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Airpods und ihre Äquivalente : Ich höre doch zu

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Als würde man sich die Köpfe elektronischer Zahnbürsten in die Ohrmuschel hängen: Airpods Bild: dpa

Unfreiwillig komisch und defizitär: Es war ein Fehler, sich so über die kabellosen Kopfhörer lustig zu machen. Jetzt tragen sie alle – und rund um die Uhr.

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          Rückblickend betrachtet war es ein historischer Fehler, sich derart lustig gemacht zu haben über die sogenannten Airpods, über diese winzigen kabellosen Kopfhörer, die Apple 2016 auf den Markt geschmissen hatte. All der Hohn und Spott, die Memes und Tweets und das Gelächter über den Unsinn einer solchen Erfindung hatten am Ende nichts gebracht. Vor allem in den Großstädten dieser Welt stecken sie nun in den Ohren einer immer rasanter anwachsenden Zahl von Menschen.

          Dabei war es gleichermaßen vorschnell wie nachvollziehbar, über die so seltsamen Geräte erst einmal zu lachen, ihnen haftete etwas Defizitäres an, etwas Entstelltes, als hätte man das Auto der Zukunft entwickelt und die Räder vergessen. Befeuert wurde diese Wahrnehmung dadurch, dass die neuen Kopfhörer im Vergleich zu ihrem Vorgängermodell in puncto Design so gut wie unverändert geblieben waren, es fehlte nun lediglich das Kabel, als hätte es jemand Ungeschicktes aus Versehen abgeschnitten und behauptet, das müsse so sein.

          Dass aber eine Art „Kabel“ natürlicherweise dazugehört, wenn man sich zum Zwecke des Hörens etwas in die Ohren steckt, das hatte sich – seit Erfindung des Walkmans (1979) und dann des iPods (2001), im Grunde seit Erfindung des Stethoskops vor rund 150 Jahren – offenbar ziemlich tief eingebrannt ins kollektive Dafürhalten.

          Köpfe elektronischer Zahnbürsten

          Es hatte also gleich etwas unfreiwillig Komisches, weil irgendwie Dümmliches an sich, Menschen bei der Benutzung von Airpods zuzuschauen, und das Empfinden von Lächerlichkeit wuchs weiter dadurch, dass man rund 200 Euro für etwas bezahlen sollte, das lediglich zweimal vier Gramm wog, das also einerseits fast gar nicht existierte, das aber trotzdem Nacht für Nacht zum Aufladen umständlich in eine kleine Schatulle gesteckt werden musste. Etwas, das man überdies wegen seiner Größe ständig verlieren würde und das zu allem Übel beim Tragen auch noch so aussah, als würde man sich die Köpfe elektronischer Zahnbürsten in die Ohrmuschel hängen. Noch weit bis ins letzte Jahr hinein quoll das Internet beinahe über mit Witzen dieser Art, und der Höhepunkt war wohl erreicht, als New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani auf einem Foto in flagranti dabei ertappt wurde, wie er sich die Dinger auf fast atemberaubend falsche Weise in den Kopf gesteckt hatte.

          Doch nun, da die Scherze verjährt sind, allein schon weil das belustigte Wundern über eine noch ungewohnte Technik irgendwann so sicher verfliegt wie es einsetzte, und weil dieses neuartige Werkzeug – wie der Medientheoretiker Marshall McLuhan sagen würde – schon längst drauf und dran ist, uns seine ganz eigene Logik zurückzuinstallieren, da könnte man ja mal damit beginnen, ein paar weitergehende Fragen zu stellen.

          Um zu verstehen, was Airpods (und ihre sehr viel günstigeren Konkurrenzprodukte) eigentlich sind und was sie verändern an der Art und Weise, wie wir einander gegenübertreten, muss man schauen, was sie vor allem nicht sind: einfach nur Kopfhörer ohne Kabel.

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