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Kunstakademie Tarabya : Der schönste Arbeitsplatz am Bosporus

Ein Haus mit Geschichte: die Kulturakademie in Tarabya Bild: Ullstein

Die deutsch-türkische Akademie Tarabya ist ein Rückzugsort inmitten Istanbuls. Sie besticht durch ihre Schönheit und inspiriert Künstler, Musiker und Architekten – eine echte Erfolgsgeschichte.

          5 Min.

          Ruhig und bewegungslos breitet sich der Bosporus vor dem Auge aus. Bis das Idyll in der Bildmitte mit einem Schlag aufgebrochen wird. Aus dem Nichts stoßen zwei Buge wuchtig in das Wasser der Meerenge, einer nach links, einer nach rechts. Zwei Frachter entstehen und werden größer. Einer zieht ins Schwarze Meer, der andere hinunter zum Marmarameer. Erst sind auf ihrem Rumpf Buchstaben zu erkennen, sie werden zu Wörtern. Schließlich ist auf jedem Frachter eine Zeile aus dem letzten Gedicht zu lesen, das Nâzim Hikmet in seiner Heimat geschrieben hat. Wenn es bis zur letzten Zeile abgeschlossen ist, beginnt die Videoinstallation von vorne.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Der Filmemacher Jan Ralske drehte sie an der Stelle, an der Nâzim Hikmet, der heute als der große türkische Nationaldichter verehrt wird, 1950 in Tarabya ein Schiff bestiegen hat, mit dem er über das Schwarze Meer in die Sowjetunion geflüchtet ist. Fast siebzig Jahre später arbeitete Ralske fünf Monate als Stipendiat an der deutsch-türkischen Kulturakademie Tarabya. Die Videoinstallation, die dort entstand, war jüngst beim Kunst- und Kulturfestival der Kulturakademie in der Türkei zu sehen.

          Ein Geschenk des Sultans

          Ralske ist einer der mehr als achtzig Stipendiaten, die seit 2012 in Tarabya künstlerisch gearbeitet haben. Die Kulturakademie am nördlichen Ufer des Bosporus ist ein Vorzeigeprojekt der deutschen auswärtigen Kulturpolitik. Gegründet wurde sie auf Initiative des Bundestags, um den künstlerischen Austausch zwischen der Türkei und Deutschland zu fördern. Die Leitung liegt beim Auswärtigen Amt. Derzeit beherbergt sie jedes Jahr bis zu zwanzig Künstlerinnen und Künstler, die ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt in Deutschland haben.

          Sommervillen außerhalb der Stadt: Tarabya um 1908.

          Untergebracht ist die Kulturakademie in der historischen Sommerresidenz des deutschen Botschafters in der Türkei. Sie geht auf eine Schenkung des osmanischen Sultans Abdülhamid II. an das Deutsche Reich im Jahr 1880 zurück. Das im lokalen Stil mit Holz erbaute Ensemble, das sich in ein großes bewaldetes Grundstück einfügt, gehört zu den schönsten Immobilien der Bundesrepublik Deutschland im Ausland. Auf dem Gelände befinden sich ein historischer Friedhof, auf dem mehr als 660 Soldaten begraben sind, die im Ersten Weltkrieg in der verbündeten Türkei gefallen sind, zudem die Deutsch-Türkische Handelskammer, ein deutscher Kindergarten – und ebendie Kulturakademie mit sieben Wohnungen sowie Probenräumen und Ateliers.

          Die Kosmologie in der Moscheekuppel

          Von seinem Schreibtisch sieht der Schriftsteller Christoph Peters die großen Schiffe vorüberziehen. Ein Blick, der ihn mit der ganzen Welt verbindet. Jeden Morgen arbeitet er an seinem neuen Roman, am Nachmittag taucht er dann für Recherchen zu seinem nächsten Roman in das islamische Istanbul ein. Mal fährt er mit dem Schiff eine Stunde den Bosporus hinab in das Zentrum von Istanbul, ein andermal setzt er sich in die U-Bahn. In Istanbul beschäftigt sich Peters, der sich lange in Ägypten, der Türkei und Pakistan aufgehalten hat, mit den Ornamenten in den Moscheen und in den Teppichen, er trifft Derwische und ist auf der Suche nach den Spuren der islamischen Kosmologie.

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