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Ai Weiwei : Der Mann ist doch Chinese

  • -Aktualisiert am

Die chinesische Propaganda stellt Ai Weiwei gerne als westlichen Provokateur dar. Dabei steht er mit seiner Kunst fest im Land der Mitte. Er hat die Tradition seiner Heimat wieder mit dem Leben verbunden.

          5 Min.

          Über eine pekinghörige Hongkonger Zeitung lässt die chinesische Polizei nun verbreiten, Ai Weiwei habe sich der Steuerhinterziehung und der Bigamie schuldig gemacht. Unterdessen hat sie immer noch nicht seine Festnahme erklärt oder der Familie mitgeteilt, wo er sich aufhält. Auch drei enge Mitarbeiter von Ai sind spurlos verschwunden. Gleichzeitig ist in China eine Kampagne gegen Ai Weiwei angelaufen. Staatliche Zeitungen, die eben noch durch Interviews und Celebrity-Geschichten von seiner Auslandsprominenz zu profitieren suchten, markieren ihn als „Einzelgänger“, dessen loses „erratisches“ Leben sich immer schon am Rande der Legalität, jedenfalls der Akzeptanzfähigkeit der normalen Bevölkerung bewegt habe.

          Mark Siemons
          (Si.), Feuilleton

          Ein aus früheren Zeiten auch von Europa her bekanntes Spießer-Ressentiment gegen die Moderne vermengt sich da mit einer nationalen Drohkulisse, die Ai eine zu große West-Nähe vorwirft. Ein Blogger schreibt, niemand würde ihm seine „wahnsinnigen“ Verhaltensweisen privat verwehren: „Aber wenn ausländische Mächte ihn benutzen, um China zu kontaminieren, dann sollte sein rechtmäßiger Platz im Gefängnis sein.“

          In solchen Formulierungen zeigt sich die Strategie, mit der Peking die in den letzten Wochen dramatisch verschärfte Repression in der eigenen Öffentlichkeit verarbeiten will. Ein ungezeichneter programmatischer Artikel in der „Global Times“, einer Tochterzeitung des obersten Parteiblatts „Renmin Ribao“, vertrat gerade die Auffassung, die beiden bisherigen Methoden, mit „Antagonismen“ fertig zu werden - Integration oder entschlossene Bekämpfung -, reichten heute nicht mehr aus. Die Gesellschaft könne nicht wirksam kontrolliert und ausbalanciert werden, wenn es nicht gelinge, die schweigende Mehrheit gegen die „Radikalen“ zum Sprechen zu bringen. Der argumentative Hebel soll dabei sein, die Andersdenkenden als Gefährdung der nationalen Souveränität hinzustellen. Nur wenn die Öffentlichkeit verstehe, dass „der Westen nicht die geeignete Beurteilungsinstanz für China“ ist, könnten dessen immer vehementere Einmischungsversuche abgewehrt werden.

          „Wenn ausländische Mächte ihn benutzen, um China zu kontaminieren, dann sollte sein Platz im Gefängnis sein”: Mancher Chinese sieht Ai Weiwei als „westlichen Künstler”
          „Wenn ausländische Mächte ihn benutzen, um China zu kontaminieren, dann sollte sein Platz im Gefängnis sein”: Mancher Chinese sieht Ai Weiwei als „westlichen Künstler” : Bild: dapd

          Die Kraft, die im Leben steckt

          Im Hintergrund einer solchen Zielvorgabe steht die Vorstellung einer grundsätzlichen Verschiedenheit der chinesischen und der westlichen Verhältnisse, die ihren Grund nicht nur in der Politik, sondern in der Kultur habe. Seit Jahren spielt in der Pekinger Regierungsplanung jene „Soft Power“ eine große Rolle, mit deren Hilfe das Ausland, aber auch die eigene Bevölkerung diese Verschiedenheit besser verstehen können soll. Gerade erst hatte eine Regierungserklärung von Ministerpräsident Wen Jiabao ein weiteres Mal gemahnt, den internationalen Einfluss der chinesischen Soft Power zu vergrößern, und die Studie eines führenden Think Tanks hatte sich dafür ausgesprochen, dabei auch die Gegenwartskultur stärker zu berücksichtigen.

          Das Verschwinden des Gegenwartskünstlers Ai Weiwei, der zum Verständnis Chinas im Westen vermutlich mehr beigetragen hat als alle Konfuzius-Institute zusammen, lässt die Bodenlosigkeit dieses Programms schärfer hervortreten denn je. Der Kulturkampf, der in seiner Person kulminiert, ist nicht der Kampf zwischen China und dem Westen, zu dem ihn die Pekinger Propaganda stilisieren will, sondern ein Kampf innerhalb Chinas selbst: ein Kampf um die Deutung dessen, was Kultur überhaupt ausmacht. Ist Ai Weiwei jemand, der China ihm fremde westliche Werte aufdrängen will? Auch wohlgesinnte Beobachter bezeichnen Ai Weiwei bisweilen als „westlichen Künstler“, und zweifellos haben ihn die Denk- und Lebensweisen vor allem des New Yorker Kunstmilieus stark geprägt. Doch die Selbstauskünfte seines Blogs, von dem gerade eine ins Englische übersetzte Auswahl erschienen ist (Ai Wei Wei's Blog. Writings, Interviews and Digital Rants 2006 - 2009, transl. by Lee Ambrozy, London 2011), zeigen deutlich, dass sein gesamtes Wirken noch einen anderen wichtigen Wurzelgrund hat: die chinesische Kultur. Besonders markant zeigt sich das bei seinen Ideen zu Individuum und Öffentlichkeit, den beiden Eckpunkten seiner Aktionen, die man etwas vorschnell als typisch westlich bezeichnen könnte. Doch Ai Weiwei stellt sich den Einzelnen nicht wie ein isoliertes Atom neben anderen Atomen vor, wie es einem kapitalistischen oder genieästhetischen Menschenbild entsprechen würde. Rollenzuweisungen wie „Künstler“, „Architekt“ oder „Avantgardist“ stellt er ein Verständnis von „Leben“ entgegen, das alle vereinzelten Verstehensversuche überwölbt: „All diese Aktionen“, schrieb er 2006, „gingen aus meinen grundlegendsten Bedürfnissen hervor, weil ich ein Mensch bin und daher denke und weil ich meine Meinungen nicht verheimlichen will. Ich will nicht zugeben, dass meine Fehler meine eigenen waren, ich denke, sie müssen der Wille des Himmels sein; und weil ich nicht die Zeit habe, alles vollständig zu verstehen, wie könnte ich da unzufrieden sein?“ Ein Ich, heißt es etwas weiter, bedeute, Selbstbewusstsein zu haben und „der Kraft zu vertrauen, die im Leben steckt“.

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