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Airen schaut Bachmannpreis : Klagenfurt international

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Airen verfolgt die Bachmann-Lesungen live in Mexico Bild: Airen

10.000 Kilometer liegen zwischen Mexiko City und Klagenfurt. Google Maps kann keine Route berechnen. Doch im Internet kann jeder die Bachmannpreis-Lesungen live mitverfolgen. Der durch die Affäre Hegemann bekannt gewordene Schriftsteller Airen hat es für uns getan.

          Für zwei Tage schließe ich mich in ein Apartment in der Marquez-Sterling-Straße im Zentrum von Mexiko City ein. Mit pappiger Fertigpizza, ein paar Sixpack Bier und, sagen wir mal, Kaffee für die Nachtschicht. Wireless-LAN steht. Kopfhörer rein. Und los.

          Die Veranstaltung beginnt mit der Bitte an das Publikum, die „Plaudereien schön langsam einzustellen“. Eine Jazz-Band spielt, na ja, zeitlosen Cool Jazz. Bachmannpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff bereitet die Kandidaten mit ihrer Rede zur Literatur „Über die Niederlage“ auf den Misserfolg beim anstehenden Wettbewerb vor. Fortuna, Hiob, Jesus. General Keitel, Harakiri, erwürgte Verlierer. Ja, und selbst Gewinner können sich als Rohrkrepierer herausstellen. Spätestens jetzt tritt dem letzten Nominierten der Angstschweiß auf die Stirn. Zur Beruhigung Cool Jazz.

          Rede Jurychef Spinnen. Absolute Wahrheiten – „Echte Literatur wendet sich an die ganze Menschheit“ – und krampfhafte Wortspiele über große und greate Minderheiten. Kopfschütteln. Kopfschmerzen. Hände vorm Kopf. Noch ein Bier. Bis jetzt hat das Ganze den etwas muffigen Charme einer Abiturverleihung in der örtlichen Stadthalle. Weiter, weiter.

          Klagenfurt ist überall: Airen bei der Kollegenbeobachtung

          Dann der erste wirkliche Fernsehmoment: die Auslosung der Lesereihenfolge. Kein Trommelwirbel, dafür kommt jetzt ein wahrhaftiger Justitiar zum Einsatz. Höchstoffiziell werden die Briefchen aus einer schäbigen Pappschachtel gezogen. Wenigstens kriegt man nun zum ersten Mal die Autoren zu sehen. Einzeln treten sie – durch das ganze Brimborium sichtlich eingeschüchtert – an den Tisch, ziehen ihr Kärtchen und müssen laut ihren Termin vorlesen.

          Sabrina Janesch – Großvater sagte

          Janesch beschreibt die Ankunft ihres schlesischen Großvaters, der auf einem deutschen Gehöft neu angesiedelt werden soll. Besetzer als Vertriebene. Erste Nacht im okkupierten Bauernhof. Am Morgen findet Opa den Besitzer des Hofes erhängt auf dem Dachboden.

          Die Erzählerin beschreibt diesen seltsamen, historischen Moment, den ihr, so soll man sich vorstellen, der Großvater dereinst am Kamin erzählte. Keine Ironie, unheimliche Atmosphäre. Schöne Bilder, schön erzählt. Schön ist das alles, aber nicht sehr spektakulär. Also so gar nicht mein Style. Schon so lange her. Und kein Bogen ins Jetzt.

          Jury: Mit Ausnahme des Beitrags von Nominator Sulzer schmiert der Text ab. Fehlende moralische Aussage und Allgemeingültigkeit und so.

          Volker Altwasser – Der zarte Mann und das Meer

          Auf hoher See kauft ein Trawler einem alten indischen Fischer acht Fische ab, die wegen ihrer seltenen Haut höchst wertvoll sind. Der Verarbeiter häutet sie, ein kompliziertes Verfahren. Beim Nachdenken über familiäre Probleme versaut er den achten Fisch. Man stellt sich beim Lesen unwillkürlich Captain Iglo vor, der da mit rauher Stimme Seemannsgarn spinnt, flucht und von „verdammten Krötenfischen“ erzählt. Aber da sitzt: Volker Altwasser, ein großer Junge mit breitgestreiftem Hemd, Brille und zarter, brüchiger Stimme. Man will ihn sofort in den Arm nehmen. Bald wendet sich der Text doch ins nerdige, ergeht sich in zoologischen Abhandlungen über die Seefledermaus, geschrieben mit der detailverliebten Hingabe eines Aquarienfreaks. Dramatischer Höhepunkt: „Es war tatsächlich eine Kurznasenseefledermaus!“ Und wüsste man nicht, dass Altwasser einmal selbst Matrose war, könnte man ihm das Bild des kleinen Jungen, der seinen Traum von der wilden Welt des Meeres literarisch auslebt, sofort abnehmen. Hochpoetisch, wie Altwasser über das Häuten des Fisches schreibt. Doch halt: Gibt es die Kurznasenseefledermaus überhaupt? Wikipedia sagt: Nein. Metaphernalarm! Große Themen, die über gehäutete Fische chiffriert werden? Zu gewollt, zu weit hergeholt. Mir vergeht die Lust. Neue Deutsche Literatur? Bislang Fehlanzeige.

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