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Akademischer Mittelbau : Flexible Dienstleister der Wissenschaft

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Unter Wissenschaftsfunktionären und Personalverantwortlichen scheint es kaum eine beängstigendere Vorstellung zu geben, als das hochqualifizierte Forschungs- und Lehrpersonal auf Dauer beschäftigen zu müssen. Außerdem haben sich Hochschulen und Außeruniversitäre dem Leitprinzip der Flexibilität verschrieben. Feste Mitarbeiter, das bedeutet für sie Verfestigung, Verkrustung, intellektuelle Stagnation und mangelnden Leistungswillen. Nur wer als Organisation flexibel und dynamisch auf neue wissenschaftliche Entwicklungen reagieren kann und über möglichst große personelle Spielräume verfügt, gilt als hinreichend innovations- und wettbewerbsfähig. Nur die Besten sollen sich durchsetzen, nur die Leistungsfähigen belohnt werden.

So verstärkt die gegenwärtige politische Ökonomie der Wissenschaft eine Spielart des Kapitalismus, in der sich politisches und ökonomisches Kapital in den Händen weniger konzentrieren. Die Mehrheit des wissenschaftlichen Personals hat keine Lobby und ist politisch allenfalls randständig repräsentiert. Mächtige korporative Akteure wie die Hochschulrektorenkonferenz und die Allianz der Forschungseinrichtungen vertreten strategische Organisationsinteressen wohl noch mehr als die Interessen der breiten Professorenschaft. Der Wettbewerb gilt den wissenschaftspolitisch Verantwortlichen seit der Jahrtausendwende als überlegender Steuerungsmechanismus, der eine effiziente Verteilung der Ressourcen auf die Besten und Leistungsfähigen verspricht. Dieses System belohnt diejenigen, die in den Antragsgremien und Gutachterkreisen sitzen und die meisten Drittmittel einwerben.

Der institutionalisierte Wettbewerb und die extrinsische Form der Motivation durch finanzielle Leistungsanreize und soziale Unsicherheit lässt wenig Platz für Solidarität und erstickt jene Freiräume des Denkens, die für die Wissenschaft überlebenswichtig sind. Ein kleiner Teil der Professorenschaft kann sich aus dem zeitraubenden Tagesgeschäft der Massenuniversität, in der immer mehr Studenten betreut werden müssen, in die Exzellenzforschung freikaufen. Der große Rest arbeitet an den Grenzen der Belastbarkeit und kann von eigener Forschungszeit nur träumen. Das befristete wissenschaftliche Personal ist weitgehend auf sich selbst konzentriert, verhält sich unauffällig, hofft auf die nächste Vertragsverlängerung und auf Vorteile gegenüber der Konkurrenz – ein opportunistisches, aber letztlich vollkommen rationales Verhalten, das systemisch angelegt und politisch gewollt ist.

Die Exzellenzstrategie soll jetzt längerfristige Perspektiven eröffnen und der Hochschulpakt verstetigt werden. Der Nachwuchspakt des Bundes soll Reformen in der Personalstruktur anstoßen und immerhin tausend zusätzliche Dauerprofessuren schaffen, die nach dem Tenure-Track-Prinzip vergeben werden. Das mag hoffnungsvoll stimmen. Doch die Personalstrukturen hängen nicht allein am Geld, und das Tenure-Track-Programm ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, wie Reinhard Jahn und Florian Meinel jüngst in dieser Zeitung deutlich gemacht haben. Ein Wandel der Personalstrukturen und vor allem der Vertragspraxis setzt einen weitreichenden Kulturwandel voraus. Es gibt jedoch wenig Anzeichen dafür, dass die Universitäten wirklich von der bisherigen Befristungpraxis abrücken wollen. Um zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen befristeten und unbefristeten Stellen zu kommen, reichen Anreizprogramme und Absichtsbekundungen nicht aus. Der Bundestag hat die ausufernde Befristungspraxis durch seine Gesetzgebung erst ermöglicht. Jetzt liegt der Ball im Feld der neuen Regierungskoalition.

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