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Alkohol in Kunst und Kultur : Zum Abschied einen Drink

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Der goldene Punschtopf

Weißwein zum Fisch, Rotwein zum Rehrücken, Champagner zu Austern – das sind kulinarische Verknüpfungen, die E.T. A. Hoffmann als geradezu primitiv angesehen hätte. Der Dichter, Komponist und Künstler, dem Alkohol legendär zugeneigt, hatte ein eigenes System der Trinker-Ästhetik entwickelt: Zur Kirchenmusik passen „alte Rhein- und Franzweine“, schreibt er in den „Kreisleriana“, während die ernste Oper „feinen Burgunder“ verlangt, die „komische Oper“ Champagner und Kanzonetten „italienische feurige Weine“. Allerdings geht es Hoffmann nicht um den gleichzeitigen, passiven Genuss von Musik und Alkohol. Er spricht vom produzierenden Künstler, vom Komponisten, von der „glücklichen Stimmung“, der „günstigen Konstellation, wenn der Geist aus dem Brüten in das Schaffen übergeht, das geistige Getränk den regeren Umschwung der Ideen befördert“. Er findet dafür das Bild eines Mühlrads: „Der Mensch gießt Wein auf, und das Getriebe im Innern dreht sich rascher“ – und die Opernproduktion nimmt Fahrt auf.

Berühmt geworden ist Hoffmann aber nicht für Weinkonsum, denn die literarische Überhöhung des Trinkens, das offen Züge eines alchemistischen Vorgangs annimmt, ist bei ihm an die, am liebsten eigenhändige, Bereitung von Punsch geknüpft, „wenn man Kognak, Arrak oder Rum anzündet und auf einem Rost darüber gelegten Zucker hineintröpfeln lässt“. Er empfiehlt das für die Königsdisziplin des Komponisten, ein „höchst romantisches“ Werk wie Mozarts Oper „Don Giovanni“. Seinen Kreisler lässt Hoffmann zwar noch vom „mäßigen Genuss dieses Getränks“ fabulieren; dass sich der Autor beim Punsch nicht immer zu mäßigen wusste und sich im exaltierten Zustand oft genug danebenbenahm, wie man sich nicht nur in Bamberg erzählte, wo Hoffmann in eine unglückliche Liebe zu seiner Schülerin Julia Mark verstrickt war. Auch in Dresden und Berlin feierte er die Punschschale mit Attributen, die dem Gefäß und seinem Inhalt eine naturmagische Dimension verleihen, am deutlichsten im „Goldenen Topf“, der den Übergang zum Zauberreich der Elementarwesen ermöglicht – hier sind das die dem Feuer zugeordneten Salamander, in deren Zauber der Student Anselmus gerät. Auch in den Kreisleriana zieht Hoffmann die Verbindung: „Wenn so die blaue Flamme emporzuckt, sehe ich wie die Salamander glühend und sprühend herausfahren und mit den Erdgeistern kämpfen, die im Zucker wohnen. Diese halten sich tapfer; sie knistern in gelben Lichtern durch die Feinde, aber die Macht ist zu groß, sie sinken prasselnd und zischend unter.“ Wer die Punschentstehung als Kampf unter Elementargeistern ansieht, sollte es sich zweimal überlegen, das Ergebnis in den eigenen Leib zu befördern, solange man nicht gerade eine romantische Oper schreibt, und wohl selbst dann. Hoffmann war dieser Gedanke nicht fremd. Der Geist jedenfalls, „der von Licht und Feuer geboren, so keck den Menschen beherrscht“, sei deshalb so gefährlich, weil „man seiner Freundlichkeit nicht trauen darf und statt des wohltuenden behaglichen Freundes zum furchtbaren Tyrannen wird“. Hoffmanns Scharfblick auf den Punsch verdanken wir irrlichternde literarische Werke, deren wundersame Schönheit noch anhält, wenn der Zucker auf dem Rost längst zu einem hässlichen schwarzen Belag geworden ist. (spre.)

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