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Alkohol in Kunst und Kultur : Zum Abschied einen Drink

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Kultur und Kater

Wissenschaft und Alkohol pflegen eine unterkühlte Beziehung, sie wird nicht nach außen getragen. Eine Ausnahme war der Literaturwissenschaftler Friedrich Kittler, dem bei der Abschiedsvorlesung das Weinglas wie ein Kultgegenstand aufs Pult gestellt wurde. Auch in Kittlers früheren Vorlesungen, wird berichtet, war das Weinglas eine feste Requisite. Die Buchfassung von Kittlers Vorlesung zur Kulturwissenschaft vermerkt selbst die Raucherpausen. Am Ende wünscht Kittler den Studenten nicht eine produktive vorlesungsfreie Zeit, sondern einen strahlenden Sommer. Man konnte von ihm lernen, dass Kulturwissenschaft den sinnlichen Genuss nicht verlernen darf, wenn sie nicht kunstlos werden will.

Vom Wein gibt es natürlich auch eine Wissenschaft, sie nennt sich Önologie und befasst sich mit allen Formen der Weinherstellung, vom Keltern bis zur Reifung. Sie hieß einmal Kellerwirtschaft, später wurde sie zu Ehren des mythischen Königs Oineus umbenannt und fortwährend nüchterner. Der Student lernt die vernunftgemäße Anwendung der Weintechnologie, die das Aroma veredelt, neuerdings werden dafür mit Hilfe von Mikrobiologen Aroma-Gene entschlüsselt. Das Ergebnis bewertet der Sommelier, auch das kann man heute studieren.

Der Rausch ist dann Laiensache. Die meisten Appelle von Wissenschaftlern raten zu dosiertem Genuss, wie beim platonischen Gastmahl, wo man sich vornahm, nach einer durchzechten Nacht nur noch zum Vergnügen zu trinken. Immerhin, man trank, und vielleicht lag es daran, dass das Publikum Zeuge einer Eifersuchtsszene zwischen Sokrates und Alkibiades wurde. Der Mikrobiologe Louis Pasteur schrieb einmal, in einer Flasche Wein stecke mehr Philosophie als in allen Büchern. Welche Weisheiten er im Sinn hatte, ließ er vieldeutig offen. Die Philosophie des Weins ist eine Sache von Intellektuellen, die aus der Wissenschaft ausschieden und Weinhändler wurden. In der Wissenschaft selbst pflegt heute der Kulturphilosoph Robert Pfaller das dionysische Erbe fast im Alleingang. Ohne den Rausch, das Fest, die Ausschweifung ist für ihn das Leben nicht zu ertragen. Jede Kultur braucht die feierliche Ausnahme, den Rausch und den Kater. Sonst wäre sie keine. (tth)

Kein Mensch ohne Bier

Schon im Gilgamesch-Epos geht es ums Bier. Enkidu, eine Art Urmensch, grast anfangs mit den Wildtieren. Doch seine Bestimmung ist eine andere. Er soll den halbgöttlichen König Gilgamesch in seine Schranken weisen. Gelockt von einer „Dirne“, wird er auf seinem Weg in die Stadt bei den Hirten sozusagen vordomestiziert. Sie servieren ihm, womit er zunächst nichts anzufangen weiß: Brot und Bier. An dem neuen Nahrungsangebot des Neolithikums findet er jedoch schnell Gefallen, er leert einige Krüge – und lächelt. Der lächelnde Biertrinker ist seither eine feste Größe in der Weltliteratur. Man sieht die Figuren des „Ulysses“ vor sich, wie sie einen kräftigen Zug vom „foaming ebon ale“ nehmen, das die Guinness-Brüder, so James Joyce im Tonfall Homers, „seit jeher in ihren göttlichen Fässern brauen“. Švejk tritt vor das geistige Auge, wie er sich im „Kelchen“ zufrieden den Schaum vom Mund wischt, ehe er zum Wirt sagt: „Ich hatte fünf Bier und ein Brötchen mit Würstchen. Gib mir jetzt noch einen Sliwowitz, ich muss schon gehen, denn ich bin verhaftet.“

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