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Aktenzeichen XY : Das wird!

Urvater von Aktenzeichen XY: Eduard Zimmermann Bild: dpa

Allein die Ankündigung, bei Aktenzeichen XY gesucht zu werden, brachte einen mutmaßlichen Täter dazu, sich stellen zu wollen. Ein enormer Reichweitenerfolg der verdienten Polizistensendung.

          2 Min.

          Rätselhaft, sagte der Kriminaloberkommissar von der Kripo Recklinghausen, das sei ein wirklich rätselhafter Fall, weil hier nichts zu passen scheine. Rudi Cerne, der Moderator von Aktenzeichen XY (ältere Generationen sehen in ihm den Wiedergänger des legendären Formatgründers Eduard Zimmermann und kommen daher von der Sendung seit Jahrzehnten nicht mehr los), also Rudi Cerne hatte den Kommissar zuvor schon gefragt, ob ihm jemals ein so seltsamer Überfall untergekommen sei.

          Es geht hier nun gar nicht um die Einzelheiten dieses Raubüberfalls, bei dem ein Schüler von zwei Tätern niedergeschlagen wurde, diese ihm unspezifisch vorhielten, in der Schule jemanden beleidigt zu haben, bevor das Opfer dann einen Toast aufessen und die PIN seiner Geldkarte herausrücken musste, mit der ihm schließlich tausend Euro entwendet wurden. Alle XY-Rätsel, ob intelligent verschlüsselt oder dämlich, sind prinzipiell nur Rätsel auf Zeit. Fahndungspannen ändern daran nichts. Sobald der Analysefehler behoben und das fehlende Puzzleteil gefunden sind, kann ein noch so verwickelter Fall glasklar vor aller Augen liegen. Enthüllung durch Hinweise zum Tathergang – so lautet das dramaturgische Prinzip dieser verdienten Polizistensendung.

          Die Angst, aufzufliegen

          Damit wird dem Rätselhaften seit Ede Zimmermann eigentlich kein eigenes Sein mehr zugestanden, wie auch Augustinus das Böse lediglich als „privatio“, als Beraubung des Guten ohne eigenen Seinsstand verstanden wissen wollte. Über jeder Ausgabe von Aktenzeichen XY steht ein lichtes „Das wird!“; es fungiert als letztes Wort aller von Rudi Cerne vorgestellten Rätsel der menschlichen Natur.

          Zumindest einer der beiden Recklinghäuser Tatverdächtigen rief den Zuschauern nun auch selbst sein „Das wird!“ zu. Über einen Anwalt stellte er kurz vor Sendungsbeginn in Aussicht, sich stellen zu wollen, um der Fahndung einer Fernsehnation, ihren Risiken und Nebenwirkungen zu entkommen. Immerhin hatte der Mann seit dem 5. März 2020, dem Datum der Tat, mit der Angst, aufzufliegen, leben gelernt.

          Einsitzen statt aussitzen

          Die Nerven verlor er offenbar erst bei der Vorstellung, künftig an jeder Ecke erkannt werden zu können („Ist das da nicht der gesuchte Typ aus XY?“), hinterrücks aus einer namenlosen Menge heraus seinen Namen zu hören, nachts von einem Sonderkommando aus dem Schlaf gerissen zu werden. Unter solchen Umständen möchte man doch eher die Entlastungseffekte der Institution Gefängnis in Anspruch nehmen und einsitzen, als zitternd eine Freiheit auszusitzen, die man nicht hat.

          Dass schon die bloße Ankündigung, in XY aufzutauchen, genügt, um das Böse zu enträtseln, ist ein enormer Reichweitenerfolg. Hier zieht sich jemand lieber selbst aus dem Verkehr, als der Lesbarkeit der Welt im Wege zu sein.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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