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Alfred Toepfer: Mäzen im Zwielicht : Gutes Geld, dunkle Absichten?

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Diese Oxforder Fährte beruht allerdings auf den Mutmaßungen Pinto-Duschinskys, der überall Verschwörung wittert, auch in der Hamburger Alfred-Toepfer-Stiftung, die er unter anderem beschuldigt, ihm den Zugang zum Archiv verweigert zu haben und die Biographie ihres Gründers zu „verdrehen“. Die offizielle Darstellung von Toepfers Lebensweg komme einer „Trivialisierung“ des Holocaust gleich, moniert Pinto-Duschinsky, und leitet aus den Befunden über die Verstrickung des Kaufmanns die Frage ab, ob die Finanzierung, welche die Universität Oxford aus Hamburg empfängt, um britischen Stipendiaten einen deutschen Studienaufenthalt zu ermöglichen, Einfluss nehme „auf die Art, in der der Holocaust in Oxford gelehrt - oder, genauer gesagt, zu wenig gelehrt“ werde.

Bricht Oxford die Beziehungen zur Stiftung ab?

Diese „Hansischen Stipendien“ reichen ebenso wie der an viele prominente Figuren aus dem britischen Kulturleben - von Ralph Vaughan Williams über Harold Pinter, Tom Stoppard und David Hockney bis hin zu Simon Rattle, Ian McEwan und Richard Dawkins - verliehene Shakespeare-Preis zurück in die dreißiger Jahre. Die Zielsetzung beider Stiftungen, wie Zimmermann bereits darlegte, deckte sich „eben auch mit den nationalsozialistischen Interessen in der Politik gegenüber Großbritannien“, nach der Devise: England die Meere und Deutschland der Kontinent. Pinto-Duschinsky bekräftigt, dass die von Hitlers Botschafter Joachim von Ribbentrop in London angekündigten „Hansischen Stipendien“ den Propagandazwecken des Regimes dienten und in Oxford der Präsenz jüdischer Emigranten entgegenwirken sollten, die täglich an den nationalsozialistischen Rassismus erinnerten.

Pinto-Duschinsky hat der Universität seine Bedenken bereits vor der Veröffentlichung seines Beitrages in „Standpoint“ mitgeteilt. Oxford hat daraufhin ein Gremium eingesetzt, das nun darüber befinden soll, ob die Universität ihre Verbindung zur Alfred-Toepfer-Stiftung abbricht. Dazu muss man wissen, dass Pinto-Duschinsky bereits vor fünfzehn Jahren in Oxford erfolgreich agitierte gegen die von Lord Weidenfeld eingefädelte Stiftung eines Lehrstuhls für europäisches Denken durch Gert-Rudolf Flick, den Enkel des als Kriegsverbrecher verurteilten Rüstungsfabrikanten Friedrich Flick. Die Ethikkommission der Universität, die potentiell problematische Schenkungen prüft, sah damals keinen Anlass, den Namen Gert-Rudolf Flicks mit den „entsetzlichen Ereignissen in Deutschland in den dreißiger Jahren und während des Krieges“ zu verbinden.

Aber Pinto-Duschinsky und andere argumentierten, dass nicht nur die Herkunft des Geldes, sondern auch die mangelnde Bereitschaft des Spenders, die von seinem Großvater beschäftigten Zwangsarbeiter zu entschädigen, die Zuwendung moralisch fragwürdig mache. [...]

Der „Persilschein“-Vorwurf

Den Toepfer-Nachkommen und der Stiftung wirft Pinto-Duschinsky nun ebenfalls vor, weder die Missetaten des Firmengründers öffentlich einzugestehen noch sich bisher dafür entschuldigt zu haben. Als Vorbilder schweben ihm die südafrikanische „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ vor wie auch die vielfach als Politik leerer Gesten kritisierten Entschuldigungen für historische Vergehen. Den Vorschlag von Ansgar Wimmer, dem Vorsitzenden der Alfred-Toepfer-Stiftung, statt dessen „Verantwortung“ zu übernehmen, für Transparenz zu sorgen und Lehren aus den Versagen zu ziehen, deutet Pinto-Duschinsky als weiteres Indiz für Bemühungen, die dunkle Vergangenheit Toepfers zu vertuschen.

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