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Afghanistan : Verband afghanischer Frauen befürchtet neue Unterdrückung

  • -Aktualisiert am

Bessere Zukunft ungewiss - Frau in Afghanistan Bild: dpa

Mitglieder eines afghanischen Frauenverbandes befürchten, dass sich die Situation der afghanischen Frauen nicht verbessert.

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          Ob sich die Situation der Frauen in Afghanistan nach dem Ende des Taliban-Regimes bessern wird, ist zweifelhaft.

          An der Afghanistan-Konferenz, die am kommenden Dienstag offiziell in Bonn eröffnet werden soll, werden zwar auch afghanische Frauen teilnehmen, und Politiker der Nordallianz haben sich auch die "Erneuerung der Rechte der Frauen" auf ihr Banner geschrieben. Noch vor der Herrschaft der Taliban hätten aber auch sie die Frauenrechte in Afghanistan stark eingeschränkt. „Die Befreiung von den Taliban kann nicht von einer anderen Fundamentalistengruppe kommen“, sagt dazu Marina Matin vom Revolutionären Afghanischen Frauenverband (Rawa).

          Auch vor den Taliban Missachtung der Frauenrechte

          In Bonn wird Rawa von einer 27-jährigen Frau mit dem Decknamen Shala vertreten, die auf den Todeslisten der Taliban steht, wie das ZDF mitteilte. Der Fernsehsender hatte ihr als Vertreterin des Rawa den Preis "Mona Lisa - Frau des Jahres" verliehen. Die Organisation kämpfe gegen die gewalttätige Unterdrückung der Frauen in Afghanistan, heißt es in der Begründung des Senders. Unter Lebensgefahr dokumentierten die Rawa-Frauen die Verbrechen der Taliban und machten sie der Weltöffentlichkeit bekannt. Unter ihrer Burka schmuggelten sie Videos über die Verletzung von Menschenrechten und Interviews mit Frauen, deren Männer und Söhne von den Taliban ermordet wurden, außer Landes.

          Frauenpolitikerinnen wie Shala und Marina Matin befürchten neue Unterdrückung unter dem künftigen Regime in Afghanistan. „Wer wissen will, was die Nordallianz wirklich von Frauen hält, muss sich nur anschauen, was sie zwischen 1992 und 1996 gemacht hat“, sagt Matin. Damals regierte Burhanuddin Rabbani, der Anführer der Allianz, in Kabul, und um die Frauenrechte stand es nach Ansicht von Rawa nicht viel besser als später unter den Taliban.

          Größte Freiheit bislang unter Sahir Schah

          Matin befürchtet, dass die Nordallianz Frauen nur zum Schein an der Konferenz in Bonn beteiligt. „Wir erhoffen uns allenfalls etwas von der Delegation von Sahir Schah“, sagt sie, und findet es selbst merkwürdig, das gerade revolutionäre Frauen auf den im Exil lebenden Ex-König setzen.

          Aber der hatte in den 60er und frühen 70er Jahren Frauen ermöglicht, zu studieren und sich westlich zu kleiden. Das wollten Fundamentalisten nicht zulassen. Rabbani, der heutige Präsident der Nordallianz, predigte damals konservative Werte. Und ein junger radikaler Islamist, Gulbuddin Hekmatjar, griff westlich gekleidete Frauen mit Säure an. Später wurde Hekmatjars Islamistentruppe vom Westen gegen die sowjetischen Besatzungstruppen aufgerüstet, und heute ist er ein wichtiger Machtfaktor für die Zukunft Afghanistans.

          Keine religiöse oder traditionelle Grundlage für Unterdrückung

          Am schlimmsten aber hatten die Frauen unter den Taliban zu leiden, von denen sie auf offener Straße mit Stöcken verprügelt wurden, wenn sie nicht mit der Burka, dem blauen Tschador, den ganzen Körper verschleierten, wenn sie es wagten, ohne männlichen Verwandten aus dem Haus zu gehen, wenn sie ihrem Beruf nachgehen wollten. Mädchen hatten keine Chance auf Schulbildung, Frauen durften keinen Sport treiben.
          All diese Regeln will die Nordallianz abschaffen. Von wirklicher Freiheit seien Frauen aber auch dann noch weit entfernt, und außerdem regiere die Nordallianz nur die Hälfte des Landes, meint Matin. Der Druck auf die Frauen, sich zu verschleiern und zu Hause zu bleiben, werde nicht von selbst verschwinden.

          Die Unterdrückung der Frauen werde nicht durch den Islam und auch nicht durch die afghanischen Traditionen verursacht, meint Matin. „Die Ursache ist Unwissenheit“, sagt sie, „es gilt als männlich, grob und brutal zu sein“. Rawa ist in Afghanistan schon aktiv, aber nur im Untergrund, aus Angst vor Repressionen.

          Aufklärungsarbeit auch unter Frauen nötig

          Auch bei den Frauen selbst sei viel Aufklärungsarbeit nötig. „Ich respektiere eine Frau, die nur im Tschador ausgeht. Aber ich denke, sie sollte die Wahl haben, das selbst zu entscheiden“, sagt Matin. Gut findet sie den Schleier jedoch nicht. „Er ist einfach unpraktisch, eine Frau kann sich ohne ihn freier bewegen“, meint sie.

          Daraus eine Grundsatzfrage von Religion oder Tradition zu machen, hält sie für unsinnig. „Auch die westliche Mode diktiert unpraktische Dinge wie hochhackige Schuhe, die die Bewegungsfreiheit einschränken, da würde ich auch sagen, verzichtet darauf“, sagt Matin.

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