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Bezahlen durch Lächeln : Bargeld lacht

  • -Aktualisiert am

Mundwinkel bitte nach oben: Alibaba-Chef Jack Ma führt vor, wie man in Zukunft Geschäfte tätigt. Bild: Reuters

Schlechte Nachrichten für Miesepeter und Griesgrame: Geht es nach dem chinesischen Konzern Alibaba, bezahlen wir an der Kasse künftig mit unserem Lächeln. Wird uns „Pay To Smile“ zu glücklicheren Menschen machen?

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          Haben Sie heute schon jemandem Ihr Lächeln geschenkt? Aber nicht viel dafür zurückbekommen? Das könnte sich bald ändern – zumindest, wenn es nach dem Willen des chinesischen IT-Riesen Alibaba geht. Der nämlich möchte herzerwärmend gekräuselte Mundwinkel vom zwischenmenschlichen Türöffner zum Sesam-öffne-dich upgraden, das geradewegs in die unendlichen Weiten des E-Commerce führt. Und in denen kostet dann alles nur noch ein Lächeln. „Pay To Smile“ heißt das mobile Bezahlmodell der Zukunft, das Alibaba-Chef Jack Ma selbstverständlich strahlend auf der Cebit vorstellte. Es funktioniert so: Statt mühsam Passwörter, Geheimzahlen oder gar Bankverbindungen einzutippen (die ja sowieso jeder ständig vergisst), lächeln Kaufwillige einfach in ihre Smartphone-Kamera, schießen ein Foto, schon ist das Geld weg und das Objekt der Begierde erworben.

          Das klappt sogar dann noch, wenn sich Kunden nicht mal mehr des guten Namens entsinnen, mit dem sie einst bezahlen sollten. Und nimmt diese mnemotechnische Entlastung nicht auch der Gesichtserkennung ihre biometrische Kälte, wenn wir zwecks Authentifizierung nicht mehr unsere ausdruckslosen Mienen scannen lassen müssen, sondern ganz authentisch schmunzeln dürfen, um unser Einverständnis in einen Bezahlvorgang kundzutun? Sicherheit inklusive, niemand hat die Absicht, jemanden zum Kauf zu zwingen, ein böser Blick genügt zur Abwehr. Einkaufen soll schließlich glücklich machen. Wie sehr wird es das erst tun, wenn es mit einem Lächeln verbunden ist, das bekanntlich selbst dann Glückshormone in unseren armen Hirnen kreiseln lässt, wenn es falsch ist. Ungeahnte Rückkopplungseffekte sind zu erwarten. Wobei, gequältes Dauerlächeln kann bei Servicekräften, die zu verlogener Dauerfreundlichkeit verdammt sind, zu Kreislaufbeschwerden und Depressionen führen, haben Forscher herausgefunden. Es ist also kompliziert.

          Nicht nur, weil ein festgefrorenes Lächeln den Dispo sprengen könnte. Oder eine missratene Lippenaufspritzung. Mit Joker-Grinsen in den Ruin, wer will das schon. Fest steht nur: Statt harter Münze zählen zunehmend soft skills, und der Begriff Millionen-Dollar-Lächeln könnte ganz andere Bedeutungen annehmen. Werden Unbedarfte sich bald fragen, welche sündhaft teuren Absurditäten Signora Gioconda wohl gerade in ihren Einkaufswagen geladen hat, wenn sie feixend Selfies vor der Mona Lisa knipsen – und dabei zugleich den Museumsshop leer räumen? Wobei das sicher nur geht, wenn der Zustand der Kauleisten auf Kreditwürdigkeit hinweist: kein strahlendes Haifisch-Grinsen, keine Patte auf dem Konto. Das spart die Schufa-Abfrage. Vielleicht werden die Leute auch knauserig mit ihrem verkauften Lächeln: bloß keine unbedarften Spontankäufe! Alibaba will sein Bezahlsystem erst einmal in China auf den Markt bringen, wo aus für Langnasen völlig unerfindlichen Gründen ohnehin viel gelächelt wird. Vielleicht eignet sich das Lächeln nicht als universale Währung. Entweder zeigen die Menschen der Idee kalt lächelnd die Zähne, oder es gilt der gute alte Song aus „Moderne Zeiten“: Smile, though your heart is aching.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

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