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Alice Schwarzer zum Siebzigsten : Über Mut

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Bild: picture-alliance/ dpa

Sie ist das Gesicht des deutschen Feminismus, kaum eine einzelne Person hat in der Geschichte der Bundesrepublik so viel bewegt, verändert und erreicht. Zum siebzigsten Geburtstag von Alice Schwarzer.

          Wie gratuliert man Alice Schwarzer angemessen zum Geburtstag? Mit einem Artikel? Oder besser mit einer Festschrift? Oder am besten mit der Gründung eines nach ihr benannten Instituts - zur Erforschung der Geschichte der Frauenbewegung? Übertrieben wäre das nicht, denn kaum eine einzelne Person hat in der Geschichte der Bundesrepublik so viel bewegt, verändert und erreicht wie Alice Schwarzer. Und wenn man umgekehrt den Geburtstagsgruß so knapp wie möglich halten müsste und nur ein einziges Wort zur Verfügung hätte, um die herausragendste Eigenschaft von Schwarzer zu benennen, dann brauchte man nicht mehr als drei Buchstaben: Mut. Denn das ist die andere Seite ihres Erfolgs. Kaum eine einzelne Person in der Geschichte der Bundesrepublik wurde so geschnitten, ausgegrenzt, ignoriert, beschimpft und beleidigt wie Schwarzer.

          Mut, der lässt sich im Rückblick leicht loben. Was es aber bedeutet, mutig zu sein, sollte man sich anhand folgender Situation ausmalen: Man schreibt das Jahr 1975, die 1942 in Wuppertal-Elberfeld geborene Schwarzer ist Anfang dreißig, sie arbeitet als freie Journalistin und veröffentlicht ihr drittes Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“. Das Buch besteht aus fünfzehn Protokollen, es handelt von fünfzehn Frauenleben in Deutschland, von häuslicher Gewalt und sexueller Unterdrückung, und davon, wie diese schöngeredet werden. Was dann passierte? Wurde Alice Schwarzer mit Journalistenpreisen überhäuft? Mit Angeboten aus den Medienredaktionen? Nein. Sie wurde in einer Weise mit Schmutz beworfen, die andere für immer gelähmt hätte.

          Klüger und klarer als alle ihre Gegner

          Aber machen wir es kurz: 1976 wurden die ersten Frauenhäuser gegründet, weil sich nicht mehr wegdiskutieren ließ, dass Frauen von ihren Partnern zum Teil so schlecht behandelt werden, dass man sie unter Schutz stellen muss. Zwanzig Jahre später, 1997, wurde endlich auch die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Das Buch avancierte zum Bestseller, 250.000 Mark landeten auf Schwarzers Konto und sie gründete ein eigenes Magazin: „Emma“. Das erste Heft erschien im Herbst 1976.

          Mut braucht Alice Schwarzer auch, als sie zwei Jahre später den „Stern“ und seinen Chefredakteur Henri Nannen wegen der pornographischen Titelbilder verklagte. Die Klage scheiterte, es gab kein entsprechendes Gesetz. Aber, immerhin, Hellmuth Karasek schrieb: „Auch Männer, auch Illustrierten- und Zeitungsmacher, werden nach den Argumenten, wie sie im Prozess laut wurden, nicht mehr mit einem nachsichtigen Lächeln zur Tagesordnung übergehen können.“ Wo dieser Artikel erschien? Nicht im „Spiegel“, Rudolf Augstein kippte ihn kurz vor dem Druck; er kam in die „Emma“.

          Alice Schwarzer schrieb weiter, klüger und klarer als alle ihre Gegner. Und heute? Nein, man muss nicht immer einer Meinung mit ihr sein; manche Autoren werfen ihr vor, die einzige Stimme des deutschen Feminismus zu sein. Ist dieser Vorwurf begründet? Es gibt den wunderbaren Aufsatz der Kunstkritikerin Isabelle Graw über das Phänomen der Ausnahmefrau in der Kunstgeschichte. Von Frida Kahlo über Georgia O’Keeffe bis Bridget Riley gilt, dass „Künstlerinnen nur unter der Bedingung institutionell anerkannt wurden, dass sie als Ausnahme beschreibbar waren oder die Ausnahme blieben“. Die Ausnahmefrau ist ein Inselchen in einem Meer von Männern. Dafür wird sie beklatscht, die anderen werden vergessen. Nur: Würden wir das Frida Kahlo, Georgia O’Keeffe oder Bridget Riley vorwerfen? Nein. Und Alice Schwarzer, der Ausnahmefrau des Feminismus, auch nicht.

          Wir sollten uns ihren Mut zum Beispiel nehmen

          Wie sie wurde, was sie ist, werden irgendwann Historiker untersuchen. Grundvoraussetzung scheint ihre Ausbildung gewesen zu sein, die sie schon 1963 nach Paris führte. Als sie zwei Jahre später, nach Abschluss eines Sprachenstudiums, nach Deutschland zurückkehrte, begann sie als Journalistin zu arbeiten. Die Verbindung mit Frankreich riss jedoch nicht ab, im Gegenteil. Sie befreundete sich mit Simone de Beauvoir, die 1949 mit ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ ein weltweites Beben ausgelöst hatte. Ihre Interviews mit Frau de Beauvoir erschienen 1983 als Buch.

          Von ihr kann man lernen, dass die Dinge, für die es sich lohnt zu kämpfen, nie einfach zu erreichen waren. Wir haben eine Bundeskanzlerin - Frauen in Führungspositionen sind trotzdem selten. Wir haben Ursula von der Leyen, die meisten Väter kümmern sich weiterhin viel weniger um ihre Kinder als die Mütter. Frauen werden schlechter bezahlt, es gibt Organisationen, die bis heute keine Frauen zulassen, vom Ritterorden der Johanniter bis zur Frankfurter Gesellschaft. Wir schreiben das Jahr 2012. Sie, deren Mut wir uns zum Beispiel nehmen sollten, wird am heutigen Montag siebzig Jahre alt.

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