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Agnès Saal : Wie viel kostet eine Taxifahrt nach Wladiwostok?

  • -Aktualisiert am

Die Frau mit den hohen Taxiausgaben: Agnès Saal, Leiterin des Institut National de l’Audiovisuel Bild: AFP

Taxifahrerin aus Leidenschaft oder einfach keine Rechenkünstlerin? Sparmaßnahmen sehen jedenfalls anders aus, als Agnès Saal es in Paris vormacht.

          Dienstwagen mit Fahrer bewegen die Potentaten der Republik und beflügeln die Phantasie ihrer Bürger. Sie gehören zu den Statussymbolen der staatlichen Aristokratie, in der es Agnès Saal auf dem Königsweg über die legendäre Ecole Nationale d’Administration weit nach oben gebracht hat. Er führte in die Kabinette von Ministern und später in verantwortungsvolle Positionen der prestigeträchtigen kulturellen Institutionen.

          Nach Hollandes Wahl zum Staatspräsidenten wollte Agnès Saal in Anerkennung ihrer Verdienste eigentlich Kabinettschefin der Kulturministerin Aurélie Filippetti werden. Großzügig wurde sie über die Enttäuschung hinweggetröstet: Sie bekam das Institut National de l’Audiovisuel (INA). Das Amt war frei, weil der bisherige Inhaber Mathieu Gallet zum Intendanten von Radio France befördert worden war, wo er Sarkozys Günstlinge ablösen musste.

          Im vergangenen März provozierte Gallet den längsten Streik des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Frankreich. Er begann mit Enthüllungen über die Renovierung seines Büros (mit Tropenholz) und Gerüchten über den Neubezug der Ledersitze seines Dienstwagens (mit Fahrer). Im INA kritisierte Gallets Nachfolgerin Saal schon bei der Übernahme die Vetternwirtschaft ihres Vorgängers und kündigte eine „jansenistische“ Führungsmethode an, was immer auch sie darunter verstanden haben mag.

          Geisterfahrer unter sich

          An eine Amtsführung nach dem Vorbild des guten Beispiels, mit dem man Sparmaßnahmen am besten vermitteln kann, scheint sie nicht gedacht zu haben. Das belegen ihre Taxi-Spesen: in zehn Monaten 40.700 Euro. Die Zeitungen errechneten, wie oft man damit auf der Autobahn rund um Paris fahren kann. Oder dass man damit im Taxi mindestens bis nach Wladiwostok kommt.

          Die Summe ist umso unfassbarer, als der INA-Leiterin ein Wagen mit Chauffeur zur Verfügung steht. Agnès Saal begründete den Aufwand damit, dass sie ihren Fahrer nicht jeden Tag während zwölf oder noch mehr Stunden beanspruchen könne. Vielleicht haben die Chefs anderer kultureller Institutionen der Republik – wie der Intendant der Oper – deswegen zwei Dienstwagen mit Chauffeur. Derweil versprach Agnès Saal hoch und heilig, die Kosten für Privatfahrten zurückzuzahlen – ebenso wie jene 7.000 Euro, die ihr Sohn mit Taxifahrten ausgegeben hat. Entsprechende Richtlinien gebe es keine, musste die Kulturministerin kleinmütig einräumen. Weder in der Justiz, der Armee noch im Gesundheits- und Unterrichtswesen scheint es unter den Staatsdienern so viele Selbstbediener zu geben wie in den Medien und der Kultur. Agnès Saal wird nicht nach Sibirien, sondern in die Wüste geschickt. Mit vollem Gehalt. Aber ohne Fahrer. Am Ende ihrer Karriere muss sie jetzt wohl den Führerschein machen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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