https://www.faz.net/-gqz-a71bs

Alkohol in Kunst und Kultur : Zum Abschied einen Drink

  • Aktualisiert am

Den Versuch einer Vermittlung hat der Regisseur Philip Gröning 2005 in seinem Film „Die große Stille“ unternommen. Gröning verbrachte dafür fast sechs Monate in der Großen Kartause, nachdem er 15 Jahre auf eine Drehgenehmigung hatte warten müssen. Es sind ungewöhnliche 160 Minuten der Stille, der Dunkelheit, der Meditation, mit denen der Betrachter zu ringen hat, bis er sich schließlich vielleicht doch ihrem eigentümlichen Rhythmus zu ergeben vermag – und die in diesem Winter eine neue Bedeutungsebene besitzen dürften. Es gibt aber auch einen deutlich einfacheren, weltlichen Zugang zur abgeschiedenen Klosterwelt. Denn die Mönche finanzieren sich durch die Produktion eines Kräuterlikörs, der unter dem Namen „Chartreuse“ in einer grünen (55 Prozent Alkohol) und einer gelben Version (40 Prozent) sowie als „Élixier Végétal“ (69 Prozent) vertrieben wird. Die geheime aus bis zu 130 Kräutern bestehende Rezeptur ist angeblich nur zweien der Mönche bekannt. 1605 soll sie dem Orden in ihrer Urfassung in Form eines alchemistischen Manuskripts übertragen worden sein. Die Produktion des Likörs hat seitdem viele Katastrophen überdauert – ein ideales Getränk also, um das stille Ende des Pandemiejahres zur meditativen Einkehr und Reflexion zu nutzen. (sian.)

Angeschickert auf hoher See

Ein munterer Zecher war es nicht gerade, mit dem Tim und Struppi da ins neue Jahr 1941 gingen. Am 2. Januar, also übermorgen vor achtzig Jahren, trafen sie erstmals jenen Mann, der in ihrem Bunde der Dritte werden sollte: Kapitän Haddock. Der saß beim ersten Auftritt in seiner Kajüte, trank überreichlich Whisky und präsentierte sich als lallendes, heulendes Elend. Im weiteren Verlauf des Abenteuers mit dem Titel „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ sollte es für ihn noch Rum und Wein geben, so dass der Kapitän auch weiterhin meist im Zustand der Volltrunkenheit anzutreffen war. Dass er in seinem Begleiter Tim nur noch eine dringlich ersehnte Flasche Burgunder zu erkennen vermochte – wie in der obigen Bildsequenz vom 2. April 1941 zu sehen –, war allerdings nur ein böser Traum. Bezeichnend ist es dennoch: Mit Haddock hatte Tim jemanden kennengelernt, auf den er ersichtlich nicht bauen konnte.

Auch auf Reisen ist Kapitän Haddock gut versorgt. Szene aus dem Zeichentrickfilm „Tim und Struppi und der Haifischsee“ aus dem Jahr 1972.
Auch auf Reisen ist Kapitän Haddock gut versorgt. Szene aus dem Zeichentrickfilm „Tim und Struppi und der Haifischsee“ aus dem Jahr 1972. : Bild: Picture-Alliance

Der berühmteste Säufer der Comicgeschichte betrat die Szene aber auch in einem denkbar heiklen Moment. Ganz Belgien war seit Mai 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt, und Hergé, der Zeichner von „Tim und Struppi“, hatte im Oktober in der Brüsseler Tageszeitung „Le Soir“ ein neues Forum für seine zwischenzeitlich abgebrochene Comicserie gefunden. „Le Soir“ kollaborierte mit den Besatzern, und dass die beliebteste Jugendserie des Landes nun dort lief, empfanden viele Belgier als Landesverrat. Dass Hergé ihnen mit Haddock eine ambivalente neue Heldenfigur präsentierte, war indes ein Versöhnungsangebot: Ein Kapitän, der nicht Herr über sich selbst war, geschweige denn über sein Schiff – war das nicht das Spiegelbild der belgischen Situation?

Weitere Themen

Topmeldungen

Erst kam der Hype, dann die erste Enttäuschung: Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

F.A.Z.-Machtfrage : Überschätzt, unterschätzt

Der erste Hype um Annalena Baerbock ist vorbei, da holt Armin Laschet plötzlich auf – den viele im Vergleich zu Söder noch als blass verschmähten. Was sagt uns das über den Wert von Umfragen und Stimmungen im Bundestagswahlkampf?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.