend lang, bis alle Sicherungen der Rationalität herausfallen, alle Halterungsseile der Normalität reißen; und als dann Peter Sellers gegen seinen Willen einen Drink eingeflößt bekommt, verliert auch er vollkommen die Kontrolle. Und man kann sehen, dass vielleicht nicht der Vollrausch, auf jeden Fall aber die Totalentgrenzung ansteckend ist. Jetzt steht ein Elefant im Garten, aus dem Pool steigt Badeschaum bis in den ersten Stock, die Gastgeberin fällt ins Wasser, die Gäste jubeln, die Polizei steht schon am Gartentor. Dann geht die Sonne auf, und Peter Sellers bekommt die Frau, auf die er nicht zu hoffen wagte. Das Haus muss renoviert werden, aber der Film scheint zu sagen, dass es das wert war. Wer nie ganz aus sich herausgetreten ist, kann nicht ganz bei sich sein. (cls.)

          Der Letzte zahlt die Zeche

          Es reicht nicht, viel zu vertragen, man muss es sich auch leisten können. Aber während unzählige, in den warmen Bernsteinton alten Cognacs getunkte Anekdoten vom Alkoholkonsum der Dichter künden, bleibt die Literaturgeschichte stumm, sobald sich die Frage erhebt, wer den ganzen Sprit eigentlich bezahlt hat. Will man hier Genaues wissen, muss man vom Reich des angeheiterten Halbwissens in die meist trostlosen Gefilde der nackten Zahlen wechseln: Zeige mir deine Weinrechnung, und ich sage dir, wer du bist.

          Erste Frage: Ist der Dichter, der pünktlich seine Rechnungen bezahlt, überhaupt einer? Das Genie hat kein Geld zu haben, besagt ein bürgerlicher Glaubenssatz. Er dient, wie die meisten Glaubenssätze, zuerst der Selbsttröstung. Der Dichter führe nicht Buch, er schreibe welche! Dazu bedarf er der Unordnung und einer gewissen zeitenthobenen Liederlichkeit, aus der naturwüchsig irgendwann die Inspiration erwächst. Wenn die Natur ihrer Aufgabe einmal nicht nachkommen sollte und die Inspiration ausbleibt, schlägt die Stunde des Alkohols. Wassertrinker, so verkündete schon Horaz, seien schlechte Dichter.

          Zweite Frage: In welcher Gesamtausgabe sind sie zu finden, Jean Pauls gewaltiger Bayreuther Bierdeckel oder Heinrich Heines Pariser Champagnerrechnung? Fehlanzeige. Von Schiller weiß man immerhin, wie sein Weinkeller in der Stunde seines Todes bestückt war: 22 Flaschen Champagner, 35 Flaschen Burgunder, 61 Flaschen Malagawein und manch andere Bouteille blieben ungeöffnet zurück.

          Dritte Frage: Wie viele Liter hat ein Ohm? Goethe kannte die Antwort: etwa 160. Beim Eisenacher Weinhändler Kraeger bestellte er zwischen 1826 und 1830 vom Aßmannshäuser drei Ohm, zweieinhalb vom Würzburger und dazu noch je ein halbes Ohm Eschendorfer und Moselwein – macht gut tausend Liter. Dazu in Flaschen Champagner, Burgunder und noch mehr Aßmannshäuser. Im selben Zeitraum orderte er außerdem bei Thaler und Döring in Dettelbach 890 Liter Wein, davon etwa knapp die Hälfte Frankenwein. 1776, also zwei Jahre nach dem überwältigenden Erfolg des „Werther“, verzeichnete Goethe Einnahmen in Höhe von 1600 Talern, wovon er zweihundert Taler für Wein ausgab, also ein Achtel. Gut fünfzig Jahre später sah Goethes Haushaltsbuch natürlich anders aus: Jetzt hatten sich die jährlichen Einnahmen auf zehntausend Taler verfünffacht, während die Weinrechnung sich mehr als verzehnfacht hatte. 1829 betrug sie stolze 2184 Taler. Goethe investierte damals also mehr als ein Fünftel seines Bruttoeinkommens in geistige Getränke. Er war wirklich ein Dichterfürst. Allerdings wohnte er fast zeitlebens mietfrei. (igl.)

          Was (nicht) tun? Trinken!

          „White Russian“ – bei der ersten vom Oxford English Dictionary vermerkten Verwendung 1659 war der Begriff noch ein Synonym für Moskowiter. Nach der Revolution von 1917 bezeichnete er dann im Gegenteil die Gegner der neuen Herren von Moskau. Der erste Beleg für den Cocktail stammt aus der „Oakland Tribune“ vom 21. November 1965; das in der Zeitung abgedruckte Rezept gibt als Zutaten je ein Drittel Wodka, Kaffeelikör und Sahne an. Hat es mit dem Lieblingsgetränk des Dude, des von Jeff Bridges gespielten Titelhelden von „The Big Lebowski“, dem Film der Gebrüder Coen aus dem Jahr 1998, eine politische Bewandtnis?

          Der Stoff, aus dem die Schäume sind: Der Dude (Jeff Bridges), hier neben Donny (Steve Buscemi) und Walter (John Goodman), nimmt für seinen White Russian „Half & Half“, Sahne mit weniger Fett.
          Der Stoff, aus dem die Schäume sind: Der Dude (Jeff Bridges), hier neben Donny (Steve Buscemi) und Walter (John Goodman), nimmt für seinen White Russian „Half & Half“, Sahne mit weniger Fett. : Bild: Picture-Alliance

          Dafür spricht, dass der Protagonist den Sieger über die Weißen Armeen in demselben Munde führt, in dem er im Laufe des Films neun zuvor mit aller Macht vor dem Verschüttetwerden gerettete White Russians verschwinden lässt. Man müsse auf das hören, was Lenin sagt, erläutert er seinen Kumpels Walter (John Goodman) und Donny (Steve Buscemi), als er ihnen seine Theorie über das Erpressungskomplott auseinanderlegt, in das er durch eine Namensverwechslung hineingezogen worden ist. Lenin: Wir haben uns nicht verhört, anders als Donny, der „Lennon“ verstanden hat und dem Dude die Botschaft „I am the Walrus“ von den mit Milch (kann statt Sahne verwendet werden) benetzten Lippen abliest, so dass Walter ihn durch Ausbuchstabieren des bürgerlichen Namens des Erzfeinds der Bourgeoisie züchtigt. „W. I. Lenin! Wladimir Iljitsch Uljanow!“ Lenin habe gesagt, sagt der Dude, dass man sich nach der Person umschauen muss, die den Nutzen einer Sache davonträgt. Nach dieser Logik stellt sich die Erpressung als Erfindung dar und wird das Lösegeld dem vermeintlich nur vermeintlichen Opfer zufließen, der entführten Gattin des Milliardärs.

          „Wem nützt es?“ Diese Überschrift, die Übersetzung der lateinischen Devise „Cui prodest?“, steht über einem Artikel Lenins, der am 11. April 1913 in der „Prawda“ erschien. Der Autor enthüllt, dass die Rhetorik des Patriotismus und der Verteidigung der Kultur der Firma Krupp und den anderen Unternehmen der Waffenindustrie nütze. Die Anspielung passt zur kriegerischen Leitmotivik des Films, der die Eintreibung von Schadenersatz für einen besudelten Teppich als Parallelaktion zum ersten Irak-Krieg inszeniert. Walter stimmt der Theorie von der Kriegslist der gekauften Vorzeigefrau, die von unverdientem Geld nicht genug bekommen kann, sofort zu: Dafür habe er seine Kameraden in Vietnam nicht sterben sehen! Das Gerechtigkeitspostulat dieser moralischen Ökonomie verwirft der Dude als waschechter Leninist, der sich bei der Nutzenberechnung vertan hat, aber mit dem materialistischen Kalkül recht behält. Rituell konsumiert der im Bademantel als Nichtstuer getarnte Weltrevolutionär seine Feinde. Scherzhaft nennt er den White Russian auch „Caucasian“. Das ist Lenins Rache am Georgier Stalin, süß gemischt und kalt genossen. (pba.)

          Verführt von der Grünen Fee

          Absinth ist pures Gift, gebraut aus Wermut und anderen grünen Kräutern wie Anis und Fenchel. Freundlich heißt der Absinth „La fée verte“, die bis zu gut achtzig Prozent Volumenalkohol haben kann. Mit der Grünen Fee haben sich begnadete Künstler seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zur geistigen Schöpferkraft hochgesoffen, manche hinab in den körperlichen Verfall. Die Namen der begabten Absinth-Genießer sind bekannt, sie heißen Charles Baudelaire oder Arthur Rimbaud, Edgar Allan Poe oder Ernest Hemingway.

          Die Maler unter ihnen haben den Absinth berühmt gemacht: Edgar Degas 1873 mit seinem dumpf vor sich hin brütenden Paar im Pariser Café oder Vincent van Gogh, einer der ausgewiesenen Kenner, 1887 im leisen Stillleben mit der Flasche Wasser und dem noch gefüllten Glas. Auch dem jungen Picasso war der Absinth vertraut, neben dem Opium übrigens. Er malt 1902, auf dem Höhepunkt des Miserabilismus seiner Blauen Periode, jene berühmte „Buveuse assoupie“ – vielleicht das erste Bildnis einer einsamen Absinth-Trinkerin, die elendiglich vor ihrem leeren Glas zusammengesunken ist. Und gut ein Jahrzehnt später weiß er aus dem Absinth noch mehr für sich herauszuholen. Nach dem Analytischen Kubismus beginnt er, mit Fundstücken des Alltags auf seinen Leinwänden zu experimentieren, die ersten Collagen des Synthetischen Kubismus. Dann geht er den entscheidenden Schritt weiter und gelangt 1914 zur wohl ersten kubistischen Plastik überhaupt – „Le verre d’absinthe“. Sechsmal lässt er das verwegene Gipsgebilde gut zwanzig Zentimeter hoch in Bronze gießen. In dessen Torsionen sind der Schwindel und die Halluzinationen eingefangen, die der Kräutertrunk erregen kann. Picasso bemalt jedes der Objekte, für moderne Bronzen bis dahin undenkbar, immer anders, verziert es mit Tupfen oder Dreiecken, als wären es mutwillige Eingebungen des Rauschs. Doch obendrauf liegt jedes Mal ein filigran durchbrochenes – echtes – Löffelchen, kunsthistorisch betrachtet ein Readymade. Auf dessen Laffe wiederum liegt ein (unechtes) Zuckerstückchen. So werden er und seine Freunde damals den Absinth genossen haben. Denn der schmeckt arg bitter, aber Zucker ist nicht in Alkohol löslich. Also muss der Grünen Fee, tröpfelnd durch das Löffelchen, zur Versüßung kaltes Wasser zugeführt werden. Und heute? Der Absinth, in vielen Ländern lange verboten, ist zurück. Schwache Gemüter sollten mit diesem Cocktail vorsichtig sein. Nicht jeder hat Picassos Kondition eines Minotaurus. (rmg.)

          Der Kunst ihre Promille

          Auch wenn auf Vermeers Bild hier Wein getrunken wird – typisch für des Malers Zeit und Raum wäre der Wacholderschnaps Genever gewesen, der dafür auf vielen, meist deutlich derberen Bildern seiner Zeitgenossen in Strömen fließt. Fast jeder Stil und jede Künstlernation hatte und hat bevorzugte alkoholische Inspirationsflüssigkeiten. Der berühmte Wahlspruch über dem Eingang der Wiener Secession könnte von „Der Zeit ihre Kunst – der Kunst ihre Freiheit“ umformuliert werden in „Der Zeit ihre Kunst und ihren Alkohol – der Kunst ihre alkoholische Wahlfreiheit“. So ließen sich vor allem französische Impressionisten wie Toulouse-Lautrec vom hektoliterweise konsumierten Champagner berauschen. Allen folgenden Postimpressionisten, Fauves, Surrealisten und dem Freundeskreis um Picasso hingegen war der edle Schaumwein zu bourgeois – ihnen verschaffte vor allem die „Grüne Fee“ des Absinths psychedelische Anregungen. Den angloamerikanischen Abstrakten der Nachkriegszeit wie Pollock und Bacon war der Whiskey nahe, der bei Ersterem vielleicht die rhythmisch eiernde Vervollkommnung des von Max Ernst erfundenen Dripping beförderte, gewiss aber seinen Tod durch Autounfall.

          Ein Schluck Inspiration: Vermeers „Herr und Dame beim Wein“ von 1658
          Ein Schluck Inspiration: Vermeers „Herr und Dame beim Wein“ von 1658 : Bild: Mauritius

          Die Künstler in den bonbonbunten Achtzigern, befeuert vom Miami-Vice-Fieber, weißem Pulver und der Kultserie „Kir Royal“, neigten den ebenso bunten und verwegenen Cocktails zu, allen voran dem serientitelspendenden Mix aus Champagner und Cassis. Bedauerlich, dass wir hinsichtlich einer systematischen Publikation zu Alkohol und Kunst auf dem Trockenen sitzen. Während es etwa über den auch im schlimmsten Lutter-und-Wegner-Sektrausch noch entzückend zeichnenden Schwarzromantiker E.T.A. Hoffmann eine Fülle von Untersuchungen gibt und Michael Krüger mit „Literatur & Alkohol: Liquide Grundlagen des Buchstaben-Rausches“ ein Standardwerk schrieb, benennen im vom Theologen Christoph Markschies und dem Germanisten Ernst Osterkamp herausgegebenen „Vademekum der Inspirationsmittel“ kaum Künstler, sondern eher Literaten und Akademie-Mitglieder ihre teils skurrilen Berauschungsstoffe und -methoden für den besonderen Kick. Diese reichen vom Riechen und Berühren von Beton bei einem emeritierten Professor der Baustoffprüfung bis zum Geschmack von Maggi im Fall des Grafikers und ehemaligen Präsidenten der Akademie der Künste Klaus Staeck. Seit einigen Jahren erfreuen sich in jüngeren Künstlerkreisen die extra stark angesetzte Feuerzangenbowle und der Absinth zumindest an Silvester wieder größter Beliebtheit. Doch selbst diese etwas angejahrte Alkoholwahl entspräche folgender These: Da aktuell Retro-Stile die Kunst dominieren und keine einheitliche neue Richtung auszumachen ist, lässt sich mit historischen geistigen Getränken stilecht anstoßen. (S.T.)

          Plädoyer zum Schluss

          Das endlose Trinken ist traurig. Nirgendwo wird endloser getrunken, und zwar Mezcal, als in „Unter dem Vulkan“. Malcolm Lowrys Roman von I947, der ganz durchtränkt ist vom Alkoholismus seiner Hauptfigur, eines britischen Konsuls in Mexiko, kennt das Getränk nur pur, allenfalls mit Eis und Zitrone. Der Geschmack des Tequila, einer Unterart des aus Agaven gewonnenen Mezcal, die ebenfalls reichlich fließt, wird ganz zutreffend als Kombination aus Absinth Oxygènée und Benzin beschrieben. Auch Mezcal ist schrecklich, ein völlig illusionsloses, unheiteres Getränk. Doch ohne Mezcal, heißt es bei Lowry an einer Stelle, hätte der Konsul vergessen, dass die Erde ein Schiff ist oder wie ein Golfball oder wie ein Bus „oder dass sie wie etwas ist, das sich nach dem nächsten Mezcal ergibt“. Es sei der Schnaps für die Verdammten, wer bei ihm anlange, sei am Ende. Insofern ist der Name eines auf Mezcal basierenden Cocktails ganz folgerichtig, der den Motorgeruch durch Chartreuse, Maraschino und Limettensaft erfolgreich bekämpft: Closing Argument, Schlussplädoyer.

          Das führt zu der Frage, was nach dem Ende kommt, was also getrunken wird, nachdem getrunken wurde. Bei Malcolm Lowry dreht sich das Trinken im Kreis, hinter jedem Baum steht eine Flasche, und wo keine Bäume stehen, gibt es Bars. Bei Patricia Highsmith ist es die Prärie-Auster, die das beiläufige Trinken kurz unterbricht. In „Zwei Fremde im Zug“ nimmt sie der niederträchtige Bruno–„betrunken muss man die Welt betrachten“ – gegen seinen Kater zu sich. Das klassische Rezept geht so: Ein Eigelb auf den Boden eines hohen Glases, darauf Tabasco, Worcestersauce, Salz, Pfeffer und womöglich Essig, dann Tomatensaft oder Ketchup und das Ganze in einem Schluck zu sich genommen. In Highsmiths Roman wird statt des Tomatensafts erstaunlicherweise Tee verwendet. Es wäre eine eigene Forschungsaufgabe, woher sie das hatte. Ob die Prärie-Auster wie andere Gegengifte gegen den „hangover“ hilft? Ärzte sagen: Allenfalls schreckt sie vom nächtlichen Überschwang ab, wenn am Morgen danach solche Strafgetränke drohen.

          Dabei ist die Prärie-Auster noch gar nichts gegen einen Cocktail, den sich Thomas Pynchon ausgedacht hat. Bei Pynchon wird in jedem Roman praktisch alles getrunken, was es gibt – I9II Hochheimer beispielsweise und Kaktusbier – und was vorstellbar ist, von Wodka mit Milch und Melonensaft bis zu Gurkenbrandy, und den gibt es sogar wirklich. Es existiert eine eigene Internetseite, „drunkpynchon.com“, mit detailreicher Erfassung all seiner Durstlöscher. Wahrhaft abschreckend aber ist jener Quimporto aus „Die Enden der Parabel“, der im Grunde Cocktail und Anti-Cocktail zusammenschüttet: Chinin (durch Tonicwasser ersetzbar), Rinderbrühe, Portwein mit ein wenig Coca-Cola und einer geschälten Zwiebel. Wer danach noch weiter- trinkt, braucht dringend Hilfe. (kau.)

          Leopolds Zahlenmystik

          „Da, trink“, flüstert Herr Leobold und reicht eine Flasche feinen Champagners herüber, „den kannst ganz austrinken, das Zeug da.“ Nicht dass Herr Leobold etwas gegen Alkohol hätte, eher im Gegenteil, denn er macht sich unversehens an die Vernichtung von 25 kleinen Fläschchen Sechsämtertropfen, die sein Kompagnon in einer Plastiktüte aus dem Laden am Eck geholt hat. So begegnen wir in Eckhard Henscheids Roman „Geht in Ordnung – sowieso – – – genau – – –“ dem Geschäftsführer des ANO-Teppichladens von Seelburg, und so begegnen wir auch dem Sechsämtertropfen, einem Kräuterlikör, der die streckenweise etwas disparate Geschichte zusammenhält und die streckenweise disparaten Figuren bei Laune und überhaupt beieinander. „Ein Tripelroman über zwei Schwestern, den ANO-Teppichladen und den Heimgang des Alfred Leobold“ ist das Werk bezeichnet, das im Jahre 1977 den Sechsämtertropfen in die Literaturgeschichte einschrieb, und der Tripelroman ist selbst wiederum Teil einer Trilogie, nämlich der des „laufenden Schwachsinns“, und drei und drei macht sechs, also Sechsämter. Es ist gut, dass Henscheid sich wenigstens äußerlich um Ordnung und Struktur sorgt, denn im Inneren dieser Seelburger Teppichwelt fasert alles in alle Richtungen, der Erzähler ver- und entliebt sich, man fährt in die Berge und zurück, Hans Duschke nervt, Alfred Leobold säuft sich den Magen kaputt und schlussendlich sich selbst, aber der ANO-Teppichladen floriert dank des teppichbegeisterten Jahrzehnts, in dem die Menschheit von Auslegeware kaum genug bekommen kann. So torkelt denn alles, getrieben von braunem Kräutergebräu, seinem Ende zu, bis am 18. Mai der Leobold feierlich bestattet wird und in dieser Zeitung, so steht es im „Epitaph II“ des Romans, eine Sprachglosse zum Wörtchen „genau“ als gesprochenes Ausrufezeichen erscheint. „Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß alles Seiende geheimnisvoll miteinander verbunden ist“, heißt es am Anfang des Romans. Also vielleicht auch der ANO-Teppichladen, Alfred Leobold selig und die Glossen in dieser Zeitung. (dien.)

          Hochprozentige Fallstricke in der Quarantäne

          Ein prophylaktischer Absacker noch: Diese hochprozentige Artikelsammlung darf im Jahr der öffentlichen Gesundheitsfürsorge, das ein Berliner Radiophilosoph immerhin als das Jahr der „virologischen Käfighaltung“ verabschiedete, ja kaum schließen, ohne auch nur ein warnendes Wort über die fragile Beziehung zwischen Trank und Geist zu verlieren.

          Den Anlass dazu liefert, wer auch sonst, die Epidemiologie. Von der Wiege bis zur Bahre, mit diesen Worten leitete das in aller Welt angesehene „British Medical Journal“ eine aktuelle australisch-britische Studie zu den toxischen Langzeitwirkungen des Alkoholkonsums ein – die Kontexte, Motivationen und sinnlichen Aspekte des Trinkens selbstverständlich nahezu vollständig außer Acht lassend. Die Beziehungen zur aktuellen Lage stellte eine komplementäre Untersuchung von Gesundheitsforschern einer amerikanischen Südstaatenklinik in Dallas her. Jede Woche Lockdown, heißt es da, verdopple die Gefahr der alkoholischen Durchseuchung junger Erwachsener insbesondere dann, wenn der förderliche Promillepegel ohnehin öfter überschritten wird. Mit anderen Worten: Der geübte Rausch- oder Binge-Trinker (mindestens fünf Alkoholgetränke innerhalb von zwei Stunden) verzweifelt am Lockdown mehr als der Genuss- und Gelegenheitstrinker. Wichtiger sozialphilosophischer Hinweis hierzu: Weder sind Rückschlüsse auf mögliche Trinkgewohnheiten von Lockdown-Verächtern zulässig, noch lässt sich aus den Antworten der zweitausend befragten Texaner ermitteln, inwieweit sich Lockdown-Befürworter beziehungsweise -Kritiker generell durch eine besondere Neigung zum Hochprozentigen auszeichnen. Viel entscheidender ist die Frage, was das sein soll: der texanische Lockdown. In der angegebenen Studienzeit jedenfalls gab es keine Ausgangssperre, und der öffentliche Ausschank blieb möglich, auch Konsumverbote oder Kontakteinschränkungen – Fehlanzeige.

          Ein Genussverbot gab es so wenig wie eine Maskenpflicht. Und deshalb mutmaßen die texanischen Forscher leicht verlegen, dass der gefühlte oder medial erfahrene Lockdown das eigentlich Böse ist: vergiftet durch innere Vereinsamung. Wer so weit geht in der pauschalen Deutung nicht vorhandener Empirie, ist nicht mehr weit von den quälendsten Alkohol-Mysterien: Wer weiß schon, wo der Genuss aufhört und der Missbrauch anfängt?

          Zumindest beim „British Medical Journal“ hat man nicht aufgegeben, das helle Licht des leichten Ansäuselns im berauschten Trüben der Gesundheitsforschung nicht aus den Augen zu verlieren. Die epidemiologische Erhebung jedenfalls, die man kurz vor den Feiertagen präsentierte, enthält neben den unvermeidlichen Warnungen auch ein verstecktes Signal der Entspannung: Alkohol schade nicht immer, doch nachweislich in drei abzugrenzenden Lebensphasen unserem Gehirn und damit auf lange Sicht auch dem Geist – dann aber schon in moderaten Mengen (was als „moderat“ gilt, ist kulturabhängig, hierzulande: etwa zwei Glas Wein oder ein Liter Bier täglich für Männer, halb so viel für Frauen). Vor der Geburt, im Alter zwischen fünfzehn und neunzehn Jahren sowie von 65 Jahren an, wenn der Alkohol zum „stärksten beeinflussbaren Risikofaktor“ – stärker noch als Rauchen – für eine Demenz wird. Das Robert Koch-Institut als höchste amtliche Gesundheitsinstanz im Land hätte dazu wissenschaftlich noch einiges beizutragen, „alkoholbezogene Störungen“ waren ein Spezialgebiet des Instituts. Jedenfalls bis 2008. Danach hat man das entsprechende Themenheft zugeklappt und auf gelehrte Updates verzichtet. (jom.)

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