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Alfred Andersch : Behält der Literaturpfaffe doch das letzte Wort?

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Als „Jüdischer Mischling“ 1941 aus der Wehrmacht entlassen: Ein neu aufgetauchtes Dokument, das Alfred Andersch frühesten strategischen Einsatz der „jüdischen Versippung“ belegt, belebt die Sebald-Debatte um die moralische Integrität des Schriftstellers neu.

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          Die von W. G. Sebald im Jahre 1993 angestoßene Kontroverse um die moralische Integrität des Schriftstellers Alfred Andersch während des „Dritten Reiches“ schien lange entschieden. Jetzt ist ein Dokument bekanntgeworden, das Sebalds Position zumindest in Teilen rehabilitiert.

          Worum es seinerzeit ging: Sebald hatte zwei biographische Details zum Anlass einer scharfen Invektive gegen Alfred Andersch genommen. Zum einen drängte Andersch noch im Frühjahr 1943 auf Scheidung von seiner im Jargon der Nürnberger Rassegesetze „halb-jüdischen“ Ehefrau Angelika, obwohl seine Schwiegermutter schon seit fast einem Jahr deportiert war.

          „Mangel an moralischer Phantasie“

          Um von der nationalsozialistischen Schrifttumsbürokratie die Schreiberlaubnis zugesprochen zu bekommen, durfte er nicht länger „jüdisch versippt“ sein. Zum anderen wollte sich Andersch ein Jahr später, nach seiner Desertion an der italienischen Front, im amerikanischen Kriegsgefangenenlager als politisch zuverlässig erweisen gerade durch den Hinweis auf seine Ehe mit einem „jewish mongrel“ (“Mischling“), um seine beschlagnahmten gesammelten Schriften ausgehändigt zu bekommen. Durch die Zeitläufte, das Kriegsgeschick und die Courage des Deserteurs war aus dem vormaligen biographischen Makel wieder ein Vorzug geworden.

          Diese strategische Indienstnahme der jüdischen Herkunft seiner ersten Frau hat der Auslandsgermanist und Autor Sebald Andersch zum Vorwurf gemacht und damit zugleich dessen gesamtes Nachkriegswerk als moralisch-ästhetisch kompromittiert erklärt. Denn in „Kirschen der Freiheit“, jenem ostentativ-bekennerischen „Bildungsroman“ von 1952, der Anderschs Lebensgeschichte bis zum Moment der Desertion 1944 erzählt, sei ausgerechnet diese Ehe- und Scheidungsgeschichte während des „Dritten Reiches“ ausgespart. Deshalb müsse die Vorgeschichte, die in den heroischen Akt der Fahnenflucht mündet, zumindest als „vorsichtig retouchiert“ bis offen apologetisch gesehen werden.

          Die etablierte Inlandsgermanistik wies diese Anwürfe scharf zurück, indem sie den Zunftaußenseiter gewissermaßen in den Grundkurs zurückstufte: unstatthafte Engführung von Leben und Werk. Anfängerfehler. Schlimmer noch: die Selbstgerechtigkeit eines Nachgeborenen und „Literaturpfaffentum“. Noch vor zwei Jahren bilanzierte Hans Magnus Enzensberger die Debatte mit dem Hinweis auf einen bedenklichen „Mangel an moralischer Phantasie“ bei Sebald. Dieser habe einfach „schlecht recherchiert“.

          Position Sebalds bestärkt

          Ein Aktenfund in der Deutschen Dienststelle Berlin stärkt nun die Position Sebalds, indem nun ein weiter zurückliegender Beleg für Alfred Anderschs Neigung, strategischen Gebrauch vom jüdischen Hintergrund seiner Ehefrau zu machen, hinzukommt. Das Dokument bezieht sich auf Anderschs vorläufige Entlassung aus der Wehrmacht am 12. März 1941. Lange bekannt ist, dass Andersch die Kriegszeit zwischenzeitlich als Werbeleiter bei der Firma Mouson in Frankfurt am Main verbrachte, bevor er 1943 wieder eingezogen wurde und schließlich im Juni 1944 bei Oriolo desertierte (“Mein ganz persönlicher 20. Juli“).

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