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Ästhetischer Fußball : Todesmelodie

  • -Aktualisiert am

Flatternde Wangen, verdrehte Augen: Dank achtunddreißig Kameras und HD-Technik sieht der Zuschauer bei der EM mehr als nur Fußballspiele.

          Fan-Gesänge sind keine Opern. Doch genau das ist es, was jetzt fehlt: Wagner, Verdi, Puccini. Etwas Dramatisches, das die Bilder der jüngsten Fußballspiele ebenbürtig untermalt und sie nicht wieder dorthin hinunterzieht, woraus sie sich gerade befreit haben: in die Banalität des Sports. Niemand wird die Übertragungen dieser Europameisterschaft guten Gewissens noch als Dokumentation bezeichnen wollen. Vielmehr sind sie Meisterwerke der Filmkunst und Montagetechnik.

          Von zelebrierten Fouls

          Achtunddreißig Kameras am Spielfeldrand, an Kränen und über dem Stadion zeichnen nicht nur jeden Ballwechsel aus jeder denkbaren Perspektive auf, sondern es tasten meterlange Teleobjektive die Tätowierungen auf Armen ab, damit comichafte Bilderreigen von drögen Passagen des Spiels ablenken, und es werden im wilden Bildschnitt der Musikvideos selbst die banalsten Pässe zu einem explodierenden Feuerwerk. Pitchside-Kamera, Close-up-Kamera, Beauty-Shot-Kamera, Spinnenkamera - man wunderte sich nicht, wenn man Kameraleute mit ihren Steadycam-Gestellen hin und wieder neben dem Schiedsrichter herlaufen sähe, bloß damit der permanente Schauwert garantiert bleibt.

          Sich selbst aber übertreffen die Damen und Herren an den Regiepulten bei den Fouls, die sie regelrecht zelebrieren. Dann sehen wir in den Zeitlupenaufnahmen der Hochgeschwindigkeitskameras bildschirmfüllend Stollen, die sich tief in Waden bohren, Wangen, die flattern, wie sonst nur bei Raumfahrern während ihrer Ausbildung in der Zentrifuge, und Spieler, die ihre Münder verziehen wie Pferde, an deren Zügel zu fest gerissen wird.

          War man früher schon dankbar, wenn nur die Zahlen auf den Trikots zu erkennen waren, entgeht uns dank High Definition nun kein Zucken mehr im Gesicht, kein Ellbogen, der eine Rippe knackst, und keine Platzwunde, aus der sich ganz allmählich ein Rinnsal von Blut seinen schmalen Weg bahnt. Es ist ein Stilmittel des Italo-Westerns, das hier mit dramaturgischem Raffinement zu neuer Größe findet. Effektvoll torsierte Körper sinken stöhnend im Ritardando zu Boden, knallen aufs Grün, dass die Schweißperlen spritzen, und scheinen sogar nachzufedern, bevor der Spieler ermattet daliegt und in einer Großaufnahme die Augen verdreht, ehe die Lider sich endgültig schließen. Es ist nicht übertrieben, hier von einer Ästhetisierung der Gewalt zu sprechen. Und auch wenn Blessuren am Knöchel kein Beinbruch sind, werden sie bei ARD und ZDF fast schon zur Apotheose des Sterbens.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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