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Frauenquote in der Akademie : Es wird dauern

  • -Aktualisiert am

Winfried Nerdinger, 76, ist Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, die 1948 als „oberste Pflegestelle der Kunst“ gegründet wurde. Bild: Orla Connolly

Der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Winfried Nerdinger, über eine Frauenquote und den Ausschluss straffälliger Mitglieder.

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          Herr Präsident, die letzten zwölf Monate waren eine schlimme Zeit für die schönen Künste.

          Es zählt zu den bitteren Erkenntnissen des vergangenen Jahres, wie wenig Kultur in diesem Land zählt. Wertvorstellungen und Hierarchien sind in den Corona-Verordnungen unverhüllt zum Ausdruck gebracht worden. Es gipfelte dann in der Verordnung vom Oktober, in der die Kultur zusammen mit Vergnügen und Freizeit geführt wurde.

          Und Bordellen.

          Das war wirklich dekuvrierend. Daraufhin haben wir Anfang November einen Protest formuliert, und die Bordelle sind schnell von der entsprechenden Website verschwunden. Jetzt hat sich Herr Söder entschuldigt, dass er die Relevanz der Kultur so wenig beachtet habe.

          Kürzlich haben sich 185 Schauspielerinnen und Schauspieler öffentlich als schwul, lesbisch, nichtbinär und trans geoutet und eine größere Diversität in Film, Fernsehen und Theater gefordert. Die Bayerische Akademie der Schönen Künste hat 199 ordentliche Mitglieder, davon sind 35 Frauen, das sind weniger als zwanzig Prozent.

          Frauen sind in der Akademie unterrepräsentiert, das ist ganz sicher so, und das ist bedauerlich. Wir haben das auch mehrfach in den Sitzungen moniert. Die Wahl der Mitglieder geschieht aber jeweils in den einzelnen Abteilungen, da kann der Präsident keinen direkten Einfluss nehmen.

          Laut Satzung müssen neue Mitglieder mit zwei Dritteln der Stimmen gewählt werden. Wenn 80 Prozent der Mitglieder Männer sind, wird sich am Status quo nichts ändern.

          Bei den Wahlen der vergangenen Jahre wurden immer wieder auch jüngere Künstlerinnen in die Akademie gewählt. Es ist keineswegs so, dass hier immer nur alte weiße Männer ältere Herren wählen. Das Bewusstsein für notwendige Veränderungen entwickelt sich, und die Verhältnisse werden sich ändern. Mit einer Verordnung kommt man da nicht weiter.

          Auf #Metoo haben Sie offenbar einen anderen Blick als Ihr Vorgänger, der ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger, der die Bewegung als „Virus“ bezeichnet hat.

          Das hat er als Privatperson und nicht für die Akademie gesagt. Was einzelne Mitglieder sagen, liegt immer in ihrem eigenen Ermessen. Ich persönlich halte #Metoo für einen ganz wichtigen und längst überfälligen Aufbruch in der Gesellschaft, dieser Prozess muss in Bewegung bleiben und verstärkt werden.

          Braucht es eine verbindliche Quote wie in Unternehmen?

          Von einer Quote halte ich nichts. Das Wesen der Akademie ist, dass „namhafte Persönlichkeiten“ gewählt werden und die versammelte Kompetenz kunstfördernd wirkt. Prominenz und Exzellenz kann ich nur sehr begrenzt über eine Quote regeln.

          Das klingt, als hielten Sie Frauen in Kunst und Kultur für weniger exzellent und kompetent.

          Aber nein! Es geht überhaupt nicht um weniger Kompetenz, Kompetenz wird nicht am Geschlecht, sondern am Fach gemessen. Es geht um die Einhaltung demokratischer Regeln bei Wahlen. Die Quote in den Parteien ist beispielsweise vom Verfassungsgericht in Brandenburg gekippt worden. Ich vertraue auf die Vernunft der Mitglieder. Es wird etwas dauern, aber es wird sich etwas verändern.

          Ihr Vorvorgänger als Präsident, Dieter Borchmeyer, hat die Festschrift für Siegfried Mauser, den 2018 wegen sexueller Nötigung rechtskräftig verurteilten ehemaligen Präsidenten der Münchener Musikhochschule, herausgegeben, unterstützt von der halben Musikabteilung der Akademie. Borchmeyers Nachfolger Michael Krüger widmete Mauser Gedichte und bezeichnet den Prozess als Justizskandal. Nach außen vermittelt die Akademie den Eindruck eines elitären Männerklubs.

          Diesen Eindruck kann ich nicht teilen. Mit dem Klischee des Männerklubs diskreditieren Sie unsere weiblichen Mitglieder, diese sind in der Akademie aktiv, sie sitzen genauso in den Jurys und repräsentieren von Senta Berger über Brigitte Fassbaender bis Waltraud Meier, Margarethe von Trotta und Juli Zeh ausdrücklich auch den Geist und die Vielfalt der Akademie. Die von Ihnen erwähnte Festschrift hatte nichts mit der Akademie zu tun. Ich kann und will keinen Einfluss darauf ausüben, wann und wo Mitglieder der Akademie publizieren und wem sie ihre Werke widmen.

          Besonders offensichtlich wurde dieses Bild, als es die Akademie nicht schaffte, Siegfried Mauser aus ihren Reihen auszuschließen. Erst als eine Gruppe von sechs Frauen, darunter Kammersängerin Brigitte Fassbaender, mit ihrem Rückzug drohten, verließ Mauser die Akademie aus eigenen Stücken.

          Frau Fassbaender hat sich sehr klar geäußert, aber es gab keine sechs Frauen, die mit ihrem Rücktritt drohten. Es gab Abstimmungen im Direktorium und in der Abteilung, Herrn Mauser aufzufordern, seine Mitgliedschaft niederzulegen.

          In der Satzung heißt es: „Ein Mitglied kann wegen grober Verfehlung oder bei fortgesetzten Zuwiderhandlungen gegen den Geist der Vereinigung auf Antrag der zuständigen Abteilung mit Dreiviertelmehrheit der Stimmen der ordentlichen Mitglieder ausgeschlossen werden.“ Wenn also weniger als drei Viertel der Meinung sind, dass Herr Mauser ausgeschlossen werden muss, dann bleibt er weiterhin Mitglied?

          Der Gesetzgeber hat einen möglichen Ausschluss so in unserer Satzung 1948 festgelegt. Dieser Passus ist nach der Verurteilung von Herrn Mauser im vergangenen Jahr erweitert worden. Da steht nun auch, wenn jemand rechtskräftig zu einer Haftstrafe von mehr als einem Jahr verurteilt wird, dann verliert er die Mitgliedschaft.

          Wann gibt es die erste Präsidentin der Bayerischen Akademie der Schönen Künste?

          Ich würde mich sehr freuen, wenn sie meine direkte Nachfolgerin wird.

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