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Al Dschazira : Der Wahrheit nur ein Stückchen näher

„Control Room” von Jehane Noujaim Bild: Berlinale

George Bush nannte den Nachrichtensender Al Dschazira einst „das Sprachrohr Usama Bin Ladins“. Der Dokumentarfilm „Control Room“ zeigt bei der Berlinale, wie das CNN der arabischen Welt arbeitet.

          Seit Kriege auch Medienkriege sind, heißt es, die ganze Welt schaue zu, wenn Amerika ins Feld zieht. Aber die ganze Welt sieht nicht dasselbe. Vierzig Millionen Araber etwa haben im vergangenen Jahr einen anderen Krieg gesehen als wir. Wir sahen einen weitgehend klinischen Krieg, sie einen immens blutigen. Wir sahen Bombardements, sie Zerstörung. Wir sahen feiernde Iraker, sie verzweifelte und schimpfende.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das ist die erste, nicht ganz überraschende Einsicht, die in dem Dokumentarfilm "Control Room" von Jehane Noujaim schon nach wenigen Minuten augenfällig wird. Der Film war vor einigen Wochen beim Filmfestival in Sundance im amerikanischen Bundesstaat Utah uraufgeführt worden und jetzt bei der Berlinale in der Reihe "Panorama Dokumente" zu sehen. Die zweite Einsicht, die sich unmittelbar anschließt, lautet, daß keine der beiden Kriegsversionen das Geschehen authentisch abbildete, und die dritte, daß auch die Kombination aus beiden der Wahrheit nur ein Stückchen näher kommt.

          Ungläubige Gesichter

          Die Regisseurin Jehane Noujaim hat unmittelbar vor den amerikanischen Angriffen auf Bagdad und während der folgenden Kriegswochen die Arbeit des Satellitensenders Al Dschazira in Doha/Qatar beobachtet, der in der arabischen Welt ein ähnliches Informationsmonopol besitzt wie CNN in der westlichen. Sie ist den Korrespondenten ins "Central Command" gefolgt, in das Medienzentrum, das die Amerikaner etwa hundertvierzig Kilometer von Badgad entfernt eingerichtet hatten. Sie war dabei, als George W. Bushs Rede mit dem letzten Ultimatum an Saddam in Bagdad übertragen wurde, und sie hat die ungläubigen Gesichter der Iraker gefilmt, die offenbar vollkommen überrascht wurden von Bushs Entschlossenheit, ebenso überrascht wie die Journalisten von Al Dschazira.

          "Wenn nach einem amerikanischen Flächenbombardement nur zehn Iraker überleben sollten, wird Saddam einer von ihnen sein" - der Kommentar eines Reporters zu Bushs Rede, eine Äußerung nicht im eigenen Sender, sondern zur Dokumentarfilmkamera hin, offenbart nicht nur den Zweifel am Erfolg der amerikanischen Methode, sondern auch die Abgeklärtheit gegenüber Saddams Fähigkeiten, sein Volk für sich bluten zu lassen. Daß er bei den amerikanischen Angriffen später allerdings tatsächlich seine Bevölkerung als menschlichen Schutzschild benutzt hätte, ein Vorwurf, mit dem die Amerikaner immer wieder die Opfer unter der Zivilbevölkerung zu erklären suchten, dafür gibt es keine Beweise. Gegen diese Version allerdings auch nicht, außer den Bildern von blutigen Kinder- und Frauenkörpern. Diese Bilder, die im westlichen Fernsehen kaum je zu sehen waren, waren ein Hauptanteil der Nachrichten, die Al Dschazira produzierte. Auch die Leichen amerikanischer Soldaten waren dort zu sehen und auch ein paar verschreckte amerikanische Kriegsgefangene.

          Grenzenloser Zugang

          Die Regisseurin war dabei, als der später beim Bombardement des Bagdader Al-Dschazira-Büros getötete Kriegsreporter seine schutzsichere Weste und seinen Stahlhelm anprobierte; sie filmte das Erstaunen im Sender, als Bagdad fiel und sich die Reporter fragten: "Wo war die irakische Armee, wo die Republikanergarde?", und sie war mit ihrem Kamerateam auch anwesend, als nach dem Sturz des Saddam-Regimes amerikanische Soldaten, die naturgemäß keine Ahnung von Kommunalverwaltung haben, mit Bürgervertretern über die Trinkwasserversorgung und Abfallentsorgung Bagdads diskutieren mußten.

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