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Ai Weiwei : Mehr als einfach nur Widerstand

  • -Aktualisiert am

Ai Weiwei in Berlin Bild: Andreas Pein

Warum wollen deutsche Medien Ai Weiwei, seine Kunst und sein Leben, so eifrig auf den „Widerstand“ reduzieren? Eine Verteidigung Ai Weiweis gegen seine Kritiker und Bewunderer.

          7 Min.

          Deutschland hat Ai Weiwei lange zu einem unnachgiebigen, widerspenstigen, heroischen Dissidenten geradezu gezüchtet, zu einem politischen Rebellen, und zwar als moralischer Ausgleich für gute China-Geschäfte. Nun sind alle enttäuscht und sogar entsetzt über seine Äußerungen in den Interviews, die er nach der Ankunft in Deutschland gegeben hat. Es gab auch wütende Schmähungen aus den eigenen Reihen. Zu hören sind Worte wie: „Hat er also kapituliert, Schande!“

          In all diesen Interviews wurde Ai Weiwei kein einziges Mal eine Frage gestellt, die seine Kunst betraf. Wenn ich selber ein Interview geben würde und dabei keine einzige Frage gestellt bekäme, die meine Philosophie beträfe, würde mich das sehr frustrieren und empören. Im Interview mit der „Zeit“ bringt Ai Weiwei sein Unbehagen unmissverständlich zum Ausdruck: „Mein Leben bedeutet mehr als einfach nur Widerstand. Ich finde, wir müssen ehrlich sein. Sind Menschen das nicht, möchte ich nicht mit ihnen sprechen, ja, dann finde ich sie sehr verdächtig.“

          Warum wollen die deutschen Medien so eifrig, so entschlossen, ja so rücksichtslos Ai Weiwei, seine Kunst, sein Leben auf den „Widerstand“ reduzieren? Wie kann ein Künstler mit dieser einseitigen, einengenden, fast repressiven Haltung umgehen? Empfindet die deutsche Öffentlichkeit vielleicht eine kollektive Schuld angesichts guter Geschäfte mit einem repressiven Regime und sieht daber in Ai Weiwei einen Erlöser, der sie aus der kollektiven Schuld befreien soll? Zu Recht wehrt sich Ai Weiwei, jene Figur zu spielen, auf die Deutschland seine Erwartungen projiziert.

          Genauso konfrontativ und kompromisslos wie immer

          In seiner Grundüberzeugung weicht Ai Weiwei in keiner Hinsicht von seinen früheren Positionen ab. Im „Tagesspiegel“-Interview vom 7. August 2015 sagt Ai Weiwei: „Ich bin eine sture Person. Manches ändert sich bei mir nie, mein Verständnis der Welt, meine Geisteshaltung, meine Werte, meine Überzeugungen, was Menschenrechte und Meinungsfreiheit betrifft. Und ich höre nicht auf, an Verständigung und Kommunikation zu glauben.“ Unverändert regimekritisch ist Ai Weiwei. Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ vom 5. August 2015 sagt Ai Weiwei: „Ich bin extrem gefährlich. Der Staat hat diese Form der Gesellschaft viel zu lang aufrechterhalten. Er kann abweichende Meinungen nicht dulden.“

          München : Ai Weiwei in Deutschland gelandet

          Ai Weiwei verteidigt an keiner Stelle die willkürlichen Verhaftungen von Bürgerrechtlern und Anwälten. Wer so etwas behauptet, hat ihm nicht genau zugehört. Seine Haltung dazu ist eindeutig und unverändert. Auf den Hinweis, dass kürzlich mehr als zweihundert Menschenrechtsanwälte und -aktivisten verhaftet wurden, antwortet Ai Weiwei im „Tagesspiegel“-Interview: „Es ist ja nicht so, dass vor vier Jahren erst ich festgenommen wurde, und nun werden Anwälte verhaftet. Das geschah schon damals und wird auch wieder passieren. Ich kenne viele, die angeklagt oder festgenommen wurden, aber nie ein Verbrechen begangen haben. Es ist eine Taktik, um die Leute einzuschüchtern, um die sogenannte Stabilität aufrecht zu erhalten.“ Auf die Frage „Versucht China, sich mehr wie ein Rechtsstaat zu verhalten, mit ordentlichen Gerichtsverfahren?“, erwidert Ai Weiwei im selben Interview unmissverständlich: „Auf den ersten Blick ja, aber in Wahrheit kann nicht davon die Rede sein. Nach wie vor herrscht Willkür, man weiß nie, womit man rechnen kann.“

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