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Affäre Guttenberg : Der doppelte Guttenberg

Kann zu Guttenberg gleichzeitig ein wissenschaftlicher Hochstapler und ein Verteidigungsminister sein? Die Bundesregierung macht sich diese Zwei-Körper-Theorie naiv zu eigen und nimmt einen gefährlichen Vertrauensverlust in die Demokratie in Kauf.

          Die Affäre Guttenberg ist längst in eine andere Affäre hinein verlängert worden. Indem Protagonisten des politischen Systems, angefangen bei der Bundeskanzlerin, sich vorsätzlich dumm stellen und sich an der Verschleierung eines für alle erkennbaren Täuschungsvorsatzes beteiligen, sorgen sie nicht für Schadensbegrenzung, sondern weiten den Schaden zur Staatsaffäre aus. Genau das mochte Bundestagspräsident Norbert Lammert im Blick gehabt haben, als er jetzt unumwunden von einem „Sargnagel für das Vertrauen in die Demokratie“ sprach.

          Noch nicht einmal bis zur übernächsten Ecke scheint dagegen der CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich zu denken. Im Stil eines Politbüro-Funktionärs nennt er Lammert eine „Einzelstimme, die man nicht weiter beachten muss“. Wie will Friedrich künftig noch Beachtung beanspruchen, wenn er derart demonstrativ auf Inhalte pfeift, sobald die „Geschlossenheit“ der Partei es erfordert?

          Im Sog eines Hochstaplers

          Das politische Kalkül, die Affäre Guttenberg in eine Sonderwelt der Promotionsordnung abzuschieben, die für den Normalbürger unerheblich sei, kann nicht aufgehen. Wie formulierte gestern der Regierungssprecher? Guttenbergs unabsichtlich zusammenkopierte Doktorarbeit sei „ein in der Wissenschaft sehr ernster Vorgang“, nur wirke derselbe Mann nun einmal auf einem „sehr anderen Arbeitsfeld“ als Minister. Die Zwei-Körper-Theorie der Bundesregierung, wonach Guttenberg als Promovend nicht gewusst habe, was er tue, als Verteidigungsminister aber selbstverständlich Herr der Lage sei, ist zu abgehoben, als dass sie der Normalbürger à la longue nachvollzöge. Das fortgesetzte Leugnen einer Täuschungsabsicht einerseits, das Bestreiten eines schludrigen Ghostwriters andererseits zeugen von einem Realitätsverlust, der für jede Kommandohöhe disqualifiziert.

          Statt sich von diesem Realitätsverlust zu distanzieren, macht ihn sich die Bundesregierung zueigen – und bringt so das gesamte politische Establishment in den Sog eines Hochstaplers. Auch Forschungsministerin Annette Schavan arbeitet ungerührt an ihrer Selbstschwächung, wenn sie die Behauptung ihres Kabinettskollegen, nicht absichtlich Hunderte von Seiten abgeschrieben zu haben, nun so verstehen möchte, „dass er einen Schaden, wie er jetzt entstanden ist, nicht anrichten wollte“. Mit anderen Worten: Guttenberg wollte nicht absichtlich die Bundesregierung ruinieren, als er unabsichtlich seine Doktorarbeit ruinierte. Ob der Verteidigungsminister bei so viel Empathie Schavans noch weiß, wie ihm geschieht?

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