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Kopftuch-Diskussion : Akademischer Faustkampf

  • -Aktualisiert am

Eine Frankfurter Diskussion über das Kopftuch endet als Schlägerei. Manche Themen können an den Universitäten offenbar nur noch mit den Fäusten diskutiert werden.

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          Langsam wird es zur Gewohnheit, dass an Universitäten über gewisse Themen nur unter Polizeischutz diskutiert werden kann. So war es in Hamburg, als sich der Protest gegen die Antrittsvorlesung des ehemaligen AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke richtete. Und so war es am Donnerstagabend an der Frankfurter Goethe-Universität, die schon mehrere heftige Aufwallungen über das Thema erlebt hat, das die Gemüter auch dieses Mal so heftig erregte, dass mancher die Faust nicht mehr in der Tasche halten konnte: das Kopftuch.

          Die Störer der Podiumsdiskussion, die nur durch das Einschreiten der Polizei gemäßigt werden konnten, hatten ein hehres Anliegen. Sie nannten sich „Studis gegen rechts Hetze“ und konnten es deshalb nicht dulden, dass an einer Universität ohne physischen Einsatz über Frauenrechte und Säkularismus debattiert wird. Man kann den Veranstaltern, dem Frankfurter Asta, den „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“ und der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ nun vieles vorhalten, für Frauen-, Ausländerfeindlichkeit und rechtes Denken stehen sie nicht.

          In der Diskussion sollte es um die Frage gehen, ob das Kopftuch als Modeaccessoire, religiöses Symbol oder politisches Instrument zu werten ist. Dass eine religiöse Verpflichtung zur Kopfbedeckung aus dem Koran nicht abzuleiten ist, hatte schon die hart umkämpfte Frankfurter Kopftuchkonferenz im vergangenen April geklärt. Offen bleibt die empirische Frage, in welchem Maß das Tragen des Kopftuchs freiwilliger Akt oder patriarchales Gebot ist. Zur Klärung hätte Ingrid König beitragen können, die als Schuldirektorin in Frankfurt reiche Erfahrung gesammelt hat. Den Aktivisten war die Realitätszumutung offenkundig zu groß, die Fäuste flogen, und zu verbalen Argumenten waren sie auch auf Zuspruch der Podiumsteilnehmerin Naila Chikhi nicht zu bewegen, die ihnen versicherte, nicht anders als sie über die NSU-Morde und rechtsextreme Hetze zu denken. Um die Redefreiheit an den Universitäten ist es bei manchen Themen nicht gut bestellt. Die Sozial- und Geisteswissenschaftler, die darüber selbstverständlich differenziert urteilen, halten sich vornehm zurück, und kollegiale Solidarität dürfen die nicht erwarten, die den Kopf hinhalten, wenn die Fäuste fliegen.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

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