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Alkohol in Kunst und Kultur : Zum Abschied einen Drink

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In Georges Simenons Maigret-Romane stellt Alkohol oft einen Kippmoment dar: Jean Gabin 1951 als berühmter Kommissar. Bild: Picture-Alliance

Was lässt Georges Simenon seinen Kommissar Maigret in einer Kaschemmenwirtin sehen? Welches Getränk ist der ideale Begleiter von meditativer Einkehr am stillen Ende des Pandemiejahres? Ausflüge in die Literatur, die Küche und die Berge.

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          Männer und Frauen

          „Geht ein Mann an einer Bar vorbei...“ – der alte Witz hat seine Pointe eingebüßt, seit Frauen den Männern auch beim Trinken den Rang abgelaufen haben. Sie greifen so häufig zum Glas wie nie zuvor, und nur weil es ihnen nicht behagt, diesen überwundenen Genderpegelgap sichtbar zu machen, bleibt dem bitteren Scherz ein letztes Quentchen Wahrheit. Frauen können weiterhin zwanglos an einer Bar vorbeilaufen. Denn sie bevorzugen das hemmungslose Trinken im Verborgenen. Kaum einer hat die Geschlechterdifferenz in Sachen Alkohol so luzide beschrieben wie Georges Simenon in einem seiner Maigret-Romane, in denen Alkohol ja oft einen Kippmoment darstellt. „Maigret und die kopflose Leiche“ von 1955 ist in Wahrheit eine Studie über die Spielarten des Trinkens von Männern und Frauen, wie sie Suchtforscher nicht präziser schreiben könnten.

          Getrunken wird immer dann, wenn Simenons quecksilbriges Geschehen eine unerwartete Wendung nimmt, am meisten beim finalen Gespräch zwischen dem angereisten Notar aus der Provinz und Maigret, die auf dem Boulevard Saint-Germain in einer Brasserie bei Bier und Kognak das Rätsel der Kanalleiche lösen. Simenon hat seine Geschichte zum Kammerspiel destilliert, der Hauptschauplatz ist eine düstere, verräucherte Bar am Quai de Valmy. Und nicht etwa Maigret, der Notar oder all die anderen Polizisten, Schiffer und Barbesucher, die da trinken – wann, was und in welchen Mengen auch immer –, stehen im Zentrum, sondern die Wirtin der Kaschemme.

          Simenon, so meint man, scheint den fintenreichen Fall überhaupt nur erdacht zu haben, um ein Porträt der geheimnisvollen Madame Calas zu zeichnen, die hauptsächlich Weine mit feuersteinartigem Nachgeschmack ausschenkt, jedoch selbst härtere Sachen bevorzugt. Seit Maigret durch Zufall auf sie gestoßen ist, hört er nicht auf, über sie nachzudenken. Dennoch, und das ist entscheidend, macht Simenon sie zur Protagonistin aus eigenem Recht, weshalb sie ihrem heimlichen Beobachter auch ein ums andere Mal einen Haken schlägt. Wer Madame Calas einmal kennengelernt hat, wird sie nicht mehr vergessen. Einerseits folgt sie dem Muster der klassischen Trinkerin. Man sieht nie, wie sie es tut. Dafür umso mehr die Folgen dieses Tuns. Zugleich aber schimmert aus ihren dunklen, regungslosen Augen ein intensives Innenleben, nicht wegen, sondern trotz ihrer Sucht. Simenon hat mit ihr die beeindruckende Charakterstudie einer Frau geschaffen, die für ihre Mitmenschen vor allem eine schamlose Trinkerin ist. Für Maigret ist sie eine Idealistin. Nur er weiß, welchen Preis sie zu zahlen hatte. (S.K.)

          Essen und Trinken

          Kann man ohne Alkohol kochen? Natürlich nicht, was für eine abstruse Frage, wird jetzt die überwältigende Mehrheit der Hobbyköche in einem Aufschrei der Empörung behaupten. Denn die Arbeit am Herd macht ja erst richtig Spaß, wenn alkoholische Erfrischungsgetränke die Stimmung in Schwung bringen und der Wein nicht nur ans Schmorfleisch, sondern auch durch die Laienkochkehle fließt. So war die Frage allerdings gar nicht gemeint, aber wenn wir schon dabei sind, können wir die Sache auch klären: Natürlich kann man ohne Alkohol kochen, und entgegen aller Schauerfolklore tun es die meisten professionellen Köche. Wer vierzig Jahre lang Sechzehnstundentage stemmen muss, kann sich nicht permanent einen hinter die Binde kippen. Viele Sterneköche gönnen sich bestenfalls ein Feierabendbier mit ihrer Brigade, sind ansonsten Langstreckenläufer oder Rennradfahrer und kennen einen kochenden Bonvivant wie Fernand Point nur noch aus fernen Heldensagen – den Koch der Köche in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, einen Koloss von dreieinhalb Zentner Lebendgewicht, der sein Tagwerk mit eine Glas Champagner zu beginnen pflegte, es mit einem weiteren beendete und dazwischen so viele Gläser leerte, dass er auf das Tagespensum einer Magnumflasche kam.

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