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Ai Weiwei : Ist Geld das Thema?

  • -Aktualisiert am

Rückzug und Regeneration: Ai Weiwei bei Fitnessübungen in einem Pekinger Park Bild: AFP

Kunstmarkt, Steuern, Komplexitätsreduktion und eine Begegnung im Park: Welche Erkenntnis uns der Fall Ai Weiwei über China gibt.

          5 Min.

          Wer dieser Tage in einem Pekinger Park spaziert, muss damit rechnen, plötzlich auf Ai Weiwei zu treffen - im Auge des Taifuns eine ruhige, schwerfällige Gestalt in weiter Freizeitkleidung. Dass die Parks die einzig erträglichen Orte für ihn sind, seitdem er die Stadt nicht verlassen darf, hatte er in einem Artikel für „Newsweek“ geschrieben. Aber jetzt scheint es ihm besserzugehen als noch vor Wochen. In das fragende, etwas unsichere Blinzeln, das zuletzt an ihm so auffiel, mischt sich etwas Munteres, Aufmunterndes. Die vielen Geldzuweisungen von Landsleuten, die den Vorwurf der Steuerhinterziehung für vorgeschoben halten, haben ihn gerührt; er zeigt eine SMS von jemandem, der dankbar ist für alles, was er getan hat, und ihn unbedingt sehen will.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dann summt sein hellgrünes iPhone, ein Reporter vom „Wall Street Journal“ ist dran und will ein paar Zitate zur jüngsten Entwicklung haben. Auch hier, mitten im fast menschenleeren Grünen, laufen bei Ai Weiwei kontinuierlich die Medienströme zusammen, sie sind wie ein Lebenselixier. Gleichzeitig flachst er mit einem jungen Mann, der mit Frau und Baby vorbeikommt und ihn anspricht: „Du siehst irgendwie wie ein Künstler aus, den ich schon mal gesehen habe.“

          Am vergangenen Dienstag hat Ai 8,25 Millionen Yuan auf das Konto des Pekinger Steueramts eingezahlt. Es ist die Summe der Forderungen aus Steuernachzahlungen und Verzugsgebühren, die die Steuerbehörden von ihm verlangt hatten; das Strafgeld ist darin nicht enthalten. Er hat das Geld aus den Spenden, nicht aus dem eigenen Vermögen aufgebracht, und es soll kein Schuldeingeständnis sein, sondern die notwendige Zahlung, um den Steuerbescheid anzufechten zu können. Aber insgesamt hat Ai wenig Hoffnung, dass solche vom chinesischen Gesetz eigentlich vorgesehenen Maßnahmen Erfolg haben können. Im Park sagt er, ihm sei mitgeteilt worden, man könne ihn notfalls auch wegen Pornographie oder Untergrabung der Staatsgewalt drankriegen. Inwiefern ist also Geld überhaupt das Thema?

          Eine zum Papierflieger gefaltete Banknote, von Sympathisanten über die Mauer von Ais Grundstück geworfen
          Eine zum Papierflieger gefaltete Banknote, von Sympathisanten über die Mauer von Ais Grundstück geworfen : Bild: dapd

          Auf der Ebene des Geldes ließe sich der Fall Ai Weiwei, wie er sich seit der bis heute ungeklärten Verhaftung des Künstlers am 3. April entwickelt hat, als ein Strategiekampf betrachten, der weniger mit Worten und Ideen als mit ganz materialistischen Einsätzen operiert. Die Verhaftung und die darauf folgende massive Kritik im Westen ließen den Marktwert von Ai-Weiwei-Werken in die Höhe schnellen. Und die Preise stiegen im gleichen Maße, wie die chinesische Repression Ais Systemkritik, die zugleich das eigene System, also den globalen Kunstmarkt, unberührt lässt, beglaubigte.

          Nach der durch Auflagen beschwerten Freilassung des Künstlers machte der chinesische Staat folgerichtig das Geld selbst zum Thema und gab als Grund seiner polizeilichen Maßnahmen den Vorwurf der Steuerhinterziehung an. Viele Leute in China und, außerhalb des Hauptstroms der veröffentlichten Meinung, auch im Westen hielten diese Anschuldigung für plausibel, da ja, wie man munkelt, überhaupt alle chinesischen Künstler ihre Geschäfte an der Steuer vorbei betrieben. Egal, ob Ai zahlt oder nicht zahlt - nun schien er sich ins Unrecht zu setzen und die Repression implizit zu rechtfertigen.

          Gute Idee mit einem Haken

          Die Unterstützungskampagne, die Ai daraufhin anzettelte, war daher im Kern keine Geldbeschaffungsmaßnahme, sondern eine Demonstration, dass eine nicht unbedeutende Zahl von Chinesen den Steuervorwurf aus eigener Erfahrung heraus für vorgeschobene Infamie hält und sich diese Überzeugung einiges Geld und Risiko kosten lässt. Dadurch ist Ai durch das Geldthema wieder in die Offensive gegangen. Wie oft zuvor strebt der Künstler einen Prozess an, der für Öffentlichkeit, Recht und Transparenz exemplarisch sein soll, diesmal jedoch in eigener Sache.

          Ein Aktivist von Human Rights Watch empfiehlt unterdessen, Ai Weiwei solle doch einfach seinen Steuerbescheid einrahmen und von einem reichen Sammler kaufen lassen, dann hätte er mehr als genug Geld, um alle seine Schulden zu begleichen. Doch der witzige Einfall verkennt, dass das Geld zurzeit nicht dem Künstler Ai Weiwei nutzt, sondern nur dem Kunstbetrieb, der an ihm verdient.

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