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Züricher Aktionskunst : Waffentheater

  • -Aktualisiert am

Übergroße Patrone am Messestand von Ruag während der Jagd- und Sportwaffenmesse IWA OutdoorClassics in Nürnberg. Bild: Picture-Alliance

Das Züricher Theater am Neumarkt macht nicht allzuoft von sich reden – und wenn, dann eher nicht mit Theaterinszenierungen.

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          Ihre Ruhe im Shitstorm bewahrten nur die Waffenhändler der Firma Ruag, dem staatlichen Rüstungskonzern der Schweiz. In der Mail, die wir vorgestern von zwei Absendern – der „RUAG Group“ und „Anwir Acheros“ – zugeschickt bekamen, wurde angekündigt, dass die eidgenössische Waffenschmiede zukünftig keine Munition mehr herstelle und sich auf die Umwelttechnologie konzentrieren werde. Man habe erkannt, dass die Waffenproduktion zu einem Reputationsrisiko geworden sei.

          „Mit der Neupositionierung“, wird Konzernchef Urs Breitmeier zitiert, „hat unser Unternehmen nun die große Chance, eine Führungsrolle beim ökologischen Umbau der Schweizer Wirtschaft zu spielen.“ Ja, auch das wurde ihm noch in den Mund gelegt: dass man Löschflugzeuge zur Bekämpfung der Brände im Amazonas-Gebiet herstellen werde. Kurzfristig sei dazu eine Pressekonferenz im Bahnhof Zürich anberaumt worden. Das Logo und die Homepage waren gefälscht.

          Unbedingtes Theater außerhalb der Bubble

          Die offizielle Entwarnung kam am Tag danach um vier Uhr in der Früh. Da waren aber längst die ersten Artikel erschienen. Sie handelten nicht von der wundersamen Bekehrung der Waffenfabrik, sondern von der neusten Aktion des Theaters am Neumarkt. Es hatte vor ein paar Jahren mit einem Schauprozess gegen die „Weltwoche“ – er endete mit einem Freispruch – für politische Schlagzeilen gesorgt und 2016 gegen den Besitzer und Chefredakteur der Zeitung, Roger Köppel, eine widerliche Prozession zu dessen Haus inszeniert: In einer Art Voodoo-Exorzismus wurde die „Entköppelung der Schweiz“ aufgeführt – erfolglos, wie man im Nachhinein feststellen muss.

          Der Schaden für das Neumarkt-Theater, das einst Zürichs unbestrittene zweite Bühne mit klarem Profil war, konnte indes noch immer nicht begrenzt werden. Regelmäßig steht seine Existenzberechtigung zur Debatte. Seit einem Monat hat es drei neue Leiterinnen, die mit ihrer Aktion zu Beginn der Spielzeit immerhin den Beweis erbringen konnten, dass ihr Haus noch existiert. In ihrer Erklärung ist von einem „unbedingten Theater“ die Rede, von einem Ort für „Auseinandersetzungen außerhalb der geschützten Bubble“: „Alles könnte anders sein. Heute war die Ruag drei Stunden ein Unternehmen, das Technologie für die Menschen und nicht für den Krieg herstellt.“

          Die vernichtende Besprechung genau solcher Stadttheater-Initiativen erschien bereits am Tag zuvor in der „NZZ“: Dort erklärte Felix E. Müller, warum er genau deswegen „nicht mehr ins Theater gehe“. Mit der Neumarkt-Aktion hat es seinen Bedeutungsverlust gleich selbst aufgeführt. Mit beruhigender Gelassenheit reagierten die Verantwortlichen der Ruag auf das Stück: „Wir haben nichts damit zu tun und werden deshalb auch keine Klage einreichen.“ Juristische Schritte erwägt indes die Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Sie hat zwar gar nicht berichtet, aber die Einladung zur Medienkonferenz, der fünfzehn Journalisten folgten, weitergeleitet – wahrscheinlich ungelesen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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