https://www.faz.net/-gqz-16gny

Akustik in der Elbphilharmonie : Nur das Beste für die Ohren

  • -Aktualisiert am

Zweischaliger Konzertsaal: Der Hörgenuss soll nicht von vorbeifahrenden Schiffen gestört werden Bild: APN

Er ist der König unter den Akustikern: Yasuhita Toyota will der Hamburger Elbphilharmonie mit einer speziellen Wandverkleidung einen einzigartigen Klang verschaffen - und trifft damit genau die Vorstellungen der Hanseaten.

          Zu den Maximen, die rund um den Bau der Elbphilharmonie geradezu mantraartig wiederholt werden, gehört der etwas kuriose Satz, man wolle hier „einen der zehn besten Konzertsäle der Welt“ errichten. Unweigerlich fragt sich der Musikfreund, welches denn die übrigen neun illustren Säle seien, in deren Gesellschaft sich Hamburgs neuer Musentempel dereinst sonnen soll. Als gesetzt dürfen der Goldene Saal des Wiener Musikvereins, die Berliner Philharmonie und das Concertgebouw Amsterdam gelten. Aber hört man in Wien wirklich „besser“ als in Berlin - oder bloß anders? Klingt hier vielleicht Mozart authentischer, während Mahlers Musik dort erst richtig zur Geltung kommt? Schnell zeigt sich: Gute Akustik hat mindestens ebenso viel mit subjektiven Hörgewohnheiten und -erfahrungen zu tun wie mit physikalisch bestimmbaren Parametern.

          Gleichwohl sind auf dem dornenreichen Weg zum perfekten Klang ein paar Grundentscheidungen zu treffen, die den Klangcharakter eines Konzertsaals nachhaltig prägen. Eine der wichtigsten ist die über die Form des Saales. Hier gibt es zwei Grundmodelle: die sogenannte „Schuhschachtel“, einen langgestreckten, rechteckigen Raum, vor dessen einer Schmalseite die Bühne plaziert ist. Wien, aber auch die altehrwürdige Laeiszhalle in Hamburg folgen diesem Schema. Ein Nachteil der Schuhschachtel besteht in dem großen Abstand der Hörer in den hinteren Reihen zur Bühne, wobei sich allerdings das Paradox ergeben kann, dass man auf diesen „billigen Plätzen“, bedingt durch eine höhere Reflexion und Nachhallzeit des Schalls, „besser“ hört als in der Nähe des Podiums.

          Kompromissloser Anspruch an die Akustik

          Bei der Elbphilharmonie hat man sich daher für das konkurrierende „Weinberg“- Modell entschieden, das idealtypisch in Berlin und im Neuen Leipziger Gewandhaus realisiert wurde. Hier sitzt das Publikum auf hangartig ansteigenden, oft waben- oder hufeisenförmig angeordneten Rängen um das Orchester herum, zumeist - ein nicht unumstrittener Punkt - auch hinter dem Rücken der Musiker. Die größere Nähe aller Hörer zum Podium bringt indes das Hauptproblem dieser Saalform mit sich: In einer als angenehm empfundenen Akustik erreichen höchstens fünf Prozent des Schalls das Ohr auf direktem Weg von der Bühne; der Rest ist zuvor einmal oder häufiger reflektiert worden. Diese Reflexion und damit Nachhallzeit, Präsenz und Klangfarbe eines Saales genau zu steuern gestaltet sich ungleich schwieriger als bei der „Schuhschachtel“ und gilt unter Akustikern als Königsdisziplin.

          Einen Ruf als König unter Königen in der Zunft genießt seit längerem der Japaner Yasuhisa Toyota, der 2003 mit der Walt Disney Hall in Los Angeles auf sich aufmerksam machte. Der gern als „Akustikguru“ apostrophierte Experte hat seither unter anderem Konzerthäuser in St. Petersburg, Helsinki, Kopenhagen, Bamberg und Sydney veredelt. Sein kompromissloser Anspruch an die Akustik schien denn auch mit den superlativischen Erwartungen der Hamburger an ihren neuen Konzertsaal zu harmonieren; nicht zufällig war Toyota der Wunschkandidat des ähnlich perfektionistisch gesinnten Architektenduos Herzog und de Meuron.

          Starre akustische Ausrichtung

          Rasch machte Toyota seinem Ruf alle Ehre: Er entwickelte eine neuartige Wandverkleidung, die sogenannte „Weiße Haut“, die sich aus mehr als zwölftausend unterschiedlich geformten Gipsfaserplatten mit hoher Dichte zusammensetzt. Deren reliefartige Oberflächen sollen den Schall in optimaler Weise im Raum verteilen und dabei akustische Löcher ebenso vermeiden wie ungewollte Echoeffekte. Ihre genaue Form und Ausrichtung wurde deshalb zuvor mit Hilfe eines realistischen Saalmodells im Maßstab eins zu zehn errechnet. Um den Hörgenuss auch vor allen Beeinträchtigungen durch Störgeräusche etwa des nahen Hafens oder vorbeifahrender Schiffe zu bewahren, setzte Toyota durch, dass der Saal zweischalig ausgeführt und vom Rest des Gebäudes durch Federelemente entkoppelt wird.

          Diese und ähnliche - zum Teil höchst aufwendige - Maßnahmen wie Dämmungen von Wasser- und Lüftungsrohren lieferten freilich auch der Kritik an den ständig steigenden Kosten der Elbphilharmonie Munition. Schon 2008 bemängelte der Physiker Uwe M. Stephenson, dass die Stadt keinen Prüfakustiker bestellt habe, der die Arbeit Toyotas kontrolliere. Auch könnte die starre akustische Ausrichtung des Saales auf das klassisch-romantische Musikrepertoire einer weitergehenden Nutzung der Elbphilharmonie im Weg stehen. Wer indes von einem der besten Konzertsäle der Welt träumt, dürfte diese Kritik - und sei er selbst ein Hanseat - für die Einwände einer ausgemachten Krämerseele halten.

          Weitere Themen

          Goldener Bär für „Synonymes“ Video-Seite öffnen

          Israelischer Film : Goldener Bär für „Synonymes“

          Der israelische Regisseur Nadav Lapid ist von der Berlinale-Jury für seinen Film „Synonymes“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Deutschland wurden am Samstagabend in Berlin auch zwei deutsche Regisseurinnen ausgezeichnet.

          Gibt es Zeitschleifen?

          Tatort-Sicherung : Gibt es Zeitschleifen?

          Im neuen „Tatort“ aus Wiesbaden steckt LKA-Ermittler Felix Murot in einer Zeitschleife. Wie blickt die Wissenschaft auf dieses Phänomen? Wir haben Experten gefragt.

          Abschied für Dieter Kosslick Video-Seite öffnen

          Berlinale 2019 : Abschied für Dieter Kosslick

          Nach 18 Jahren als Berlinale-Direktor lässt Dieter Kosslick die Stimmung auf dem roten Teppich noch mal so richtig auf sich wirken. Bei seinen letzten Filmfestspielen als Leiter wird „Synonymes“ mit dem goldenen Bären geehrt. Darin geht es um einen jungen Israeli, der in Paris eine neue Identität sucht.

          Topmeldungen

          Wenn Details stören : Weiß die SPD, was Hartz IV ist?

          Mit ihrem neuen Sozialstaatskonzept schielt die Partei auf Wähler. Besser wäre, sie schaute auf die Wirklichkeit. Denn die Statistiken verraten so einiges über Hartz IV – sowohl positive als auch negative Entwicklungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.