https://www.faz.net/-gqz-96d7n

Ärger für den Louvre : Mythos im Morgenland

Der Louvre verkauft Kunstwerke aus Geldnöten an wohlhabende Unternehmer. Jetzt landet der Leonardo da Vinci zugeschriebene „Salvator Mundi“ über Umwege in Abu Dhabi. So war es nicht gedacht.

          2 Min.

          Dem Louvre in Paris fehlte das Geld. Aber auch die rechte Begeisterung für das Bild, das im vergangenen November zum teuersten jemals verkauften wurde. Der „Salvator Mundi“, für den 450 Millionen Dollar in einer New Yorker Auktion bezahlt wurden, wird mit vielen Vorbehalten Leonardo da Vinci zugeschrieben. Wie berichtet, hatte zunächst der Genfer Kunsthändler und Freilagerbetreiber Yves Bouvier dafür 83 Millionen Dollar bezahlt. Er verkaufte es dem russischen Oligarchen Dimitri Rybolovlev, der mit dem Aufbau seiner Kunstsammlung auch nicht nur lautere Absichten hegte. Ihm ging es darum, Vermögenswerte zu schaffen, die er seiner Frau bei der Scheidung verheimlichen konnte. Um angeblich zwei Milliarden Dollar geht es im juristischen Streit zwischen Rybolovlev und Bouvier. Der Russe, der inzwischen in Monaco wohnt und mit seinem Fußballklub französischer Landesmeister wurde, wirft dem „König des Genfer Zollfreilagers“ vor, ihn als Berater und Händler systematisch übers Ohr gehauen zu haben.

          Ein Platz neben der Mona Lisa

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Vor dem „Salvator Mundi“ will Bouvier seinen Kunden aber ausdrücklich gewarnt haben: „Es ist wichtig, diesen Kauf nicht als qualitative Investition zu betrachten, sondern als persönliche Liebhaberei.“ Rybolovlev übernahm den „Salvator Mundi“ dennoch im Mai 2013 für 123 Millionen Dollar. Mit dem beträchtlichen Gewinn durch seine Versteigerung will er sich jedoch nicht zufriedengeben.

          Von einer „Vendetta ohne Ende“ schrieb kürzlich die Genfer Zeitung „Le Temps“. Bouvier hat sein Transportunternehmen verkauft, bitterlich beklagte er sich in der Illustrierten „Paris Match“ über seine finanziellen Verluste und seinen ruinierten Ruf: Mit dem Verkauf des „Salvator Mundi“ müsste der Krieg doch zu Ende sein. Zunächst war freilich auch der Louvre in Paris vom Leonardo-Fieber ergriffen. „Wir würden das Bild gerne neben der Mona Lisa zeigen“, erklärte sein Direktor Jean-Luc Martinez kurz nach der Auktion. Der Louvre plant für 2019 eine große Ausstellung zu Leonardo da Vinci, dem Museum gehören fünf der fünfzehn erhaltenen Werke des Meisters. Martinez äußerte sich so, als sei er bereits am Verhandeln mit den neuen Besitzern über eine Ausleihe des Gemäldes.

          Mythos im Morgenland

          Doch seit die Käufer bekannt sind, herrscht im Louvre Funkstille: Die Pariser Pressestelle wimmelt ab, man solle sich doch bitte an die Filiale wenden – den vier Tage vor der Auktion in New York eröffneten Louvre in Abu Dhabi. Drei Wochen nach der Auktion nämlich enthüllte die „New York Times“, dass der „Salvator Mundi“ ins Morgenland gehe; als Käufer sei ein Freund von Muhammad Bin Salman, dem neuen starken Mann und Thronfolger in Saudi-Arabien, in Erscheinung getreten. Umgehend wurde bekannt, dass der „Salvator Mundi“ Anfang dieses Jahres in der Zweigstelle des Louvre in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate gezeigt werde. Aber auch von dort ist nichts zu erfahren.

          Saudi-Arabien kaufte nicht einfach ein Bild umstrittener Güte. Mit dem Leonardo kommt ein abendländischer Mythos ins Morgenland. Dass Muhammad Bin Salman nicht selbst als neuer Besitzer auftreten will, hat wohl mit seiner Kampagne gegen die Korruption in seinem Land zu tun. Mit dem Erwerb kann er das Königreich, das gelegentlich der Finanzierung des Terrorismus verdächtigt wird, als modern, tolerant, aufgeschlossen erscheinen lassen. Dass der „Salvator Mundi“ den benachbarten Vereinigten Arabischen Emiraten ausgeliehen, vielleicht geschenkt wird, ist ein spektakulärer Akt, der die Freundschaft im gemeinsamen Kampf gegen Qatar unterstreicht.

          Qatar seinerseits hat vor einiger Zeit schon Cézannes „Kartenspieler“ für genannte 250 Millionen Dollar gekauft. Dem Land gehört der FC Paris Saint-Germain, wo Neymar, der teuerste Fußballspieler der Welt, arbeitet. Doch im Louvre Abu Dhabi existiert Qatar bereits nicht mehr: Auf einer Landkarte wurde die Halbinsel ausradiert. Das meldet gerade ein proisraelischer Thinktank aus New York. Der Museumschef von Qatar twittert, dass dieses Vorgehen wohl kaum mit den Verträgen zwischen dem Mutterhaus und der Filiale vereinbar sei. Doch auch dazu will man sich im Louvre in Paris nicht äußern.

          Der Politologe Alexandre Kazerouni kommentiert das so: „Die Machthaber der Vereinigten Arabischen Emirate haben die politische Kontrolle über das Museum übernommen.“

          Weitere Themen

          Die Ängstlichkeit der Museen

          Museen und Cancel Culture : Die Ängstlichkeit der Museen

          Die Vorsicht der Institutionen erreicht einen neuen Höhepunkt: Jetzt wurde eine Ausstellung Philip Gustons in Washington verschoben – wegen der #BlackLivesMatter-Bewegung. Über ein alarmierendes Missverständnis.

          Das Gegenteil von Kurzarbeit

          Neuer Verlag „Kupido“ : Das Gegenteil von Kurzarbeit

          Es ist ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, um einen Verlag zu gründen. Der Übersetzer Frank Henseleit versucht das mit „Kupido“ in Köln. Im Programm sind viele zweisprachige Ausgaben und Reiseberichte.

          Topmeldungen

          Dieter Zetsche im September 2020

          F.A.S. Exklusiv : „Ich muss mir nichts mehr beweisen“

          Dieter Zetsche hat sein ganzes Leben für Daimler gearbeitet. Hier erklärt er, wieso jetzt Schluss ist, warum er doch nicht Aufsichtsratschef werden will und was er sonst noch so vorhat. Ein Hausbesuch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.