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Alice Schalek: Mutter aller Schlachtreporter : Gott, so ein Krieg!

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Karl Kraus' Drama "Die letzten Tage der Menschheit", das oft auf Berichte und Zitate der "Fackel" während des Ersten Weltkrieges aufbaut, zeigt ein Universalpanorama der militärischen wie der publizistischen Niedertracht.

          Jeder Beruf kann in der Literatur seine bündige Verkörperung finden. Der Kriegsberichterstattung ist dies lange vor Hemingways Selbststilisierung zur Legende in Karl Kraus' Drama "Die letzten Tage der Menschheit" geschehen, dessen Szenen, oft auf Berichten und Zitaten der "Fackel" während des Ersten Weltkrieges aufbauend, ein Universalpanorama der militärischen wie der publizistischen Niedertracht zeigen.

          Hier tauchen diverse Figuren des zeitgenössischen Journalismus - Ganghofer, Roda Roda - als Kriegsberichterstatter auf, und anonyme Journalisten führen auf Schlachtfeldern absurd auskennerische Unterhaltungen ("Sie haben von jeher für das strategische Moment eine starke Schwäche gehabt"). In der ungeheuren "Letzten Nacht" treten die Kriegsberichterstatter zwischen Sterbenden und "männlichen und weiblichen Gasmasken" auf: "Ich finde es gut, / hier stehen zu bleiben. / Ich habe den Mut, / diese Schlacht zu beschreiben." Diese Verse spiegeln von ferne mit bitterer Ironie den Satz, den Kraus über sich selbst schrieb, in Umkehrung eines Schiller-Zitats aus dem "Fiesko": "Ich habe gemalt, was sie nur taten."

          Schaleks Spezialstatus

          Mit besonderer Ungläubigkeit und besonderem Zorn (wie es seinem Bild von den Geschlechtern entsprach) hat Kraus auf die lange Zeit einzige Frau unter den Kriegsberichterstattern reagiert: Alice Schalek, die für die "Neue Freie Presse" emsig Stimmungsberichte von der Front lieferte und ihren Spezialstatus genoß und kultivierte.

          Sie, die immer wieder, in einem runden Dutzend Szenen, in den "Letzten Tagen" auftritt, wird in ihrer bewußtlosen Dreistigkeit zur eigentlichen Inkarnation des Metiers. Die 1874 geborene, ab 1903 als Reisejournalistin tätige Schalek war eine der publizistischen Berühmtheiten des Krieges und füllte große Vortragssäle. Kraus hat wie in so vielen anderen Fällen die Figur im wesentlichen durch authentische Zitate charakterisiert - mögen diese auch noch so unwahrscheinlich klingen. Der Gefahr, der Übetreibung bezichtigt zu werden, war sich Kraus dabei durchaus bewußt: "Zitiere ich sie, so glaubt man, ich hätte den Text gefälscht."

          Stereotype Frage nach Gefühlen

          Zwei Züge am Schalekschen Kriegsjournalismus hat Kraus besonders erbarmungslos herauspräpariert: Der eine ist die Angewohnheit, die Soldaten im Sinne einer feuilletonistischen Trivialpsychologie des "Erlebnisses" stereotyp immer nach ihren Gefühlen zu fragen. "Herr Leutnant, also sagen Sie, was denken Sie sich jetzt, was für Empfindungen haben Sie?" - "Sie sind Bombenwerfer, also was für Empfindungen haben Sie dabei?"

          Diese Haltung, die nicht damit zufrieden ist, daß sich etwas Furchtbares begibt, sondern auch noch die "Empfindungen" der Beteiligten hören will und erwartet, daß jeder sie in geläufigen Sätzen abliefern kann, wirkt um so grotesker, je mehr der Krieg jedem die Sprache verschlagen müßte. In der Fragegeste der Schalek scheint schon ein unsichtbar vorgerecktes Mikrofon enthalten. Als schließlich in einer satirisch zugespitzten Szene ein Soldat auf die Frage nach seinen Gedanken und Empfindungen "dabei" (beim Abfeuern eines Geschützes) hilflos "Gar nix!" erwidert, zieht die Schalek resigniert mit den Worten ab: "Und das will ein einfacher Mann sein."

          Spottzeichnung eines Soldaten

          Die zweite Infamie ist das obsessiv wiederkehrende Schlüsselwort "interessant", das die Perspektive auf das Kriegsgeschehen regiert. "Interessant sind die Verwundetenzüge." Hier zeigt sich die Blindheit der Lust des Sammelns impressionistischer Erfahrungen, die eine Reportage dekorieren sollen. Es gibt die Spottzeichnung eines Soldaten, der die Schalek an der Isonzo-Front karikiert hat (abgebildet in Paul Schicks immer noch lesenswertem Rowohlt-Bändchen über Kraus aus dem Jahre 1965): Die Reporterin liegt mit Tintenfaß und Papier im Drahtverhau und schreibt: "Die Schlacht war -". Über dem Blatt steht "Der Stellungsschreck", darunter: "Gott so ein Krieg is was Interessantes!"

          Die Szenen mit der Schalek, montiert aus deren eigenen Berichten, zeigen gewisse unsterbliche Züge ihres Berufs, die man ohne weiteres heute wiedererkennt: den dilettantischen Eifer des strategischen Laien ("Eine Hauptfrage ist: Wie und wo und wann kann abgeriegelt werden"), den Stolz auf die enge Symbiose mit dem Militärapparat ("Man hatte mit der Beschießung gewartet, bis wir oben angelangt waren"). Kraus' Stück gehört einer fernen Zeit an, und doch ist seine Hellsichtigkeit unüberbietbar, was die Zurichtung des Unsäglichen zum Geschwätz, der Schicksale des sogenannten Menschenmaterials zum Medienmaterial betrifft. Alle sind sie bereits versammelt, die Journalisten, die Fotografen und die noch unmittelbar vor dem Weltuntergang über das Schlachtfeld stürmenden "Kino-Operateure".

          Satirische Legende

          Alice Schalek zählte zu jenen Figuren, deren reales Fortleben außerhalb seiner Satire nach dem Krieg von Kraus mit einem gewissen ironischen Staunen verfolgt wurde, war sie doch durch ihn so ganz und gar zur Figur der satirischen Legende geworden. Als sie seiner unnachsichtigen Zitate wegen noch 1917 vom Kriegspressehauptquartier ausgeschlossen worden war, hatte er sie schon zur repräsentativen Statistin seiner Apokalypse gemacht. Die nachgeborenen Leser der "Fackel" haben vor drei Jahren durch eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien ("Von Samoa zum Isonzo") erfahren, daß die reale Alice Schalek 1939 von der Gestapo verhaftet wurde, sich aber noch in die Vereinigten Staaten retten konnte. Sie starb 1956 in New York.

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