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Aldi wird Hundert : Aus grundsätzlichen Erwägungen

In Essen begann der Aufstieg, hier existiert immer noch eine Aldi-Filiale: der Lebensmittelladen der Familie Albrecht in einer Aufnahme aus den dreißiger Jahren. Bild: Aldi Einkauf GmbH & Co. oHG

Hundert Jahre Aldi: Achtundneunzig Prozent aller Deutschen kennen den Discounter. Das weltweit erfolgreiche Unternehmen exportiert auch ein Image, das mehr mit diesem Land zu tun hat, als manchem lieb ist.

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          Gefeiert wurde nicht. Kein Festakt, keine Festreden, keine Festschrift. Aber immerhin hat man der geschätzten Kundschaft ein zweiundvierzig mal achtundzwanzig Zentimeter großes, einmal in der Mitte gefaltetes Blatt Papier ausgehändigt, auf dem der hundertste Geburtstag verkündet wurde. Zwanzig Fotografien dokumentieren die wichtigsten Stationen der Firmengeschichte, am Ende: „Wir sagen Danke für 100 Jahre Vertrauen“. Weniger war bei Aldi schon immer mehr.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Dabei ist der Hundertste ja beinahe so etwas wie eine Aufbauschung, die gar nicht zu Aldi passen will. Zwar meldet der Bäckergeselle Karl Albrecht im Frühjahr 1913 in Essen ein Gewerbe an, um dann mit dem Holzkarren durch die Stadt zu ziehen; ein richtiges Ladengeschäft gibt es erst von 1914 an, als Anna Albrecht in der Mittelstraße (der heutigen Huestraße 89) einen Lebensmittelladen eröffnet. Das Discountprinzip aber führten ihre Söhne Karl und Theo nach dem Zweiten Weltkrieg ein; 1948 beginnt die Filialisierung, 1954 starten die Brüder durch auf ihrem Weg zur Weltmacht im Einzelhandel. Schon im Jahr darauf steht auf hundert Ladenschildern in ganz Nordrhein-Westfalen der Name Albrecht.

          Die Brüder Karl und Theo sind Kinder der Zwischenkriegszeit, geboren 1920 und 1922. Theo Albrecht starb vor drei Jahren, sein mittlerweile dreiundneunzig Jahre alter Bruder lebt zurückgezogen in Essen. Ein Interview hat keiner je gegeben. Zwei der größten Unternehmer der Nachkriegszeit haben sich stets gegen jede Art von Öffentlichkeit entschieden - „aus grundsätzlichen Erwägungen“, wie standardmäßig jede Anfrage abgelehnt wurde.

          Aldi erobert Deutschland

          Beide waren Kriegsteilnehmer, Theo erlebte das Ende NS-Deutschlands in amerikanischer Gefangenschaft, Karl kehrte verwundet von der Ostfront wieder. Beide sind streng katholisch erzogen, was sie nicht davon abgehalten hat, ein Maximum an Leistung aus ihren Mitarbeitern herauszuholen. Umsonst ist der Tod, aber davor kommen Mühsal und Plage, denen man mit Fleiß, Sparsamkeit und einem angemessenen, also unauffälligen Lebensstil entgegentritt.

          Aus dem Ruhrgebiet heraus erobern sie das ganze Land, obwohl sie es im Jahr des Mauerbaus mit einer weiteren Trennlinie markierten. Theo übernimmt den Norden (zu dem nach der Wende der Osten kommt), Karl den Süden. Rund 3700 Filialen umfasst das Imperium heute allein in Deutschland. Aus Albrecht Diskont wird Aldi, und das schlägt ein. Lange, bevor die „Geiz ist geil“-Welle das Land erfasst, ist Aldi zum Synonym für niedrige Preise bei guter Qualität geworden. Von 1976 an werden sogenannte Aktionsartikel ins Sortiment genommen, Dinge des täglichen Gebrauchs zunächst. Später folgen Computer, gepulte Krabben und Champagner, und vor den schmucklosen Zweckbauten parkt auch betuchte Kundschaft, Käufer, die rechnen können, lange bevor der Smartshopper die Welt erblickte.

          Einher ging damit ein Imagewandel, den sich das Unternehmen nicht hätte besser erfinden können - und den zu bewerben damit überflüssig wurde (was eine Menge Geld gespart hat): Aldi wird Kult, weil Kunden kommen, denen es gleichgültig ist, welcher Name auf der Verpackung steht. Sexy war der Einkauf bei Aldi nie, und auch heute noch ist er weit davon entfernt, obwohl es mittlerweile Filialen in Citylagen gibt, die zumindest sachlich modern und transparent wirken. Leider hat der deutsche Normschuppen nicht die architektonische Qualität des österreichischen Aldi-Ablegers Hofer.

          Der Westküsten-Aldi

          In Deutschland weniger geläufig ist der Umstand, dass Nord und Süd längst in Ost und West etabliert sind, in Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Polen und Slowenien ebenso wie in der Schweiz, in Irland, dem Vereinigten Königreich, Spanien, Portugal, den Vereinigten Staaten und Australien. Derzeit ist Aldi Süd dabei, die amerikanische Westküste zu erobern. Noch vor nicht allzu langer Zeit hieß es in der Wirtschaftspresse, Aldi sitze auf einem so dicken Eigenkapitalpolster, dass es diese Expansion ohne fremdes Geld bewältigen könne. Nun muss sogar ein externer Manager helfen, das gleicht einer Kulturrevolution: Headhunter haben für den Koordinierungsrat von Aldi Süd, das höchste Lenkungsgremium, einen Mann aufgespürt, der bei Goldman Sachs, der Deutschen Bank und bei MAN war, aber noch nie im Einzelhandel. Entlohnung drei Millionen Euro im Jahr, keine Boni.

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