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Alkohol in Kunst und Kultur : Zum Abschied einen Drink

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Die Leser jedenfalls liebten diesen Haddock, doch Hergé ließ ihn nicht Säufer bleiben. Schon als der Zeichner im Folgejahr das in der Zeitung noch schwarzweiß abgedruckte Abenteuer für eine farbige Albumausgabe umarbeitete, ließ er Bilder entfallen, auf denen der Kapitän direkt aus der Flasche trank – solche Maßlosigkeit schien Hergé bereits indiskutabel. Und in keinem späteren Abenteuer wurde Haddock noch einmal derart betrunken präsentiert, dass es wieder bis zum Verlust der Sprachkontrolle gekommen wäre. Ganz im Gegenteil wurde der Kapitän zur beredtesten Figur in „Tim und Struppi“; seine Flüche haben ihn denn auch zuverlässiger zur komischen Figur gemacht als seine anfänglichen alkoholbedingten Ausfallerscheinungen.

Undenkbar heute, im Jugendcomic eine sympathische Figur als Trinker einzuführen! Doch Hergés Humor speiste sich aus Slapstickfilmen der dreißiger Jahre, in denen solche Auftritte zum festen Repertoire gehörten. Wie viel mehr er erzählerisch zu bieten hatte, zeigte dann die phantastische Szene mit dem zur Flasche mutierten Tim. Da kam über das Traummotiv ein surrealistischer Zug zum Vorschein, der auf der Höhe damaliger Gegenwartskunst war. Und als grausamer Wahnsinn dem Tiefpunkt jener Zeit entsprach. (apl.)

Agenten auf Abwegen

Die Idee für die tragische Hauptfigur von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ entstand an einer Bar. Den Scotch, der dabei eine Rolle spielte, trank deren Schöpfer allerdings nicht selbst. Den Scotch – einen großen – bestellte am Londoner Flughafen ein Mann, der einen fleckigen Regenmantel trug und einen Haufen Münzen auf den Tresen knallte.

John le Carré meinte einen leichten irischen Akzent zu vernehmen. In dem Moment, in dem er diese Szene beobachtete, wusste der Autor, dass er Alec Leamas gefunden hatte und dass dieser an der Berliner Mauer sterben würde. Mit seinem ramponiert wirkenden Wesen und den leblosen Zügen habe der Fremde etwas verkörpert, das er gesucht habe, erzählte le Carré später. Und zwar den perfekten Kontrast zur weltmännischen Art, mit der James Bond Barmänner weltweit anweist, den Martini geschüttelt und nicht gerührt zuzubereiten. Le Carré hatte für diese Art von Äußerlichkeiten nichts übrig. Er bezweifelte sogar, dass James Bond ein richtiger Spion sei, und hielt ihn eher für eine Art internationalen Gangster mit der Lizenz zum Töten. Während le Carrés Figuren in verlotterten Wohnungen mit bräunlicher Tapete unterkommen und oft in Spelunken trinken, lässt sich Bond in mondänen Luxus-Etablissements nieder und genießt Champagner, Jahrgangsweine und den nach eigenem Rezept gemixten Vesper. Le Carrés gebrochene Gestalten sind dem Alkohol keineswegs weniger zugetan. Ihr Trinken hat jedoch nichts Glamouröses. Le Carré hat seine Agenten auch als Gegenbild zum großspurigen Bond entworfen.

Der Selbsteinschätzung des desillusionierten Leamas zufolge sind Spione „ein verkommener Haufen von eitlen Idioten und Verrätern: Schlappschwänze, Sadisten, Säufer – Leute, die Räuber und Gendarmen spielen, um ihrem armseligen Dasein ein bisschen Glanz zu verleihen“. Der Griff zur Flasche dient dem Autor dazu, einen Zustand der inneren Verwahrlosung zu illustrieren, die sinnbildlich ist für seine Einschätzung des Nachkriegs-Englands. James Bond täuscht mit seinen eskapistischen Cocktails allerdings über diese Wirklichkeit hinweg, während Leamus sich lieber mit Whisky selbst betäubt. (G.T.)

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