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Nawalnyj im Hungerstreik : Ein Skelett mit Humor

Heiteres Genie des Heldentums: Alexej Nawalnyj im Moskauer Anklagekäfig Bild: dpa

Der inhaftierte russische Oppositionelle Alexej Nawalnyj wird für seinen Witz und Mut von vielen Landsleuten bewundert. Bei einigen regt sich aber auch Neid. Jetzt haben sich russische Bürger seinem Hungerstreik angeschlossen.

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          Als der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj nach seiner Genesung von der Vergiftung mit dem biologischen Kampfstoff „Nowitschok“ im Januar seine Rückkehr nach Russland ankündigte, erinnerte sich der Schriftsteller Maxim Ossipow, wie er als Kind in einem Zirkus einem jungen Akrobaten zuschaute, der in schwindelnder Höhe auf einem Seil balancierte. Während das Publikum vor Angst den Atem anhielt, rief plötzlich ein Kind: „Wahnsinn, Junge, halte durch!“ Genau solche Bewunderung und Angst, die aus diesem Zuruf sprachen, empfinde er seither für Nawalnyj, schreibt Ossipow auf Facebook, obwohl sich dessen Lage täglich verschlimmere.

          Kerstin Holm
          (kho.), Feuilleton

          Ossipow bescheinigt Nawalnyj den Heroismus als Genie, als Gabe, die man nicht vortäuschen könne und die einige Menschen begeistere, bei anderen jedoch, vor allem bei Männern, Neid hervorrufe. In diesen Tagen erinnert er wieder an das schöne Paar Alexej und Julia Nawalnyj bei ihrer Ankunft auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo, an Nawalnyjs letztes Kurzinterview in Freiheit, passend zu seinen Ambitionen vor einem Foto des Moskauer Kremls. Es sei ein lichtes Kontrastbild zu den meisten – nicht nur russischen – Tyrannen gewesen, die zumeist kleinwüchsig seien, unschön, mit gedunsenem Gesicht und trüben Äuglein.

          „Ich bin ein Schreckbild für Kinder mit Suppenkaspersyndrom“

          Der Autor attestiert Nawalnyj wegen seiner Schlagfertigkeit und seines Witzes zudem ein Genie der Heiterkeit, wie sie der Nationaldichter Alexander Puschkin in der Literatur symbolisiere. Als beim Prozess gegen ihn wegen vermeintlicher Beleidigung des Kriegsveteranen Akimow bei dessen Videozuschaltung zwei Richterinnen vor der Kamera mit dem alten Mann agierten – die eine unsichtbar –, fragte Nawalnyj, warum die zweite Richterin nicht gezeigt würde, ob sie etwa nackt sei. Sein Schlusswort endete mit der frohen Formel: „Russland wird glücklich sein.“ Auch nach drei Wochen Hungerstreik auf einer Gefängniskrankenstation, da ihm qualifizierte ärztliche Betreuung weiter verweigert wird, nimmt er seine desolate Lage mit Humor. Mit seinem Anblick könne man Kinder mit Suppenkaspersyndrom erschrecken, meldet Nawalnyj und vergegenwärtigt das mit einem szenischen Dialog: „Maschenka, wenn du deinen Brei nicht isst, siehst du bald aus wie der Onkel da mit dem knochigen Schädel, den eingefallenen Augen und den Riesenohren.“ Woraufhin er das Kind antworten lässt: „Nein, Mama, nein! Ich esse alles auf und nehme noch Nachschlag!“

          Nawalnyj beschreibt sich selbst als „wankendes Skelett“, das mit einem zusammengerollten Gerichtsbescheid in seiner Zelle Mücken totschlage, die einen schneller umbringen könnten als jeder Hungerstreik. Dass berühmte Mediziner meinten, ein Mensch mit so hohem Kaliumgehalt im Blut wie er gehöre entweder auf die Intensivstation oder in den Sarg, habe ihn amüsiert. Nach dem Nowitschok-Anschlag könne ihn aber Kalium nicht schrecken, schreibt Nawalnyj und bedankt sich über seinen Anwalt für die Unterstützung und Solidarität, dank deren er überlebe.

          Zu den Neidern auf Nawalnyjs brillanten Humor, der zum Galgenhumor wird, gehören zuvörderst die Machthaber im Kreml mit ihrem Markenzeichen des maliziösen Kleingaunerhumors, ist der Schriftsteller Dmitri Bykow überzeugt. Sie könnten ihm seine menschliche Größe nicht verzeihen, so Bykow. Der Filmregisseur Andrej Swjaginzew vergleicht Nawalnyj mit dem furchtlosen Ritter Lancelot, der in den Rachen des Drachens gestiegen sei und nun dort brenne wie eine Fackel – für alle anderen. Dass Präsident Putin sich für die Aufrufe von Intellektuellen, Politikern, Ärzten, Sozialarbeitern aus dem In- und Ausland, Nawalnyj ärztlich behandeln zu lassen, taub stellt, zeige, so Swjaginzew, dass es in Russland kein Recht und Gesetz, de facto keinen Staat mehr gebe.

          Da alle Worte gesagt sind, sehen einige Intellektuelle und aktive Bürger den Moment der direkten Tat gekommen und haben sich aus Solidarität mit Nawalnyj dessen Hungerstreik angeschlossen. Den Anfang machte am 10. April der Moskauer Biologe und Historiker Nikolai Formosow, der bekennt, er sei kein Anhänger Nawalnyjs, schätze aber dessen Verdienste um die russische Jugend hoch. Wie Nawalnyj will der 65 Jahre alte Formosow solange nur Wasser zu sich nehmen, bis dieser von Ärzten seiner Wahl behandelt wird. Mehr als hundert Leute, darunter Journalisten, Rentner, Bürgerrechtler, schlossen sich ihm an, zuletzt der Dokumentarfilmer Viktor Kossakowski, der aus einer Klinik ein Video veröffentlichte, auf dem er mit Sauerstoffschläuchen in der Nase bekennt, es gebe keinen anderen legalen Weg mehr, Nawalnyj zu retten. Dabei zitierte Kossakowski dessen Botschaft: „Russland wird glücklich sein.“

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