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Ägyptens Protestbewegung : So bitter schmeckt die Hoffnung

Wird in Ägypten künftig ein religiöser Führer oder ein Präsident das Sagen haben? „Das Volk ist die rote Linie“, steht jedenfalls auf diesem aktuellen Wahlplakat, das auf dem Tahrir-Platz abgerissen wurde Bild: AFP

Die Revolution in Ägypten verblasst immer mehr zur Erinnerung. Doch der Kampf um Demokratie hat bei den Menschen einen Wandel im Denken bewirkt, der nicht zu unterschätzen ist.

          Alaa Abdel Fattahs Haare sind jetzt kurz geschnitten. Und er trägt neuerdings einen Bart. Ob die Haft, aus der er vor wenigen Tagen entlassen wurde, auch das Wesen des jungen Bloggers verändert hat, ob sie ihm den Mut rauben konnte, weiterzukämpfen für die Ziele der Revolution, werden die kommenden Wochen zeigen. Auf seinem Weg nach Hause legte der Aktivist jedenfalls - noch gekleidet in Häftlingsuniform - einen Stop auf dem Tahrir-Platz ein. Im Oktober war er ins Gefängnis gekommen, weil er dem Militär die Schuld an der Eskalation bei einer Demonstration gegeben hatte, bei der überwiegend koptische Christen getötet worden waren. Viel los war nicht auf dem Platz, als Abdel Fattah ihn erreichte. Man begrüßte ihn wie einen Held.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das ägyptische Volk braucht junge Menschen wie ihn: Menschen, die politische Führungsqualitäten haben; die nicht nur im virtuellen Raum für Demokratie eintreten, sondern ganz real; die nicht nur mit Wut im Bauch kämpfen, sondern politische Visionen entwickeln könnten; die jetzt, da das Land in eine Schockstarre gefallen zu sein scheint, der Revolutionsbewegung neuen Mut einflößen. Vor zehn Monaten wurde Hosni Mubarak abgesetzt, seit gestern steht er wieder vor Gericht. Doch die derzeit laufenden Parlamentswahlen werden wohl mit einem Sieg der Islamisten und der alten Eliten enden. Alaa Abdel Fattah gilt als Symbolfigur der Proteste gegen diese Herrschaft.

          Das Zeitalter der arabischen Aufklärung

          Über Facebook, Twitter und Blog hatten er und seine Frau Anfang des Jahres dazu aufgerufen, sich zu erheben gegen das System Mubarak, gegen Willkür und Repression. Wochenlang demonstrierten sie auf dem Tahrir-Platz, machten ihn zusammen mit Tausenden von anderen jungen Ägyptern zu einem Spiegel, der das ägyptische Volk in seinem besten Zustand zeigte: mutig, durchsetzungsstark und hungrig nach Demokratie; entschlossen, für Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit einzustehen. Es sei ein Bild gewesen, das die Menschen ihren Kindern bewahren wollen, mit dem sie vor Gott treten möchten und das sie an die Wand ihrer persönlichen Erinnerungen hängen, schreibt der ägyptische Journalist Yasser Abd el-azsiz in der Zeitung „Egypt Independent“. Es klingt wie ein Abgesang auf die Revolution.

          Auch im westlichen Ausland, in dem die Ereignisse am Nil als Jahrhundertchance begrüßt wurden, macht sich Enttäuschung breit. Mit den aktuellen politischen Entwicklung und den abermaligen Übergriffen ägyptischer Sicherheitskräfte gegen Demonstranten scheint das Land sich in die Zeit vor der Revolution zurückzukatapultieren. Über Jahrzehnte hatte sich das Vorurteil gehalten, dass es in Ägypten nur Israelhasser und verblendete Ideologen gebe. Doch die Bilder vom Tahrir-Platz im Februar zeigten auf einmal Frauen und Männer, die in Freiheit und Wohlstand leben wollen. Von einem Zeitalter der arabischen Aufklärung aus eigener Kraft war in internationalen Medien die Rede, von einem neuen im Nahen Osten, in dem nicht länger Despoten regieren. Der Mythos, arabische Gesellschaften neigten zu Dekadenz und Demut, sollte nicht mehr haltbar sein. Und auch die These, dass Islam und Demokratie unvereinbar sind, schien nicht länger tragfähig. War der Jubel etwa voreilig?

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