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Alkohol in Kunst und Kultur : Zum Abschied einen Drink

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Wassergläser voller Gin

Carl Van Vechten, Musikkritiker, Ballettkritiker, Schriftsteller und Fotograf, legendärer Partygastgeber im New York der wilden zwanziger bis tief in die fünfziger Jahre, ist an den Rändern der Kulturgeschichte wiederaufgetaucht. Warum dieser quengelige, empfindliche Hedonist, der laut zeitgenössischer Beschreibung ein Gesicht hatte wie ein gezähmter Werwolf? Und warum jetzt? Weil seine Partys vermutlich die einzigen im weißen New York waren, zu denen auch Schwarze eingeladen waren. Weil Van Vechtens Begriff von Geist und Herkunft ebenso wenig Grenzen kannte wie seine Vorstellungen von Literatur, Kunst und Musik: Er war einer der seltenen Köpfe, die Strawinsky so ernst nahmen wie den Blues und die Amerika ohne schwarze Kultur als puritanisch, verspießert und arm empfanden.

Sein allerletzter Roman, „Parties“, erschienen 1930 kurz nach dem Börsencrash, hat seinen Namen in Deutschland halbwegs lebendig erhalten. Eine ältere adelige Dame aus Deutschland, Adele von Pulmernl und Stilzernl (echt!), hat keine Lust mehr auf Baden-Baden und erobert New York. Die amerikanischen Hauptfiguren sind David und Rilda Westlake, ein unverhülltes Porträt der jungen, wüsten Feierkinder Scott und Zelda Fitzgerald. In diesem Roman wird fast durchweg getrunken und alles durcheinander. „Trank sie, weil er trank, oder trank er, weil sie trank?“ Wer das wüsste.

Francis Scott Fitzgerald, im Juni 1937 fotografiert von Carl van Vechten
Francis Scott Fitzgerald, im Juni 1937 fotografiert von Carl van Vechten : Bild: Picture-Alliance

Suchen Sie nicht nach diesem Buch, außer beim Antiquar; es ist seit langem vergriffen. Sollten Sie es finden, schlagen Sie Seite 226 auf, um zu sehen, wie die New Yorker Wohnung von jungen Trinkern am Morgen aussieht, wenn schon die ersten Gäste hereinschneien, die Gastgeber selbst aber noch im Bett liegen, um den Rausch des Vortags auszuschlafen. Folgen Sie den Gästen, nachdem das Hausmädchen geöffnet hat, zur Bar. Dort liegt ein Buch mit zusammengetragenen Cocktailrezepten, die man sogar mal irgendwann probieren könnte.

Aber dann tritt der kleine Sohn der Gastgeber ein, acht Jahre alt, ein schönes, ernstes Kind, das den Namen Regent trägt, und es stellt die vielleicht tiefste Frage des ganzen Romans: Wie kann ich meine Eltern öfter sehen? Regents Eltern wollen nämlich nicht vor ihrem Sohn trinken, damit er sie nicht in diesem Zustand erlebt, also gehen sie ständig aus und lassen den Jungen zu Hause zurück. Und er, schon so verständig, so erwachsen, sagt zu Onkel Hamish: „Mir wird’s egal sein, wenn ich älter bin und selbst zu Partys gehen kann, aber jetzt meine ich halt, dass sie mehr zu Hause bleiben würden, wenn sie nicht so viel tränken.“

Ach, es gibt keine Antwort darauf, und auch Onkel Hamish kann dem Kleinen nicht helfen. Hat dessen Vater es nicht selbst gesagt? „Wir sind Eisbären, wie wir in unserem Käfig hin und her laufen, hin und her, tagelang, wochenlang, monatelang, bis in alle Ewigkeit.“ Aber nie ohne doppelte Sidecars und Wassergläser voller Gin. „Und wir werden betrunkener und betrunkener werden und so betrunken durch die Nachtklubs ziehen, dass wir nicht mehr wissen, wo wir sind. Und dann werden wir nach Harlem gehen und uns die Nacht um die Ohren schlagen und morgen früh ins Bett gehen und spät aufwachen und wieder von vorne anfangen.“ (P.I.)

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