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Albert Speer : Der diskrete Riese

  • -Aktualisiert am

Brücke zwischen Kultur und Geld: Frankfurts Holbeinsteg Bild: dpa

Die Stadt Frankfurt verdankt ihm im Grunde ihre gesamte momentan gefeierte Renaissance. Doch der Architekt Albert Speer, der nun seinen siebzigsten Geburtstag feiert, ist weit mehr als ein Lokalheros.

          3 Min.

          In diesem Jahr erlebt Frankfurt eine Aufwertung, die niemand hier für möglich gehalten hätte. Plötzlich loben Fachzeitschriften, Magazine und Tageszeitungen die Stadt als städtebaulichen Musterknaben, als Phoenix, der unvermutet der Asche von Jahrzehnten verheerenden Städtebaus entstiegen sei. Alle Welt ist hingerissen von der skyline, jedermann zeigt sich begeistert von den neuen Stadtvierteln, die als Mischung aus Wohn-, Büro- und Freizeitvierteln längs des Mainufers Ersatz für verrottete Hafen- und Industrieanlagen schaffen.

          Wer diese neuen Quartiere anschaut, dem sticht ein Neubaukomplex zwischen dem ehemaligen Westhafen und Frankfurts Hauptbahnhof ins Auge - die Basler Arkaden, ein Ensemble aus Büros, Wohnungen, Restaurants und Bars, das mit seinen wuchtigen Proportionen und markanten Travertinarkaden der international erfolgreichen "Neuen Schweizer Einfachheit" verpflichtet ist.

          Gemeinsam mit einem Solitär, der in Grund- und Aufriß durch seine ovale, einem Dreieck angenäherte Gestalt verblüfft, bildet das Ensemble Dreh- und Angelpunkt, aber auch Ruhepol eines Stadtbezirks, der sich zuvor ausnehmend häßlich und zerfledert darbot. Zuständig waren die Architekten Happ und Nowak des Frankfurter Architekturgroßbüros AS&P. Und das wiederum leitet Albert Speer, der heute siebzig Jahre alt wird.

          Kronzeugen der neuen Schönheit

          Frankfurt verdankt ihm nicht nur das Ensemble am Baseler Platz, sondern im Grunde seine gesamte momentan gefeierte Renaissance. Denn er war maßgeblich beteiligt an fast allen Projekten, die nun als frische oder bereits vertraute Kronzeugen der neuen Schönheit angeführt werden: das gestalterische Konzept der Messe (1978), das des Museumsufers (1980), der City-Leitplan (1983), der den Wildwuchs der Frankfurter Hochhäuser in geordnete Bahnen lenkte und so das bedrohte spätklassizistische Westend der Stadt vor weiteren Schäden bewahrte.

          Doch nur ein Lokalheros ist Albert Speer keineswegs: Er hat in Arabien gebaut, in China und Indien, hat 1999 den Masterplan der "Expo 2000" in Hannover angefertigt und 2003 Peking mit einem ebensolchen für die Olympischen Spiele begeistert, das 35 000 Einwohner zählende Diplomatenviertel in Riad geht auf ihn zurück, das neue Bahnhofsviertel Krakaus wird seine Handschrift tragen. Albert Speer, das weiß längst alle Welt, ist Spezialist für Stadt-, Regional-, Raum- und Verkehrsplanung, für Masterpläne und Leitlinien. Der einzelne Bau, der Solitär gar, sind ihm, bei aller Liebe zum gestalterischen Detail, immer nur Teile eines Ganzen.

          Ein eigener Name

          Das Oval am Baseler Platz

          Demgemäß wuchs sein Büro im Lauf der Jahre auf etwa siebzig Mitarbeiter an. Manchem wohl lag deswegen und wegen der gigantischen Aufgaben, die AS&P bewältigt, das Wort vom Generalisten auf der Zunge, der in vergleichbar riesigen Dimensionen plane und baue wie sein berüchtigter Vater. Es ehrt alle Beteiligten, daß es nie zu solchen Vergleichen kam. Am meisten Ehre aber gebührt Albert Speer selbst, der in seinen Anfängen, doch auch noch in Zeiten, als er schon ein gemachter Mann war, sich grundsätzlich anonym an Wettbewerben beteiligte, weil er sich, im Guten wie Schlechten, "einen eigenen Namen erarbeiten" wollte.

          Daß er das konnte, schreibt er seiner Begabung zu, der Familientradition - er ist der dritte Architekt in Folge -, vor allem aber seinem Lehrer Hans Döllgast. Einen besseren als den Münchner TH-Professor hätte er in den fünfziger Jahren kaum finden können: Döllgast war es, der mit dem Wiederaufbau der Alten Pinakothek, die er als Symbiose geretteter Pracht und moderner festlicher Nüchternheit gestaltete, ein Schlüsselwerk und Vorbild der deutschen Wiederaufbaumoderne lieferte. Diese prägt, bereichert durch die frühe Tätigkeit im Frankfurter Architektenbüro "Apel, Beckert und Becker", das Le Corbusiers kühle Formensprache nach Deutschland holte, bis heute die Arbeiten Speers.

          Ungebrochener Enthusiasmus

          Gelassen übt er seine Tätigkeit aus. Sein Enthusiasmus aber ist ungebrochen. So wie er, 1964 selbständig geworden, 1966 als einer der ersten Architekten für seine Großentwürfe die Zusammenarbeit mit Soziologen suchte, so sind heute für ihn Projekte ohne ausgefeilte ökologische Konzepte undenkbar. Er tritt, anders als sein berühmter Kollege Rem Kolhaas, der diesbezüglich Fatalismus predigt, vehement für globale Konzepte ein, die die Explosion der neuen Metropolen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas in sozial und ökologisch verträgliche Bahnen lenken sollen.

          Und jetzt hat Albert Speer auch die Zurückhaltung bezüglich seines Vaters durchbrochen. Er stand wochenlang dem Dokumentationsdramatiker Heinrich Breloer für dessen Projekt "Speer und Er" Rede und Antwort. Die Dreharbeiten, so erklärt der Sohn, hätten ihn aufgewühlt und erstaunt. Daß er sie auf sich nahm, mag auch mit dem Engagement zu tun haben, das Albert Speer als vornehmste Aufgabe des Architekten sieht: "Anwalt der Gesellschaft" zu sein.

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