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Affenpocken-Leitfaden : Huch, hatten wir gerade Sex?

Affenpocken waren auf der 26. Sao Paulo Gay Pride Parade am Wochenende schon ein Thema - nur nicht für alle. Bild: Getty

Die Affenpocken breiten sich weiter aus, der fragwürdige Umgang damit auch. In der amerikanischen Seuchenbehörde werden Ratschläge fürs Schäferstündchen ausgegeben – inklusive schrägen Bekleidungstipps für Romantiker.

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          Über die Diskriminierung von Min­derheiten haben wir in der Corona-Pandemie viel zu wenig gesprochen, das könnte bei den Affenpocken jetzt nachgeholt werden. Aber von vorn: Ganz schnell abgeräumt war der frühe Versuch Donald Trumps, das neue Corona­virus als „Chinavirus“ abzustempeln. Später geriet schon die Bezeichnung „Wuhan-Virus“ – in der Millionenstadt war Sars-CoV-2 zuerst entdeckt worden – unter Diskriminierungs­verdacht.

          Im Fall der „Affenpocken“ wird nach einer Intervention von drei Dutzend Wissenschaftlern wohl noch in dieser Woche bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf über einen neuen Namen diskutiert (und die Chancen stehen nicht schlecht), weil die An­wälte der Affen gute Ar­gumente ha­ben, den Affen nicht die Schuld für die weltweite Ausbreitung des Erregers unter den Menschen in die Schuhe zu schieben.

          Tipps für gemeinsames Masturbieren

          Auf drei­tausend bekannte Infektionen steu­ert die Epi­demie inzwischen zu, 42 Länder haben Fälle gemeldet, aber wie viele es wirklich sind, weiß keiner. Mit der Schuldfrage ist das noch komplizierter und alles andere als geklärt. Der Übertragungsweg aber erklärt sich schnell, wenn man die Handlungsempfehlungen der amerikanischen Seuchenbehörde CDC für Infizierte liest – bis zur Covid-19-Pandemie eine angesehene Institution, an der sich Gesundheitsbehörden weltweit orientierten. Vorschlag eins: „Virtuellen Sex bitte oh­ne Körperkontakt“. Empfehlung zwei: „Zum gemeinsamen Mastur­bieren halten Sie bitte einen Mindestabstand von sechs Fuß ein, be­rühren Sie sich nicht, und berühren Sie vor allem keinen Ausschlag oder Entzündungsherd“.

          Ratschlag drei: „Ziehen Sie es in Be­tracht, den Ge­schlechtsverkehr mit Kleidung zu vollziehen, oder bedecken Sie alle Körperstellen mit Ausschlag, um da­mit den Hautkontakt so gut es geht zu reduzieren“. Vorschlag vier: „Vermeiden sie Küsse“. Auf den obligatorischen Hände­waschentipp folgt schließlich der Hinweis: „Begrenzen Sie die Zahl der Geschlechtspartner.“

          Kondome und ihr sinnvoller Umgang damit hat man – diese Prüderie ist gute bürokratische Sitte – im Sex­leitfaden leider ausgelassen. Offensichtlich will die CDC einfach nicht für „Safer Sex“ plädieren, sondern erreichen, dass Affenpocken-Infizierte und -Ver­dächtige keinen Ge­schlechts­verkehr haben. Nach der Handreichung allerdings werden sich viele, die sie befolgen, die Jacke lüpfen und zu Recht fragen müssen: „Huch, hatten wir gerade Sex?“

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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