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Ägypten und die Demographie : Das große Töten der Jungen

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Die Hoffnungen von Äyptens rebellierenden jungen Männern könnten das Problem von morgen sein Bild: dpa

An jungen Männern, die gegen das Regime aufbegehren, hat Ägypten keinen Mangel. Um alle individuellen Hoffnungen zu befriedigen, sind es wiederum zu viele. Sollte die aktuelle Elite fortgejagt werden, könnte der Übergang blutig werden.

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          Jemen und Gaza haben ein Durchschnittsalter von siebzehn Jahren, Tunesien bringt es auf schon sehr erwachsene dreißig Jahre, während Ägypten mit 24 Jahren dazwischenliegt. Für die Einschätzung der längerfristigen Gewaltpotentiale ist das quantitative Verhältnis der Protestierer zu den von ihnen Bekämpften entscheidend. Ägypten hat in der jetzt herrschenden Generation der Fünfzig- bis Vierundsechzigjährigen knapp 4,4 Millionen Männer. Bei den Fünfzehn- bis Neunundzwanzigjährigen aber, die auf den Straßen die Aktivisten stellen, treten 12,5 Millionen junge Männer an. Selbst bei Annahme einer Komplettbeseitigung der aktuellen Elite werden für jeden frei werdenden Posten mindestens drei junge Männer bereitstehen. Da es Posten nicht für alle geben kann, versuchen sie sich gegenseitig zu delegitimieren.

          „Du bist nicht fromm genug für dieses Amt“ oder „Du hast nicht genug Hass auf Israel“ für die Stelle im Außenministerium soll dann das eigene Hochkommen rechtfertigen und ein „Du bist nicht demokratisch genug“ oder „Wir wollten doch unblutig reformieren“ aus dem Felde schlagen. Zur Abwehr von Verratsvorwürfen und damit für die Verteidigung des eigenen Lebens müssen dann auch die milder Gestimmten wildere Parolen verbreiten. All das aber schafft keine zusätzlichen Karrieren, sondern kann lediglich den Anspruch untermauern, auch weiterhin beim Ringen um den Aufstieg dabei sein zu dürfen.

          Demographische Dysbalancen

          Bei youthbulge-, also von Jugendüberhang getriebenen Revolutionen setzt das große Töten erst nach dem Sieg der Bewegung ein, weil die frei werdenden Pfründe nur für einen Bruchteil der Revolutionäre ausreichen. Die Älteren sind nicht zahlreich genug für die Abwehr der Jüngeren. Diese aber sind weitaus zu viele für einen friedlichen Übergang. Besser sieht es in Ägypten bei den bis zu Vierzehnjährigen aus. Da treten 13,9 Millionen Jungen gegen die 12,5 Millionen an, die jetzt fünfzehn bis 29 sind. Es steht – wegen des Rückgangs der Kinderzahlen von sieben auf drei – also fast schon 1 : 1 und nicht mehr 3 : 1. Zwischen den beiden jüngsten Kohorten Ägyptens kann die Wachablösung mithin friedlicher verlaufen als zwischen den aktuellen Rebellen und den gestandenen Männern, die ihren Status verteidigen. Gleichwohl werden jährlich über 900.000 ägyptische Jungen fünfzehn Jahre alt – gegenüber nur 380.000 in Deutschland, das wie Ägypten achtzig Millionen Einwohner hat. Viele dieser knappen Million werden beim Kampf gegen die Fünfzig- bis Sechzigjährigen die erbarmungslose Konkurrenz unter den Fünfzehn- bis Neunundzwanzigjährigen noch verschärfen.

          Deshalb kann sich die Armee Ägyptens nicht einfach abseitshalten und darauf hoffen, dass der Prozess unblutig bleibt. Die tunesische Armee hingegen kann nach der Abhalfterung ihres Präsidenten Ben Ali wieder in den Hintergrund treten. In dem Maghrebland liegt das Verhältnis zwischen Sechzigjährigen und Zwanzigjährigen bei rund 1 : 2,3 und nicht bei knapp 1 : 3 wie in Ägypten. Überdies können Tunesiens Fünfzehn- bis Neunundzwanzigjährige entspannter bleiben, weil die nachrückende Konkurrenz der bis zu Vierzehnjährigen nur noch 85 Prozent ihrer eigenen Stärke ausmacht. Hier sorgt die geringe Geburtenrate von nur 1,7 Kindern (gegen 1,4 in der Schweiz oder Deutschland) dafür, dass die Angst vor geringen Renten alsbald stärker ausfällt als die vor zornigen jungen Männern.

          Konfliktpotentiale im arabischen Raum

          Wenn man nun verstehen will, warum die Muslimbrüder der Hamas in Gaza eine Demonstration gegen Mubarak und damit indirekt ja für ihre Genossen bei den Muslimbrüdern in Ägypten gewaltsam auflösen, dann liegt das daran, dass sie jeden Jugendauflauf fürchten müssen. Denn bei ihnen steht es zwischen Sechzig- und Neunundzwanzigjährigen fast 1 : 5. Und die Nachrücker unter fünfzehn Jahren sind noch einmal um mehr als die Hälfte stärker als die jetzt umtriebigen Fünfzehn- bis Neunundzwanzigjährigen. Nur Jemen hat im arabischen Raum eine vergleichbare Brisanz. In beiden Gebieten hinterlässt seit 1950 jeder Vater sieben bis acht Kinder, und selbst 2010 gibt es immer noch fünf pro Frauenleben.

          Obwohl diese beiden Länder im arabischen Raum schon jetzt auf die längste Kette bewaffneter Konflikte zurückschauen können, dürften ihnen die ganz großen Auseinandersetzungen erst bevorstehen. Jordanien und Syrien wiederum mit einem Durchschnittsalter von 22 Jahren werden mögliche Umwälzungen weniger heftig austragen als diese demographischen Spitzen der arabischen Welt, haben aber entschieden mehr Dampf als Ägypten.

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