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Affäre im Wiener Burgtheater : Dem Publikum dienen - aber wie!

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Noch werden die Besucher des Wiener Burgtheaters nicht als Insassen bezeichnet. Doch die Billeteure und Garderobiere arbeiten für ein Unternehmen, das anderswo dafür sorgt, dass Menschen hinter Schloss und Riegel bleiben. Bild: Reinhard Werner

Wer im Burgtheater Karten kontrolliert, ist bei einer Firma angestellt, die auch Gefängnisse betreibt. Und die nimmt es auch mit dem Arbeitsrecht nicht so genau. Ein Bericht von ganz unten.

          Billeteur in der Staatsoper oder im Burgtheater zu sein, als Respektsperson zu wirken, etwa auf Augenhöhe mit einem Kaffeehausoberkellner und bisweilen ähnlich ruppig mit dem Publikum umspringen dürfen - das waren in sehr vergangenen Zeiten angenehme Abenddienststunden für ältere Herren, die nicht mehr viel anderes im Kopf hatten als ihre Pensionsberechtigung. (Die wenigen Studenten, die so eine Arbeit auch ergattern konnten, durften ruhig die schweren Stapel von Programmheften schleppen.) „Herren und Formen“ bestimmten den Ablauf, wie das Qualtingers Herr Karl, Prototyp des faschistoiden Wiener Kleinbürgers, einst umschrieben hatte.

          Beinahe über Nacht war das alles vorbei. Im Jahre 1995 wurde vom damaligen Bundestheaterverband (heute Bundestheater-Holding GmbH), der direkt dem Kulturministerium unterstand, beschlossen, den Publikumsdienst auszulagern. Sparen war das oberste Ziel. Den Auftrag, die Billeteure und Garderobiers zu übernehmen, erhielt die bereits damals international agierende Sicherheitsfirma G4S („Group4Securicor“) mit Hauptsitzen in Crawley (England) und Kopenhagen. In Österreich hatte sie wenige Jahre zuvor mit dem Traditionsunternehmen „Wach- und Schließgesellschaft mbH“ fusioniert. Die Sparte Publikumsdienst und die zu dieser Hochzeit der Partykultur aufkommende „Eventbetreuung“ waren also keineswegs ihr Kerngeschäft. Durch den prestigeträchtigen Staatsauftrag aus dem Bereich der Hochkultur aber wuchs die G4S in eine bedeutende Position hinein: in eine Monopolstellung.

          Kein Job fürs Leben

          Von den Bundestheatern wurde das Personal, soweit es dazu bereit war, übernommen, aber plötzlich war es auch für Frauen, besonders Studentinnen, und - zuvor unvorstellbar - Menschen jeder Hautfarbe möglich, in den Dienst einzutreten. Auch die Bundestheater-Holding war mit diesem Umbruch höchst zufrieden. Darüber hinaus ergaben sich die erwarteten Einsparungen. In der ersten Saison musste man damals 8 Millionen Schilling (entspricht heute etwa 600 000 Euro) weniger ausgeben, an aktuellen Zahlen nennt der Geschäftsführer Georg Springer schon eine runde Million Euro jährlich (zum Vergleich: das Gesamtbudget liegt bei zirka 230 Millionen). Die Verträge mit G4S wurden an die einzelnen Häuser abgetreten.

          Letztlich aber bezahlen die Angestellten. Nur die wenigsten sind Vollzeitbeschäftigte, die anderen, mittlerweile eben sehr viele Studentinnen, als Teilzeitkräfte oder zu noch ungünstigeren Bedingungen eingestellt. In Österreich gibt es dafür das Modell der geringfügigen Beschäftigung: ohne jeglichen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder später Pensionsansprüche über die staatliche Mindestversorgung hinaus. Das ist, wie von allen Seiten bestätigt wird, durchaus im Rahmen der Gesetze, Billeteurin oder Garderobier sind nicht als Lebensstellungen gedacht.

          Bedauerliche Einzelfälle

          Es zeigt sich freilich dadurch, wie es in Österreich um das Arbeitsrecht bestellt ist. Auch noch gerade haarscharf innerhalb der gesetzlichen Möglichkeit ist es, diese zu geringfügigen Bedingungen Engagierten nur für jeweils eine Saison einzustellen. Nach der Sommerpause dürfen sie im Normalfall damit rechnen, wieder aufgenommen zu werden - schließlich erspart man sich die Einschulung völlig neuer Kräfte -, aber es beginnt dann auch eine neue Probezeit. Während dieser Wochen ist eine Auflösung des Dienstverhältnisses (auch durch den Arbeitnehmer) jederzeit statthaft. Nach geltender Gesetzeslage ist so ein Zeitvertrag dreimal möglich, danach muss eine Festanstellung erfolgen.

          Die zu Beginn der Tätigkeit für die Bundestheater von G4S geübte, in mehreren Gesprächen von Betroffenen bezeugte Praxis, im vierten Jahr einen Subunternehmer als Dienstgeber einzuschalten, kommt nun offenbar nicht mehr vor. Als Einzelpannen können auch Ungenauigkeiten bei der Stundenabrechnung angesehen werden, zumindest ist derzeit kein Fall bekannt, in dem Beschäftigte sich, wie zuzeiten ebenfalls beglaubigt, an einen Rechtsanwalt zur Durchsetzung ihrer Ansprüche wenden müssten.

          Beschäftigte unter Druck

          Trotzdem scheint noch immer nicht alles eitel Wonne. Beim Opernball im Februar 2012 wurde bekannt, dass seit Jahren sehr locker mit der Arbeitszeit bei jener staatstragenden Veranstaltung umgegangen wurde. Sechzehn-Stunden-Dienste (die Maximalarbeitszeit darf, mit Ausnahme von Notfällen wie etwa Lebensgefahr, zwölf Stunden nicht überschreiten) kamen vor, vorgeschriebene Ruhezeiten wurden nicht eingehalten. Sehr schnell änderte man die Diensteinteilung gesetzeskonform, das herbeigeeilte Arbeitsinspektorat stellte keine Unregelmäßigkeiten mehr fest.

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