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Alkohol in Kunst und Kultur : Zum Abschied einen Drink

  • Aktualisiert am

In Georges Simenons Maigret-Romane stellt Alkohol oft einen Kippmoment dar: Jean Gabin 1951 als berühmter Kommissar. Bild: Picture-Alliance

Was lässt Georges Simenon seinen Kommissar Maigret in einer Kaschemmenwirtin sehen? Welches Getränk ist der ideale Begleiter von meditativer Einkehr am stillen Ende des Pandemiejahres? Ausflüge in die Literatur, die Küche und die Berge.

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          Männer und Frauen

          „Geht ein Mann an einer Bar vorbei...“ – der alte Witz hat seine Pointe eingebüßt, seit Frauen den Männern auch beim Trinken den Rang abgelaufen haben. Sie greifen so häufig zum Glas wie nie zuvor, und nur weil es ihnen nicht behagt, diesen überwundenen Genderpegelgap sichtbar zu machen, bleibt dem bitteren Scherz ein letztes Quentchen Wahrheit. Frauen können weiterhin zwanglos an einer Bar vorbeilaufen. Denn sie bevorzugen das hemmungslose Trinken im Verborgenen. Kaum einer hat die Geschlechterdifferenz in Sachen Alkohol so luzide beschrieben wie Georges Simenon in einem seiner Maigret-Romane, in denen Alkohol ja oft einen Kippmoment darstellt. „Maigret und die kopflose Leiche“ von 1955 ist in Wahrheit eine Studie über die Spielarten des Trinkens von Männern und Frauen, wie sie Suchtforscher nicht präziser schreiben könnten.

          Getrunken wird immer dann, wenn Simenons quecksilbriges Geschehen eine unerwartete Wendung nimmt, am meisten beim finalen Gespräch zwischen dem angereisten Notar aus der Provinz und Maigret, die auf dem Boulevard Saint-Germain in einer Brasserie bei Bier und Kognak das Rätsel der Kanalleiche lösen. Simenon hat seine Geschichte zum Kammerspiel destilliert, der Hauptschauplatz ist eine düstere, verräucherte Bar am Quai de Valmy. Und nicht etwa Maigret, der Notar oder all die anderen Polizisten, Schiffer und Barbesucher, die da trinken – wann, was und in welchen Mengen auch immer –, stehen im Zentrum, sondern die Wirtin der Kaschemme.

          Simenon, so meint man, scheint den fintenreichen Fall überhaupt nur erdacht zu haben, um ein Porträt der geheimnisvollen Madame Calas zu zeichnen, die hauptsächlich Weine mit feuersteinartigem Nachgeschmack ausschenkt, jedoch selbst härtere Sachen bevorzugt. Seit Maigret durch Zufall auf sie gestoßen ist, hört er nicht auf, über sie nachzudenken. Dennoch, und das ist entscheidend, macht Simenon sie zur Protagonistin aus eigenem Recht, weshalb sie ihrem heimlichen Beobachter auch ein ums andere Mal einen Haken schlägt. Wer Madame Calas einmal kennengelernt hat, wird sie nicht mehr vergessen. Einerseits folgt sie dem Muster der klassischen Trinkerin. Man sieht nie, wie sie es tut. Dafür umso mehr die Folgen dieses Tuns. Zugleich aber schimmert aus ihren dunklen, regungslosen Augen ein intensives Innenleben, nicht wegen, sondern trotz ihrer Sucht. Simenon hat mit ihr die beeindruckende Charakterstudie einer Frau geschaffen, die für ihre Mitmenschen vor allem eine schamlose Trinkerin ist. Für Maigret ist sie eine Idealistin. Nur er weiß, welchen Preis sie zu zahlen hatte. (S.K.)

          Essen und Trinken

          Kann man ohne Alkohol kochen? Natürlich nicht, was für eine abstruse Frage, wird jetzt die überwältigende Mehrheit der Hobbyköche in einem Aufschrei der Empörung behaupten. Denn die Arbeit am Herd macht ja erst richtig Spaß, wenn alkoholische Erfrischungsgetränke die Stimmung in Schwung bringen und der Wein nicht nur ans Schmorfleisch, sondern auch durch die Laienkochkehle fließt. So war die Frage allerdings gar nicht gemeint, aber wenn wir schon dabei sind, können wir die Sache auch klären: Natürlich kann man ohne Alkohol kochen, und entgegen aller Schauerfolklore tun es die meisten professionellen Köche. Wer vierzig Jahre lang Sechzehnstundentage stemmen muss, kann sich nicht permanent einen hinter die Binde kippen. Viele Sterneköche gönnen sich bestenfalls ein Feierabendbier mit ihrer Brigade, sind ansonsten Langstreckenläufer oder Rennradfahrer und kennen einen kochenden Bonvivant wie Fernand Point nur noch aus fernen Heldensagen – den Koch der Köche in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, einen Koloss von dreieinhalb Zentner Lebendgewicht, der sein Tagwerk mit eine Glas Champagner zu beginnen pflegte, es mit einem weiteren beendete und dazwischen so viele Gläser leerte, dass er auf das Tagespensum einer Magnumflasche kam.

          Also noch einmal: Kann man ohne Alkohol kochen? Natürlich kann man es und Rotwein durch Balsamico, Portwein durch Johannisbeersaft, Weißwein durch Limettenfond ersetzen. Doch nichts davon ist eine gleichwertige Option, nichts davon reicht an den Aromenreichtum eines großen Weines oder Champagners heran, nichts Antialkoholisches kann den süßen Schmelz eines Noilly Prat kompensieren. Guter Alkohol ist nicht nur eine Grundzutat – wer jemals mit schlechtem Wein gekocht hat, kennt den Preis und macht es nie wieder –, sondern selbst schon eine kulinarische Kreation und oft genug der entscheidende Geschmacksträger eines Gerichtes. Er verdampft zwar theoretisch bei 78,3Grad, doch nicht nur sein Geist bleibt in Topf und Pfanne, sondern oft auch seine stimulierende Wirkung, weil viele Nahrungsmittel ihn binden und vor der Verflüchtigung bewahren können. Was also wäre unsere Küche ohne Coq au Vin und Bœuf bourguignon, wie fade schmeckten Risotto und Ossobuco ohne Weißwein und Wermut, wie sehr langweilten uns ein Bayerischer Bierkrustenbraten mit Brause oder Schwarzwälder Kirschtorte mit Kirschlimonade? Natürlich kann man ohne Alkohol kochen. Man kann ja auch ohne Liebe leben. (str.)

          Die geheime Mixtur der Stille

          Nördlich der französischen Alpenstadt Grenoble in den lieblichen Bergen des Chartreuse-Massivs liegt ein Ort, der sich dem Lauf der Zeit entgegenstellt. Von den umliegenden Gipfeln aus kann der Wanderer ihn sehen, das jahrhundertealte Gemäuer der Großen Kartause, „La Grande Chartreuse“, wo Mönche des 1084 vom Heiligen Bruno von Köln gegründeten Karthäuser-Ordens leben. Ihre Existenz widmen sie dem Schweigen und der Einsamkeit, dem fortwährenden Gebet, dem Studium der Heiligen Schrift, abgetrennt von den kontingenten Geschehnissen der Welt in innerer Enthaltsamkeit. Jeder für sich in seiner bescheidenen Zelle. Nur einmal pro Woche gehen sie außerhalb des Klosters spazieren und brechen dabei ihre Sprachlosigkeit. So wie die erhabenen Berge der Chartreuse allem historischen Wandel auf menschlichen Zeitskalen trotzen, widersetzt sich auch das Leben der Karthäuser-Mönche dem Einfluss all dessen, das uns moderne Menschen in täglichen Aufruhr versetzt.

          La Grande Chartreuse im Schnee
          La Grande Chartreuse im Schnee : Bild: Picture-Alliance

          Das mag befremdlich wirken. Gleichzeitig hat uns das vergangene Jahr Brücken gebaut in diese fremde Welt. Die Pandemie hat uns sensibler gemacht für den Wert menschlicher Bindungen, die Wirkung der Einsamkeit und der Stille, die merkwürdigen von uns selbst abhängigen Dynamiken der Zeiterfahrung. Dass es Menschen gibt, die eine Extremform der uns verordneten Kontaktreduktion und der oftmals leidvoll empfundenen Vereinsamung freiwillig und lebenslang wählen, bleibt schwer zu verstehen.

          Den Versuch einer Vermittlung hat der Regisseur Philip Gröning 2005 in seinem Film „Die große Stille“ unternommen. Gröning verbrachte dafür fast sechs Monate in der Großen Kartause, nachdem er 15 Jahre auf eine Drehgenehmigung hatte warten müssen. Es sind ungewöhnliche 160 Minuten der Stille, der Dunkelheit, der Meditation, mit denen der Betrachter zu ringen hat, bis er sich schließlich vielleicht doch ihrem eigentümlichen Rhythmus zu ergeben vermag – und die in diesem Winter eine neue Bedeutungsebene besitzen dürften. Es gibt aber auch einen deutlich einfacheren, weltlichen Zugang zur abgeschiedenen Klosterwelt. Denn die Mönche finanzieren sich durch die Produktion eines Kräuterlikörs, der unter dem Namen „Chartreuse“ in einer grünen (55 Prozent Alkohol) und einer gelben Version (40 Prozent) sowie als „Élixier Végétal“ (69 Prozent) vertrieben wird. Die geheime aus bis zu 130 Kräutern bestehende Rezeptur ist angeblich nur zweien der Mönche bekannt. 1605 soll sie dem Orden in ihrer Urfassung in Form eines alchemistischen Manuskripts übertragen worden sein. Die Produktion des Likörs hat seitdem viele Katastrophen überdauert – ein ideales Getränk also, um das stille Ende des Pandemiejahres zur meditativen Einkehr und Reflexion zu nutzen. (sian.)

          Angeschickert auf hoher See

          Ein munterer Zecher war es nicht gerade, mit dem Tim und Struppi da ins neue Jahr 1941 gingen. Am 2. Januar, also übermorgen vor achtzig Jahren, trafen sie erstmals jenen Mann, der in ihrem Bunde der Dritte werden sollte: Kapitän Haddock. Der saß beim ersten Auftritt in seiner Kajüte, trank überreichlich Whisky und präsentierte sich als lallendes, heulendes Elend. Im weiteren Verlauf des Abenteuers mit dem Titel „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ sollte es für ihn noch Rum und Wein geben, so dass der Kapitän auch weiterhin meist im Zustand der Volltrunkenheit anzutreffen war. Dass er in seinem Begleiter Tim nur noch eine dringlich ersehnte Flasche Burgunder zu erkennen vermochte – wie in der obigen Bildsequenz vom 2. April 1941 zu sehen –, war allerdings nur ein böser Traum. Bezeichnend ist es dennoch: Mit Haddock hatte Tim jemanden kennengelernt, auf den er ersichtlich nicht bauen konnte.

          Auch auf Reisen ist Kapitän Haddock gut versorgt. Szene aus dem Zeichentrickfilm „Tim und Struppi und der Haifischsee“ aus dem Jahr 1972.
          Auch auf Reisen ist Kapitän Haddock gut versorgt. Szene aus dem Zeichentrickfilm „Tim und Struppi und der Haifischsee“ aus dem Jahr 1972. : Bild: Picture-Alliance

          Der berühmteste Säufer der Comicgeschichte betrat die Szene aber auch in einem denkbar heiklen Moment. Ganz Belgien war seit Mai 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt, und Hergé, der Zeichner von „Tim und Struppi“, hatte im Oktober in der Brüsseler Tageszeitung „Le Soir“ ein neues Forum für seine zwischenzeitlich abgebrochene Comicserie gefunden. „Le Soir“ kollaborierte mit den Besatzern, und dass die beliebteste Jugendserie des Landes nun dort lief, empfanden viele Belgier als Landesverrat. Dass Hergé ihnen mit Haddock eine ambivalente neue Heldenfigur präsentierte, war indes ein Versöhnungsangebot: Ein Kapitän, der nicht Herr über sich selbst war, geschweige denn über sein Schiff – war das nicht das Spiegelbild der belgischen Situation?

          Die Leser jedenfalls liebten diesen Haddock, doch Hergé ließ ihn nicht Säufer bleiben. Schon als der Zeichner im Folgejahr das in der Zeitung noch schwarzweiß abgedruckte Abenteuer für eine farbige Albumausgabe umarbeitete, ließ er Bilder entfallen, auf denen der Kapitän direkt aus der Flasche trank – solche Maßlosigkeit schien Hergé bereits indiskutabel. Und in keinem späteren Abenteuer wurde Haddock noch einmal derart betrunken präsentiert, dass es wieder bis zum Verlust der Sprachkontrolle gekommen wäre. Ganz im Gegenteil wurde der Kapitän zur beredtesten Figur in „Tim und Struppi“; seine Flüche haben ihn denn auch zuverlässiger zur komischen Figur gemacht als seine anfänglichen alkoholbedingten Ausfallerscheinungen.

          Undenkbar heute, im Jugendcomic eine sympathische Figur als Trinker einzuführen! Doch Hergés Humor speiste sich aus Slapstickfilmen der dreißiger Jahre, in denen solche Auftritte zum festen Repertoire gehörten. Wie viel mehr er erzählerisch zu bieten hatte, zeigte dann die phantastische Szene mit dem zur Flasche mutierten Tim. Da kam über das Traummotiv ein surrealistischer Zug zum Vorschein, der auf der Höhe damaliger Gegenwartskunst war. Und als grausamer Wahnsinn dem Tiefpunkt jener Zeit entsprach. (apl.)

          Agenten auf Abwegen

          Die Idee für die tragische Hauptfigur von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ entstand an einer Bar. Den Scotch, der dabei eine Rolle spielte, trank deren Schöpfer allerdings nicht selbst. Den Scotch – einen großen – bestellte am Londoner Flughafen ein Mann, der einen fleckigen Regenmantel trug und einen Haufen Münzen auf den Tresen knallte.

          John le Carré meinte einen leichten irischen Akzent zu vernehmen. In dem Moment, in dem er diese Szene beobachtete, wusste der Autor, dass er Alec Leamas gefunden hatte und dass dieser an der Berliner Mauer sterben würde. Mit seinem ramponiert wirkenden Wesen und den leblosen Zügen habe der Fremde etwas verkörpert, das er gesucht habe, erzählte le Carré später. Und zwar den perfekten Kontrast zur weltmännischen Art, mit der James Bond Barmänner weltweit anweist, den Martini geschüttelt und nicht gerührt zuzubereiten. Le Carré hatte für diese Art von Äußerlichkeiten nichts übrig. Er bezweifelte sogar, dass James Bond ein richtiger Spion sei, und hielt ihn eher für eine Art internationalen Gangster mit der Lizenz zum Töten. Während le Carrés Figuren in verlotterten Wohnungen mit bräunlicher Tapete unterkommen und oft in Spelunken trinken, lässt sich Bond in mondänen Luxus-Etablissements nieder und genießt Champagner, Jahrgangsweine und den nach eigenem Rezept gemixten Vesper. Le Carrés gebrochene Gestalten sind dem Alkohol keineswegs weniger zugetan. Ihr Trinken hat jedoch nichts Glamouröses. Le Carré hat seine Agenten auch als Gegenbild zum großspurigen Bond entworfen.

          Der Selbsteinschätzung des desillusionierten Leamas zufolge sind Spione „ein verkommener Haufen von eitlen Idioten und Verrätern: Schlappschwänze, Sadisten, Säufer – Leute, die Räuber und Gendarmen spielen, um ihrem armseligen Dasein ein bisschen Glanz zu verleihen“. Der Griff zur Flasche dient dem Autor dazu, einen Zustand der inneren Verwahrlosung zu illustrieren, die sinnbildlich ist für seine Einschätzung des Nachkriegs-Englands. James Bond täuscht mit seinen eskapistischen Cocktails allerdings über diese Wirklichkeit hinweg, während Leamus sich lieber mit Whisky selbst betäubt. (G.T.)

          Der goldene Punschtopf

          Weißwein zum Fisch, Rotwein zum Rehrücken, Champagner zu Austern – das sind kulinarische Verknüpfungen, die E.T. A. Hoffmann als geradezu primitiv angesehen hätte. Der Dichter, Komponist und Künstler, dem Alkohol legendär zugeneigt, hatte ein eigenes System der Trinker-Ästhetik entwickelt: Zur Kirchenmusik passen „alte Rhein- und Franzweine“, schreibt er in den „Kreisleriana“, während die ernste Oper „feinen Burgunder“ verlangt, die „komische Oper“ Champagner und Kanzonetten „italienische feurige Weine“. Allerdings geht es Hoffmann nicht um den gleichzeitigen, passiven Genuss von Musik und Alkohol. Er spricht vom produzierenden Künstler, vom Komponisten, von der „glücklichen Stimmung“, der „günstigen Konstellation, wenn der Geist aus dem Brüten in das Schaffen übergeht, das geistige Getränk den regeren Umschwung der Ideen befördert“. Er findet dafür das Bild eines Mühlrads: „Der Mensch gießt Wein auf, und das Getriebe im Innern dreht sich rascher“ – und die Opernproduktion nimmt Fahrt auf.

          Berühmt geworden ist Hoffmann aber nicht für Weinkonsum, denn die literarische Überhöhung des Trinkens, das offen Züge eines alchemistischen Vorgangs annimmt, ist bei ihm an die, am liebsten eigenhändige, Bereitung von Punsch geknüpft, „wenn man Kognak, Arrak oder Rum anzündet und auf einem Rost darüber gelegten Zucker hineintröpfeln lässt“. Er empfiehlt das für die Königsdisziplin des Komponisten, ein „höchst romantisches“ Werk wie Mozarts Oper „Don Giovanni“. Seinen Kreisler lässt Hoffmann zwar noch vom „mäßigen Genuss dieses Getränks“ fabulieren; dass sich der Autor beim Punsch nicht immer zu mäßigen wusste und sich im exaltierten Zustand oft genug danebenbenahm, wie man sich nicht nur in Bamberg erzählte, wo Hoffmann in eine unglückliche Liebe zu seiner Schülerin Julia Mark verstrickt war. Auch in Dresden und Berlin feierte er die Punschschale mit Attributen, die dem Gefäß und seinem Inhalt eine naturmagische Dimension verleihen, am deutlichsten im „Goldenen Topf“, der den Übergang zum Zauberreich der Elementarwesen ermöglicht – hier sind das die dem Feuer zugeordneten Salamander, in deren Zauber der Student Anselmus gerät. Auch in den Kreisleriana zieht Hoffmann die Verbindung: „Wenn so die blaue Flamme emporzuckt, sehe ich wie die Salamander glühend und sprühend herausfahren und mit den Erdgeistern kämpfen, die im Zucker wohnen. Diese halten sich tapfer; sie knistern in gelben Lichtern durch die Feinde, aber die Macht ist zu groß, sie sinken prasselnd und zischend unter.“ Wer die Punschentstehung als Kampf unter Elementargeistern ansieht, sollte es sich zweimal überlegen, das Ergebnis in den eigenen Leib zu befördern, solange man nicht gerade eine romantische Oper schreibt, und wohl selbst dann. Hoffmann war dieser Gedanke nicht fremd. Der Geist jedenfalls, „der von Licht und Feuer geboren, so keck den Menschen beherrscht“, sei deshalb so gefährlich, weil „man seiner Freundlichkeit nicht trauen darf und statt des wohltuenden behaglichen Freundes zum furchtbaren Tyrannen wird“. Hoffmanns Scharfblick auf den Punsch verdanken wir irrlichternde literarische Werke, deren wundersame Schönheit noch anhält, wenn der Zucker auf dem Rost längst zu einem hässlichen schwarzen Belag geworden ist. (spre.)

          Wassergläser voller Gin

          Carl Van Vechten, Musikkritiker, Ballettkritiker, Schriftsteller und Fotograf, legendärer Partygastgeber im New York der wilden zwanziger bis tief in die fünfziger Jahre, ist an den Rändern der Kulturgeschichte wiederaufgetaucht. Warum dieser quengelige, empfindliche Hedonist, der laut zeitgenössischer Beschreibung ein Gesicht hatte wie ein gezähmter Werwolf? Und warum jetzt? Weil seine Partys vermutlich die einzigen im weißen New York waren, zu denen auch Schwarze eingeladen waren. Weil Van Vechtens Begriff von Geist und Herkunft ebenso wenig Grenzen kannte wie seine Vorstellungen von Literatur, Kunst und Musik: Er war einer der seltenen Köpfe, die Strawinsky so ernst nahmen wie den Blues und die Amerika ohne schwarze Kultur als puritanisch, verspießert und arm empfanden.

          Sein allerletzter Roman, „Parties“, erschienen 1930 kurz nach dem Börsencrash, hat seinen Namen in Deutschland halbwegs lebendig erhalten. Eine ältere adelige Dame aus Deutschland, Adele von Pulmernl und Stilzernl (echt!), hat keine Lust mehr auf Baden-Baden und erobert New York. Die amerikanischen Hauptfiguren sind David und Rilda Westlake, ein unverhülltes Porträt der jungen, wüsten Feierkinder Scott und Zelda Fitzgerald. In diesem Roman wird fast durchweg getrunken und alles durcheinander. „Trank sie, weil er trank, oder trank er, weil sie trank?“ Wer das wüsste.

          Francis Scott Fitzgerald, im Juni 1937 fotografiert von Carl van Vechten
          Francis Scott Fitzgerald, im Juni 1937 fotografiert von Carl van Vechten : Bild: Picture-Alliance

          Suchen Sie nicht nach diesem Buch, außer beim Antiquar; es ist seit langem vergriffen. Sollten Sie es finden, schlagen Sie Seite 226 auf, um zu sehen, wie die New Yorker Wohnung von jungen Trinkern am Morgen aussieht, wenn schon die ersten Gäste hereinschneien, die Gastgeber selbst aber noch im Bett liegen, um den Rausch des Vortags auszuschlafen. Folgen Sie den Gästen, nachdem das Hausmädchen geöffnet hat, zur Bar. Dort liegt ein Buch mit zusammengetragenen Cocktailrezepten, die man sogar mal irgendwann probieren könnte.

          Aber dann tritt der kleine Sohn der Gastgeber ein, acht Jahre alt, ein schönes, ernstes Kind, das den Namen Regent trägt, und es stellt die vielleicht tiefste Frage des ganzen Romans: Wie kann ich meine Eltern öfter sehen? Regents Eltern wollen nämlich nicht vor ihrem Sohn trinken, damit er sie nicht in diesem Zustand erlebt, also gehen sie ständig aus und lassen den Jungen zu Hause zurück. Und er, schon so verständig, so erwachsen, sagt zu Onkel Hamish: „Mir wird’s egal sein, wenn ich älter bin und selbst zu Partys gehen kann, aber jetzt meine ich halt, dass sie mehr zu Hause bleiben würden, wenn sie nicht so viel tränken.“

          Ach, es gibt keine Antwort darauf, und auch Onkel Hamish kann dem Kleinen nicht helfen. Hat dessen Vater es nicht selbst gesagt? „Wir sind Eisbären, wie wir in unserem Käfig hin und her laufen, hin und her, tagelang, wochenlang, monatelang, bis in alle Ewigkeit.“ Aber nie ohne doppelte Sidecars und Wassergläser voller Gin. „Und wir werden betrunkener und betrunkener werden und so betrunken durch die Nachtklubs ziehen, dass wir nicht mehr wissen, wo wir sind. Und dann werden wir nach Harlem gehen und uns die Nacht um die Ohren schlagen und morgen früh ins Bett gehen und spät aufwachen und wieder von vorne anfangen.“ (P.I.)

          Kultur und Kater

          Wissenschaft und Alkohol pflegen eine unterkühlte Beziehung, sie wird nicht nach außen getragen. Eine Ausnahme war der Literaturwissenschaftler Friedrich Kittler, dem bei der Abschiedsvorlesung das Weinglas wie ein Kultgegenstand aufs Pult gestellt wurde. Auch in Kittlers früheren Vorlesungen, wird berichtet, war das Weinglas eine feste Requisite. Die Buchfassung von Kittlers Vorlesung zur Kulturwissenschaft vermerkt selbst die Raucherpausen. Am Ende wünscht Kittler den Studenten nicht eine produktive vorlesungsfreie Zeit, sondern einen strahlenden Sommer. Man konnte von ihm lernen, dass Kulturwissenschaft den sinnlichen Genuss nicht verlernen darf, wenn sie nicht kunstlos werden will.

          Vom Wein gibt es natürlich auch eine Wissenschaft, sie nennt sich Önologie und befasst sich mit allen Formen der Weinherstellung, vom Keltern bis zur Reifung. Sie hieß einmal Kellerwirtschaft, später wurde sie zu Ehren des mythischen Königs Oineus umbenannt und fortwährend nüchterner. Der Student lernt die vernunftgemäße Anwendung der Weintechnologie, die das Aroma veredelt, neuerdings werden dafür mit Hilfe von Mikrobiologen Aroma-Gene entschlüsselt. Das Ergebnis bewertet der Sommelier, auch das kann man heute studieren.

          Der Rausch ist dann Laiensache. Die meisten Appelle von Wissenschaftlern raten zu dosiertem Genuss, wie beim platonischen Gastmahl, wo man sich vornahm, nach einer durchzechten Nacht nur noch zum Vergnügen zu trinken. Immerhin, man trank, und vielleicht lag es daran, dass das Publikum Zeuge einer Eifersuchtsszene zwischen Sokrates und Alkibiades wurde. Der Mikrobiologe Louis Pasteur schrieb einmal, in einer Flasche Wein stecke mehr Philosophie als in allen Büchern. Welche Weisheiten er im Sinn hatte, ließ er vieldeutig offen. Die Philosophie des Weins ist eine Sache von Intellektuellen, die aus der Wissenschaft ausschieden und Weinhändler wurden. In der Wissenschaft selbst pflegt heute der Kulturphilosoph Robert Pfaller das dionysische Erbe fast im Alleingang. Ohne den Rausch, das Fest, die Ausschweifung ist für ihn das Leben nicht zu ertragen. Jede Kultur braucht die feierliche Ausnahme, den Rausch und den Kater. Sonst wäre sie keine. (tth)

          Kein Mensch ohne Bier

          Schon im Gilgamesch-Epos geht es ums Bier. Enkidu, eine Art Urmensch, grast anfangs mit den Wildtieren. Doch seine Bestimmung ist eine andere. Er soll den halbgöttlichen König Gilgamesch in seine Schranken weisen. Gelockt von einer „Dirne“, wird er auf seinem Weg in die Stadt bei den Hirten sozusagen vordomestiziert. Sie servieren ihm, womit er zunächst nichts anzufangen weiß: Brot und Bier. An dem neuen Nahrungsangebot des Neolithikums findet er jedoch schnell Gefallen, er leert einige Krüge – und lächelt. Der lächelnde Biertrinker ist seither eine feste Größe in der Weltliteratur. Man sieht die Figuren des „Ulysses“ vor sich, wie sie einen kräftigen Zug vom „foaming ebon ale“ nehmen, das die Guinness-Brüder, so James Joyce im Tonfall Homers, „seit jeher in ihren göttlichen Fässern brauen“. Švejk tritt vor das geistige Auge, wie er sich im „Kelchen“ zufrieden den Schaum vom Mund wischt, ehe er zum Wirt sagt: „Ich hatte fünf Bier und ein Brötchen mit Würstchen. Gib mir jetzt noch einen Sliwowitz, ich muss schon gehen, denn ich bin verhaftet.“

          Die Vielfalt des Biers, das Bier als dem Wein im Grunde überlegener Essensbegleiter – all das ging an der Literatur vorbei. Zwar pries Gottfried Benn in seiner „Bierode“ gleich mehrere niedersächsische Braumarken, bei allen aber handelte es sich um untergäriges Einerlei. Über Goethe immerhin schreibt Wilhelm von Humboldt 1823: „Er lebt von Bier und Semmel, trinkt große Gläser am Morgen aus und deliberirt mit dem Bedienten, ob er dunkel- oder hellbraunes Köstritzer oder Oberweimarisches Bier – oder wie die Greuel alle heißen – trinken soll.“ Auch in Goethes Werk hielt die Craftbier-Begeisterung keinen Einzug. Die Rolle des Biers in der Literatur scheint festgelegt: Es schafft Kontexte zwischen Natur und Kultur, in denen der Mensch seine „exzentrische Positionalität“ vergisst. Was passiert, wenn man es dem Menschen vorenthält, zeigt Hašeks „Abstinenzlerabend“. In dieser Groteske will Frau Picknown, die nach Übersee geheiratet hat, ihrer böhmischen Heimatstadt die neueste amerikanische Errungenschaft schmackhaft machen: die Prohibition. Die Frauen sind begeistert, den Männern spricht der Kapellmeister aus der Seele: „Ich geh hin und lass mich volllaufen!“ So kommt es dann auch an diesem denkwürdigen Abend, den der Wirt Vašata mit dem besten Umsatz seines Lebens abschließt. (uweb.)

          Trocken ausgebaut

          Wer in den siebziger Jahren ein Haus baute, der tat gut daran, die Handwerker mit Bier zu versorgen, vor allem die Maurer sollen die Flasche immer in Reichweite gehabt haben, und zwar ganz offen (im doppelten Sinne). Inzwischen sind die Baustellen weitgehend trockengelegt, dafür haben die Berufsgenossenschaften gesorgt. Zu der Frage, wie es die Architekten mit geistigen Getränken hielten und halten, ist die Indizienlage weit weniger eindeutig. Trocken ist bei ihnen allenfalls der Weißwein, lautet das Klischee, jedenfalls für die selbständigen Architekten, deren Erfolg von ihrer Kreativität abhängt. Als die Architekturzeitschrift „Archithese“ dem Thema „Architektur und Alkohol“ im Jahr 2004 ein ganzes Heft widmete, fielen die Antworten der Baumeister auf die Frage nach ihren Trinkgewohnheiten allerdings sehr einsilbig aus. In Diskretion haben sie sich seit alters geübt, es gibt nur wenige Architekten, die als Alkoholiker bekannt sind. Dem großen Peter Behrens eilt unter Architekturhistorikern ein entsprechender Ruf voraus. Er hat das Thema jedenfalls bis zur Neige ausgekostet: Der Entwurf von Weingläsern stammt ebenso von ihm wie jener für das Etikett zur Flasche „Oppenheimer 1912“, ein paar Jahre zuvor war er noch Mitglied in einem Verein von Abstinenzlern gewesen und lieferte den Entwurf für ein Restaurant namens „Jungbrunnen“, in dem keine alkoholhaltigen Getränke ausgeschenkt wurden. Der Name eines anderen bekannten deutschen Architekten, der mit „-brand“ endete, wurde von bösen Zungen zu „-brandy“ verlängert.

          Das war es aber im Wesentlichen schon. Als Akademiker verstehen sich die Architekten auf die Kunst der Verschleierung und der Sublimierung. Wenn sie damit kokettieren, dass sie ihre genialen Einfälle zuerst auf einer Serviette festgehalten haben, dann darf man wohl unterstellen, dass es nicht das Essen allein war, das ihre Phantasie angeregt hat. Und seit etlichen Jahren widmen sich berühmte Architekten mit wachsender Begeisterung der Bauaufgabe des Weinguts, von Herzog&de Meuron bis hin zu Marco Casamonti. Bei seiner Wendeltreppe für die Cantina Antinori denkt auch der nüchternste Betrachter an einen Korkenzieher. (ale.)

          Begehbarer Korkenzieher: Außentreppe der Cantina Antinori in der Toskana, entworfen von Marco Casamonti
          Begehbarer Korkenzieher: Außentreppe der Cantina Antinori in der Toskana, entworfen von Marco Casamonti : Bild: Sepp Spiegl

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