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Alkohol in Kunst und Kultur : Zum Abschied einen Drink

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Die Vielfalt des Biers, das Bier als dem Wein im Grunde überlegener Essensbegleiter – all das ging an der Literatur vorbei. Zwar pries Gottfried Benn in seiner „Bierode“ gleich mehrere niedersächsische Braumarken, bei allen aber handelte es sich um untergäriges Einerlei. Über Goethe immerhin schreibt Wilhelm von Humboldt 1823: „Er lebt von Bier und Semmel, trinkt große Gläser am Morgen aus und deliberirt mit dem Bedienten, ob er dunkel- oder hellbraunes Köstritzer oder Oberweimarisches Bier – oder wie die Greuel alle heißen – trinken soll.“ Auch in Goethes Werk hielt die Craftbier-Begeisterung keinen Einzug. Die Rolle des Biers in der Literatur scheint festgelegt: Es schafft Kontexte zwischen Natur und Kultur, in denen der Mensch seine „exzentrische Positionalität“ vergisst. Was passiert, wenn man es dem Menschen vorenthält, zeigt Hašeks „Abstinenzlerabend“. In dieser Groteske will Frau Picknown, die nach Übersee geheiratet hat, ihrer böhmischen Heimatstadt die neueste amerikanische Errungenschaft schmackhaft machen: die Prohibition. Die Frauen sind begeistert, den Männern spricht der Kapellmeister aus der Seele: „Ich geh hin und lass mich volllaufen!“ So kommt es dann auch an diesem denkwürdigen Abend, den der Wirt Vašata mit dem besten Umsatz seines Lebens abschließt. (uweb.)

Trocken ausgebaut

Wer in den siebziger Jahren ein Haus baute, der tat gut daran, die Handwerker mit Bier zu versorgen, vor allem die Maurer sollen die Flasche immer in Reichweite gehabt haben, und zwar ganz offen (im doppelten Sinne). Inzwischen sind die Baustellen weitgehend trockengelegt, dafür haben die Berufsgenossenschaften gesorgt. Zu der Frage, wie es die Architekten mit geistigen Getränken hielten und halten, ist die Indizienlage weit weniger eindeutig. Trocken ist bei ihnen allenfalls der Weißwein, lautet das Klischee, jedenfalls für die selbständigen Architekten, deren Erfolg von ihrer Kreativität abhängt. Als die Architekturzeitschrift „Archithese“ dem Thema „Architektur und Alkohol“ im Jahr 2004 ein ganzes Heft widmete, fielen die Antworten der Baumeister auf die Frage nach ihren Trinkgewohnheiten allerdings sehr einsilbig aus. In Diskretion haben sie sich seit alters geübt, es gibt nur wenige Architekten, die als Alkoholiker bekannt sind. Dem großen Peter Behrens eilt unter Architekturhistorikern ein entsprechender Ruf voraus. Er hat das Thema jedenfalls bis zur Neige ausgekostet: Der Entwurf von Weingläsern stammt ebenso von ihm wie jener für das Etikett zur Flasche „Oppenheimer 1912“, ein paar Jahre zuvor war er noch Mitglied in einem Verein von Abstinenzlern gewesen und lieferte den Entwurf für ein Restaurant namens „Jungbrunnen“, in dem keine alkoholhaltigen Getränke ausgeschenkt wurden. Der Name eines anderen bekannten deutschen Architekten, der mit „-brand“ endete, wurde von bösen Zungen zu „-brandy“ verlängert.

Das war es aber im Wesentlichen schon. Als Akademiker verstehen sich die Architekten auf die Kunst der Verschleierung und der Sublimierung. Wenn sie damit kokettieren, dass sie ihre genialen Einfälle zuerst auf einer Serviette festgehalten haben, dann darf man wohl unterstellen, dass es nicht das Essen allein war, das ihre Phantasie angeregt hat. Und seit etlichen Jahren widmen sich berühmte Architekten mit wachsender Begeisterung der Bauaufgabe des Weinguts, von Herzog&de Meuron bis hin zu Marco Casamonti. Bei seiner Wendeltreppe für die Cantina Antinori denkt auch der nüchternste Betrachter an einen Korkenzieher. (ale.)

Begehbarer Korkenzieher: Außentreppe der Cantina Antinori in der Toskana, entworfen von Marco Casamonti
Begehbarer Korkenzieher: Außentreppe der Cantina Antinori in der Toskana, entworfen von Marco Casamonti : Bild: Sepp Spiegl

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